Rätselhafter Fund
Kuriose Geschichte im St. Johann: Wiedergefundenes Velo wirft Fragen auf

Ein gestohlenes Velo taucht in einem Keller in der Wasserstrasse auf. Es ist nicht das einzige Fahrzeug in dem verbarrikadierten Raum.

Helena Krauser
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Der Ort des Geschehens: Die Wasserstrasse im St. Johann.

Der Ort des Geschehens: Die Wasserstrasse im St. Johann.

Nicole Nars-Zimmer

Zwei Mal kurz nacheinander sei sein Elektrovelo gestohlen worden, erzählt ein 31-Jähriger aus Muttenz, der lieber anonym bleiben will. Beide Male geschah dies, als er seine Freundin besuchte, die vor kurzem ins Kleinbasel gezogen ist. Auf eigene Faust hat er das Velo jeweils gesucht und gefunden. Beim zweiten Mal machte er dabei eine Entdeckung, die ihn an seinem Weltbild zweifeln lässt.

Sein Glück ist, dass sein Velo mit einem GPS-Sender ausgestattet ist. Mit Hilfe einer App kann er so zurückverfolgen, wo es sich gerade befindet. Beim ersten Diebstahl bekam er eine Benachrichtigung: Das interne Schloss sei aufgebrochen worden und das Fahrzeug befinde sich nun eine Strassenecke weiter. Und tatsächlich nur ein paar Meter von der Wohnung entfernt stand es auf dem Trottoir. Fein säuberlich abgestellt.

GPS-Sender und Temperaturanzeige

Ein paar Tage später schaltete er morgens sein Smartphone ein. Wieder erhielt er eine Nachricht, dass sein Velo in der Nacht gestohlen wurde. Diesmal funktionierte der GPS-Sender aber nicht mehr. Es wurde kein Standort angegeben. Er ging zur Polizei und meldete sein Velo als gestohlen. Nach einigen Stunden sendete der GPS-Sender wieder. Angezeigt wurde eine Adresse im Basler St.-Johann- Quartier. Genauer ganz am Ende der Wasserstrasse.

Der Eigentümer des Velos meldete die Neuigkeit der Polizei. Diese fuhr durch die Strasse, konnte aber kein Elektrovelo finden. Daraufhin fiel dem 31-Jährige die Temperaturanzeige ein. Diese zeigt auf dem App an, wie warm der Akku des Fahrzeugs aktuell ist. An diesem kalten Novembertag zeigte der installierte Temperaturmesser 16 Grad an. Damit war klar: Das gestohlene Fahrzeug muss sich in einem Innenraum befinden. Gemeinsam mit seiner Freundin ging er dann selber in die Wasserstrasse.

Verbarrikadiertes und abgeschlossenes Abteil

Die Wasserstrasse ist als Wohnort und Treffpunkt der linken Szene bekannt. Nach jahrelangem Widerstand gegen den geplanten Abriss und einer stadtweiten Mobilmachung ging die Häuserzeile im Jahr 2016 im Baurecht an die Genossenschaft Gnischter über.

Bei der angezeigten Adresse angekommen, fanden die beiden eine offene Haustür. Sie gingen in den Keller. Dort sahen sie ein verbarrikadiertes und abgeschlossenes Abteil. Nur an einer Stelle fanden sie ein Loch, durch das man in den Raum schauen konnte. Dort stand das gestohlene Elektrovelo zwischen etwa zehn weiteren Velos, einige davon mit Elektromotor und mindestens zehn verpackten Fernsehgeräten. Ob es sich dabei ebenfalls um Diebesgut handelt, konnten sie nicht erkennen.

Besitzer erhielt Fahrzeug zurück

Der Velobesitzer war erstaunt, ein solches Bild in einem Wohnhaus von linken und für soziale Gerechtigkeit kämpfenden Menschen anzutreffen. Er entschloss sich, die Polizei zu rufen, sehr zum Unmut der Bewohner. Gemäss Aussagen des Mediensprechers des Justiz- und Sicherheitsdepartements Toprak Yerguz versammelten sich nach dem Eintreffen der Polizei zahlreiche mutmassliche Bewohner der Liegenschaft und bedrängten die Polizisten und den Besitzer des Velos.

Daraufhin hätten sich die Polizisten für kurze Zeit auf die Strasse zurückgezogen und Verstärkung gerufen. «Die weiterhin zahlreicher werdenden Bewohner gaben nach kurzem Hin und Her das Fahrzeug dem Besitzer zurück. Angeblich sei es zuvor im Garten aufgefunden worden», so Yerguz.

Schriftliche Stellungnahmen

Auch der Velobesitzer beschreibt die eskalierende Situation als unangenehm und bedrohlich. In der Diskussion mit Bewohnern sei ihm ausserdem vorgeworfen worden, er wäre ja gut betucht und könne sich ein teures Velo locker leisten. «So ist es aber nicht. Ich arbeite in der Landwirtschaft und habe drei bis vier Monatslöhne in das Elektrovelo investiert», sagt er.

Auf Anfrage der bz nahmen einige Bewohnerinnen und Bewohner der Wasserstrasse schriftlich Stellung zum Vorfall. Sie bedauern, dass der Velo besitzer die Polizei einschaltete und nicht die Bewohnerinnen und Bewohner angesprochen hat: «Das Problem hätte ohne Anwesenheit der Polizei viel einfacher gelöst werden können.» Gemäss den Aussagen haben die Bewohner dem Besitzer geholfen, das Velo zu finden, und es ihm zurückgegeben. Gegenüber der bz sagen sie, man wisse nicht, wie es in den Keller gekommen ist. Der Schaden am Velo beläuft sich auf rund 2300 Franken.

Verfahren läuft wegen Diebstahl

Bezüglich der Gegenstände, die ebenfalls in dem verbarrikadierten Keller standen, schreiben die Bewohnerinnen und Bewohner: «Was im Keller herumsteht, gehört den Bewohnerinnen und Bewohnern. Zu behaupten, die Sachen seien gestohlen, ist eine böse Unterstellung.» Die Polizei rapportierte den Fall zuhanden der Basler Staatsanwaltschaft. Diese bestätigt, dass ein Verfahren wegen Diebstahl bearbeitet wird.