Mitten im Satz kassiert Lafa einen Dämpfer. Er sitzt vornübergebeugt am Tisch in einem Gundeldinger Café, schlägt mit der rechten Faust in die offene linke Hand, sodass es klatscht und erzählt von dieser wahrscheinlich besten Zeile, die er je geschrieben habe. Mitten in diesem wichtigen Satz also beugt sich vom Nebentisch eine Dame hinüber, fragt, ob es vielleicht auch etwas leiser gehe, sie versuche sich hier mit ihrer Freundin zu unterhalten.

Klar, leise geht auch, kein Problem. Lafa lehnt sich zurück. Kann ja nicht jede wissen, mit wem sie es hier zu tun hat. Kann ja nicht allen bekannt sein, dass hier Mr. Hunger himself vom Eifer gepackt über seine Kunst referiert. Ist vielleicht noch nicht in die letzte Stube dieses Gundeldinger-Quartiers vorgedrungen, dass dieser Typ, der hier gebeten wird, leise zu sein, eben Lafa heisst und gerade dabei ist, für den Ruf dieses Quartiers in der ganzen Schweiz mächtig Wirbel zu machen.

Nid mol imne Johr ischs passiert
Mit de Bros im Revier bringe Stolz ins
Quartier
Gränze gits do nid chill
Sip e drink uf mi Team als wärs immer
so gsi

Dass es nicht immer so war, wie diese Strophe aus dem Track «Quartier» es berichtet, liegt auf der Hand. Schon gar nicht bei einem, der wie Lafa eigentlich Manuel Guntern heisst und die meiste Zeit seines 24 Jahre jungen Lebens in Laufen verbrachte, was an sich zwar bereits als grösseres Quartier durchginge. Aber das Laufental wird in einem anderen Track schon als «Provinz» gewürdigt.

«Quartier», das meint Gundeli. Hier wohnt Lafa heute in diesem für Gundeli-Verhältnisse gar nicht mal so hässlichen Block an der Dornacherstrasse Ecke Sempacherstrasse. Er studiert Deutsch und Geschichte und wohnt mit zwei Jungs in einer WG.

Mit dieser Biografie hängen die Punchlines natürlich hoch. Wer es in der Rap-Szene zu etwas bringen will, so lautet das Gesetz der Szene, sollte eher nicht aus Laufen, sondern besser gleich aus 4053 Gundeli kommen. Er muss rough sein, nicht die Faust im Sack machen, muss sich durchsetzen können und Asphalt fressen wie andere Teenager Cookies bei Starbucks.

Aber Lafa hat sich nie von seiner stereountypischen Jugend beirren lassen. Hat jahrelang schlechte Raps und miese Zeilen gereimt, «zum Davonlaufen», sagt er heute. Hat an sich gearbeitet, gefeilt, sich Sprosse um Sprosse emporgearbeitet auf der glitschigen Erfolgsleiter, bis er im vergangenen Jahr endlich diese harten, präzisen Punchlines zu greifen bekam, die sein erstes Album «Hunger» im März 2018 direkt auf Platz 7 der Schweizer Charts ballerten.

Zwei Top-10-Plätze im 2018

Dort ist er dann gleich nochmal gelandet, also auf Platz 7, mit seinem zweiten Album «Dornacher Ecke Sämpi», das im November 2018 erschien und mit dem er diesen Samstag im Sommercasino die Hütte abreisst. So heisst das mittlerweile, wenn Lafa und seine Jungs ihre Konzerte in den Sozialen Netzwerken ankünden: «Kömmed alli an Abrisss». Im Song «Cantona» bilanziert er:

Frauefäld Stage dive check
Royal Arena Playtime check
Top ten check
Mini Glatze in dr 20 Minute in dr
ganze Schwiz check

«Was 2018 abging, war absolut krank», sagt der Rapper, «ich wusste ich habs in mir, aber dass Lafa derart durchstarten würde, konnte keiner ahnen». Zwei Alben, zwei Top-10-Plätze in einem Jahr, dafür zollen dem Basler auch Kenner der Schweizer Rapszene Respekt.

Zum Beispiel Elia Binelli, Chefredaktor von «Lyrics», dem wichtigsten Hip-Hop-Magazin der Schweiz. «In Basel geht was, das hat man zum Beispiel am letzten Cypher, dem Klassentreffen der Hip-Hop-Szene bei SRF Radio Virus, deutlich gespürt», sagt Binelli und attestiert Lafa, was der für sich selber reklamiert: ordentlich Hunger. «Die Jungs, und da zähle ich neben Lafa auch seine Label-Kollegen Sherry-ou (Jeremias Ganzoni) und Skip (Loris Aeberli) von Dritter Stock Records dazu, haben ein neues Energielevel kreiert. Mit ihnen kommt ein ganz neues Soundbild aus Basel.»

Basel sei traditionellerweise ein hartes Pflaster, es dominiere der rohe, aggressive Battle-Rap der Strasse, sagt Binelli. Während sich die Rapper anderer Städte wie Luzern, Bern oder Zürich für neue Impulse öffneten, blieb Basel diesem Stil treu. Bis mitunter dank Lafa und dem Dritten Stock Label die Beats plötzlich anfingen, mit der Zunge zu schnalzen, verspielter wurden, melodiöser klangen.

Es ist der Sound der sogenannten New Wave, der nun auch in Basel Einzug hält und sich mit Stilmitteln wie Autotune (elektronisch verzerrter Stimme) und komplexen Rhythmen am sogenannten Cloud Rap, einer Spielart des Hip-Hop, bedient.

Was Lafa auszeichnet, ist sein Gespür für Rhythmus und Flow. Schwarz auf weiss klingen viele Zeilen falsch und unfertig, irgendwie roh. Aber mit dem Beat machen Zeilen wie «Mini Glatze in dr 20 Minute in dr ganze Schwiz check» Sinn.

«Ich zerbreche die Sätze einfach, wenn sie nicht auf den Beat passen», sagt Lafa, «die Message ist wichtig, nur die Message zählt». Korrekte Syntax, Grammatik, alles sekundär. «Es geht mir darum, Stimmungsbilder zu schaffen».

Die neue Ära kostet

Zu hören ist dieser syntaktische Schleuderkurs zum Beispiel auf dem Track «Ära». Für den Videoclip sind Lafa und Konsorten extra nach Island gereist, Kostenpunkt für die Produktion: 6000 Franken. Die neue Ära kostet. Bezahlt wird über Fördergelder, über Gagen, Kredite und Darlehen aus dem Freundeskreis. So läuft das.

Lafa - Ära

Ob Lafa 2019 an die Erfolge im vergangenen Jahr anknüpfen kann, muss er zeigen. Er arbeitet zur Zeit an seinem dritten Album. Binelli vom Magazin «Lyrics» sagt: «Der Start ist geglückt, jetzt muss Konstanz her.» Ein User auf Youtube kommentiert: «Was für ein Sch*song Lafa du Opfer.»

Lafa sagt: «2019 wird ein Verriss.» Das macht zusammengezählt einmal den Glauben ans Potenzial vom Experten, ein bisschen Neid und Hass im Netz und eine Prise Überheblichkeit vom Künstler selbst. In der Summe klingt das nach einer soliden Ausgangslage für ein aufregendes Rap-Jahr 2019.

Lafas beste Zeile, für die er eingangs noch einen Dämpfer kassierte, lautet dafür wie ein Versprechen: «Suech nid wältwiit nach legendäre Ort – machs wie ich, mach di Ort legendär.»


Live Sommercasino, Basel, Samstag 9. Februar, 22 Uhr.