Basel
Lighthouse-Geschäftsführer: «Ich sperre Bewohner nicht ein»

Der Geschäftsführer des Wohnheims Lighthouse, Daniel Seeholzer, erfüllt den Patienten jeden Wunsch. Trotz schwieriger Fälle komme es nur selten zu Zwischenfällen.

Muriel Mercier
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Auf jedem Stock befindet sich ein Aufenthaltsraum.
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So sieht es im Basler Wohnheim Lighthouse aus
Die gelbe Fassade des Lighthouse ist symbolisch für das Licht.

Auf jedem Stock befindet sich ein Aufenthaltsraum.

Martin Toengi

Ein Leuchtturm gibt Hoffnung. Er ist ein Fixpunkt in stürmischer See, zeigt an, wo sich der sichere Boden befindet. Er wirft Licht in die Dunkelheit, schenkt Leben.

Das wünschen sich auch die Bewohner des Lighthouse. Sie sind in das Wohnheim eingezogen, weil sie an einer chronischen Erkrankung leiden und – in den meisten Fällen – nicht mehr nach Hause können. Ihre Diagnose lautet multiple Sklerose, Chorea Huntington – eine erbliche Erkrankung des Gehirns – oder sie leiden an Folgen ihrer einstigen Drogensucht. Die 17 Patienten leben in Einzelzimmern auf zwei Stöcken. Ihre vier Wände dürfen sie selber einrichten, ihre privaten Möbel – viele haben wegen der Grösse des Zimmers nicht Platz – mitbringen. Das Gebäude und die Wände sind gelb gestrichen – Licht für die Hoffnung. Im Flur hängen Schmetterlinge an der Wand.

Zur Person Der 45-jährige Geschäftsleiter des Lighthouse, Daniel Seeholzer, war nach einer KV-Ausbildung als Pfleger im Bethesda-Spital tätig. Bevor er zum Lighthouse kam, absolvierte er zudem eine Ausbildung zum Sozialpädagogen.

Zur Person Der 45-jährige Geschäftsleiter des Lighthouse, Daniel Seeholzer, war nach einer KV-Ausbildung als Pfleger im Bethesda-Spital tätig. Bevor er zum Lighthouse kam, absolvierte er zudem eine Ausbildung zum Sozialpädagogen.

Martin Töngi

Wechsel auf Langzeitpflege

Das Konzept des Lighthouse hat sich seit 2003 geändert. Bis zu diesem Zeitpunkt galt es als Sterbe-Hospiz für HIV-Erkrankte. Durch die immer besseren Therapien hat man HIV in den letzten Jahren in den Griff bekommen. Der Anteil an diesen Patienten hat abgenommen, erklärt der Geschäftsleiter des Lighthouse, Daniel Seeholzer. Die heutigen Bewohner leben mit einer körperlichen Beeinträchtigung und sind auf die Langzeitpflege angewiesen.

Diese neue Ausgangslage bringt mit sich, dass sich die Aufgabenbreite für das Pflegepersonal erweitert. Die Pfleger müssen sich in palliativer (sterbemedizinischer), kurativer (pflegender) und rehabilitativer (wiederherstellender) Pflege weiterbilden, führt Seeholzer aus: «Manchmal müssen wir externe Fachleute beiziehen.» Physiotherapie ist im Lighthouse ein fixer Termin. Haben die Bewohner Spezialwünsche an Therapien, werden diese meist erfüllt, die Leistungen müssen jedoch ausserhalb des Wohnheims bezogen werden. Für acht Patienten sind jeweils drei Pfleger zuständig.

«Ich sperre die Leute nicht ein»

Wie sie ihren Alltag gestalten, steht den 17 Patienten offen. Strenge Regeln gebe es keine, ausser wie in jeder anderen Wohnsiedlung. «Die Menschen sollen leben können, wie sie es möchten. Sie dürfen unser Haus verlassen, wann immer sie wollen.» Nur selten komme es zu Zwischenfällen. «Manchmal findet jemand den Rückweg nicht mehr. Aber wir wissen immer, wo die Leute hingehen und finden sie so wieder.»

Eine traurige Geschichte ist dennoch geschehen: Ein ehemaliger Spitzensportler hatte entschieden, an den Paralympics teilzunehmen. Er ging regelmässig schwimmen und ertrank eines Tages. Dennoch: «Ich schränke die Leute nicht ein. Wenn sie mobil sind, kann ich sie nicht einsperren.»

Es gibt jedoch feste Essenszeiten. Nur wenn es jemandem schlecht geht, kann er auf seinem Stockwerk bleiben, denn dort gibt es einen Aufenthaltsraum. Auf dem Flur stehen Kraftgeräte bereit. Unter anderem der Rollator von Roland Lüdi.

Doch so offen Daniel Seeholzer sein Wohnheim führt, die Lebensqualität ist individuell definiert. «Es gibt Bewohner, die mit dem Wort Heim Anpassung assoziieren und ihren Aufenthalt als Einschnitt in ihre Privatsphäre sehen.» Andere jedoch staunen über die Möglichkeiten, die im Lighthouse auf sie warten und sind gar erleichtert, hier einen Platz gefunden zu haben.»

Begleitung in den Tod

Mit 17 ist die Bettenanzahl sehr gering. Wird ein Zimmer frei, prüfe er bis zu zehn Dossiers, sagt Seeholzer. Da die Leute nicht mehr zum Sterben ins Lighthouse einziehen, kommt das nur noch alle paar Jahre vor. Die Begleitung in den Tod ist im Lighthouse möglich. «Wenn es medizinisch geht, darf der Patient hierbleiben.»

Der 45-jährige Daniel Seeholzer macht seinen Job gerne: «Ich habe erkannt, dass ich hier etwas bewegen kann.» Er könne sich mittlerweile von den Schicksalen abgrenzen. «Früher habe ich manchmal schlecht geträumt. Wenn ich Schmerzen hatte, habe ich an das Schlimmste gedacht.» Das sei heute anders. «Aber es gibt Momente, in denen ich realisiere, dass ein Patient zum Beispiel einem Gespräch folgt, selber aber nicht mehr darauf reagieren kann. Das bedrückt mich.»

Lighthouse-Bewohner: «Dass ich gehe, ist klar wie das Amen in der Kirche» Roland Lüdi hat einen eisernen Willen. Vor vier Jahren – vier Tage nach seiner Hochzeit – erlitt er eine Hirnblutung im Sehzentrum. Seither ist er auf dem linken Auge blind. Danach lag er ein Jahr auf der Wach-Koma-Station im Spital. An Pfingsten 2012 zog er in das Wohnheim Lighthouse. «Für mich war immer klar: Dass ich wieder gehe, ist klar wie das Amen in der Kirche.» Seither trainiert er jeden Tag hart für sein Ziel. «Gestern bin ich mit dem Rollator 16 Meter gelaufen.» Mit dem linken Bein kann er einen Schritt machen, das rechte Bein zieht er nach. Und im Zimmer steht ein Hometrainer, den er sich selber angeschafft hat. Durch seinen eigenständigen Einsatz hat Lüdi schon grosse Fortschritte gemacht. «Ich habe wieder Schreiben gelernt», sagt er stolz. «Meine Frau ist Primarlehrerin, sie kann es lesen.» Der heute 52-Jährige hat seine Krankheit akzeptiert. Er habe sich nie gefragt, warum es ausgerechnet ihn getroffen hat. «Ich war vorher nie krank und kannte es nicht, Hilfe annehmen zu müssen. Das war schwer.» Denn Hilfe benötigt er für alles. «Ich habe aber bald gemerkt, dass es einfacher ist, sie anzunehmen.» «Es ist nicht mein Daheim» Lüdi ist froh, dass er im Lighthouse sein darf. Aber zu Hause fühlt er sich nicht. «Es ist nicht ein Daheim. Das Lighthouse ist eine Zweckgemeinschaft, denn wir alle sind nicht freiwillig hier», sagt er. «Mein Zuhause ist im Kleinbasel bei meiner Frau.» Dieses Jahr hat er sie schon ein paar Mal besucht. «Es ist sehr schwierig, wenn ich ein Taxi rufen und wieder hierher kommen muss.» Er hat auch schon ein paar Mal zu Hause übernachtet. «Ich möchte aber erst richtig nach Hause, wenn meine Frau und ich sicher sind, dass es funktioniert. Damit wir nicht enttäuscht sind, wenn es nicht klappt.»Lüdi ist motiviert, sein Ziel eines Tages zu erreichen. Alleine gelassen fühlt er sich nicht, er habe neben seiner Frau viele Menschen, die ihn besuchen. «Im September gehe ich mit meiner Frau das erste Mal in die Ferien an den Vierwaldstättersee», freut er sich. Einen grossen Wunsch, ausser wieder ins Kleinbasel ziehen zu dürfen, hat er noch: Er hätte gerne einen Computer. Die IV bezahle ihm nur die Installation und das spezielle Programm.

Lighthouse-Bewohner: «Dass ich gehe, ist klar wie das Amen in der Kirche» Roland Lüdi hat einen eisernen Willen. Vor vier Jahren – vier Tage nach seiner Hochzeit – erlitt er eine Hirnblutung im Sehzentrum. Seither ist er auf dem linken Auge blind. Danach lag er ein Jahr auf der Wach-Koma-Station im Spital. An Pfingsten 2012 zog er in das Wohnheim Lighthouse. «Für mich war immer klar: Dass ich wieder gehe, ist klar wie das Amen in der Kirche.» Seither trainiert er jeden Tag hart für sein Ziel. «Gestern bin ich mit dem Rollator 16 Meter gelaufen.» Mit dem linken Bein kann er einen Schritt machen, das rechte Bein zieht er nach. Und im Zimmer steht ein Hometrainer, den er sich selber angeschafft hat. Durch seinen eigenständigen Einsatz hat Lüdi schon grosse Fortschritte gemacht. «Ich habe wieder Schreiben gelernt», sagt er stolz. «Meine Frau ist Primarlehrerin, sie kann es lesen.» Der heute 52-Jährige hat seine Krankheit akzeptiert. Er habe sich nie gefragt, warum es ausgerechnet ihn getroffen hat. «Ich war vorher nie krank und kannte es nicht, Hilfe annehmen zu müssen. Das war schwer.» Denn Hilfe benötigt er für alles. «Ich habe aber bald gemerkt, dass es einfacher ist, sie anzunehmen.» «Es ist nicht mein Daheim» Lüdi ist froh, dass er im Lighthouse sein darf. Aber zu Hause fühlt er sich nicht. «Es ist nicht ein Daheim. Das Lighthouse ist eine Zweckgemeinschaft, denn wir alle sind nicht freiwillig hier», sagt er. «Mein Zuhause ist im Kleinbasel bei meiner Frau.» Dieses Jahr hat er sie schon ein paar Mal besucht. «Es ist sehr schwierig, wenn ich ein Taxi rufen und wieder hierher kommen muss.» Er hat auch schon ein paar Mal zu Hause übernachtet. «Ich möchte aber erst richtig nach Hause, wenn meine Frau und ich sicher sind, dass es funktioniert. Damit wir nicht enttäuscht sind, wenn es nicht klappt.»Lüdi ist motiviert, sein Ziel eines Tages zu erreichen. Alleine gelassen fühlt er sich nicht, er habe neben seiner Frau viele Menschen, die ihn besuchen. «Im September gehe ich mit meiner Frau das erste Mal in die Ferien an den Vierwaldstättersee», freut er sich. Einen grossen Wunsch, ausser wieder ins Kleinbasel ziehen zu dürfen, hat er noch: Er hätte gerne einen Computer. Die IV bezahle ihm nur die Installation und das spezielle Programm.

Martin Toengi