Theaterfestival Basel

Kranke Nerven, wilde Clowns und leuchtende Sprache

Das Theaterfestival Basel dauert noch bis Sonntag. Bisher gab es viel hinreissendes Theater zu entdecken.

Festivals sind der Ort, wo das Publikum die ganze Vielfalt zeitgenössischer Theaterformen entdecken kann. Das Theaterfestival Basel wird diesem Anspruch gerecht. In der laufenden Woche gab es einige Trouvaillen zu entdecken.

Die Titel «Chinchilla Arschloch, waswas» und «Campana» sind Programm. Das Dokumentartheater-Label Rimini Protokoll und der Nouveau Cirque Trottola präsentierten Formensprachen, die eigentlich unterschiedlicher nicht sein können: Während beim Ersteren die Unberechenbarkeiten einer aus den Fugen geratenden Realität den Takt angibt, ist beim Letzteren absolute artistische Perfektion gefragt.

Und doch gibt es in diesen Gegensätzen auch Gemeinsamkeiten: In beiden Fällen wird die Form und Ästhetik des Bühnen- oder Manegenspektakels auf den Kopf gestellt. Und beide Produktionen sind strube Gaukelspiele, unerhört witzig und berührend zugleich.

Ein Gaukler der besonderen Art ist auch der Schauspieler Romain Daroles. Er schafft es den Fünfakter «Phèdre» als Solo zu spielen und gleichzeitig ein humoriges Seminar über Klassiker, Mythologie und die Kunst des Versmasses zu geben.

Tourette-Syndrom und Manegen-Poesie

Helgard Haug von Rimini Protokoll hat drei Männer mit Tourette-Syndrom zusammen mit einer Musikerin auf die Bühne gebracht. Tourette ist eine Erkrankung des Nervensystems, welche die Betroffenen unkontrollierbaren Ticks und Ausfällen unterwirft. Das können wilde Zuckungen sein, seltsame Piepsgeräusche oder wüste Schimpfworte. «Ich habe einen Kasper im Kopf, der mich ärgert», sagt einer einmal.

Tourette auf die Bühne zu bringen ist wahrhaft grenzwertig. Ein kontrollierter dramatischer Ablauf eines Theaterabends ist nicht möglich, Tourette torpediert die Konventionen. Und als Publikum gerät man in Gefahr, zum Voyeur realer menschlicher Unzulänglichkeiten zu werden. «Draussen bin ich eine Störung, hier bin ich eine Attraktion», wird einem an den Kopf geworfen.

Doch Haug und den vier Akteuren gelingt das Kunststück, diese Gefahren auf phänomenale Art zu umschiffen. Beklemmende Ernsthaftigkeit mischt sich mit ungemein witziger Selbstironie. Es gibt viel zu lachen an diesem Abend in der Reithalle der Kaserne Basel, aber die Menschen auf der Bühne, die so viel von sich preisgeben, können ungemein witzig sein, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Es ist ein Lachen mit einem lange andauernden und ernsthaften Nachhall.

Die beiden Artisten und die zwei Musiker des Nouveau Cirque Trottola stellen mit «Campana» die Ästhetik der auf Perfektion und schönen Schein getrimmten Zirkuswelt auf den Kopf. Alles ist abgewetzt und verquer an diesem Abend: die Kostüme, die Dramaturgie der Nummern, die Musik.

Es ist, als ob Zampano und Gelsomina aus Fellinis «La Strada» ein Zirkuszelt bekommen hätten, oder Samuel Beckett seine beiden traurigen Clowns aus «Warten auf Godot» Akrobatik beigebracht hätte. Scheinbar widerwillig lässt sich der rauschebärtige Bulle Bonaventure Gacon von seiner zierlichen Partnerin Titoune zu atemberaubenden Akrobatiknummern drängen. Mit einer charmant gespielten mürrischen Beiläufigkeit wirft er seine Partnerin weit hinauf in die Zirkuskuppel und fängt sie mit weit nach oben gestreckten Armen spielend wieder auf.

Es folgen des Weiteren Auftritte von Titoune als struppiges Kätzchen am Trapez oder von Bonaventure als fahriger Clochard-Clown. Begleitet werden sie von einem Multinstrumentalisten-Duo, das sich am besten als Zirkus-Punkorchester umschreiben lässt. So dargeboten wird akrobatische Virtuosität zur hinreissenden Trash-Poesie.

Das Publikum in den jeweils ausverkauften Vorstellungen feierte beide Produktionen zurecht mit frenetischem Applaus.

Ein Klassiker erscheint unerwartet in neuem Glanz

«Phèdre» ist ein monumentaler Stoff. Die Inzestgeschichte um die Königin, die sich in ihren Stiefsohn verliebt, und sich am Ende selbst vergiftet, ist klassisches Kulturgut, mit allem was zu einem antiken Stoff gehört: Liebe, Mord, Angst und Hass und verwirrend viel Personal. Jean Racine hat mit seinem gleichnamigen Stück die französische Dramatik begründet.

Trotz der schwer lastenden Tradition betritt Romain Daroles die Bühne leichtfüssig. In Jeans und T-Shirt. Ein Buch, ein Tisch, ein Teppich und eine einzige Lichteinstellung genügen ihm, um ein ganzes Stück und 2500 Jahre Theatergeschichte in 100 Minuten auferstehen zu lassen.

Der schlaksige Schauspieler scheint alles zu improvisieren. Erst am Ende wird klar, dass er präzise einer Vorlage gefolgt ist, die ihm Regisseur François Gremaud geschrieben hat.

Zu Beginn erklärt Daroles griechische Mythologie im Schnelldurchlauf, um erst danach mit dem Drama zu beginnen, das sich in einem imaginären Palast an den Gestaden des ägäischen Meeres abspielt. Kaum begonnen, erklärt uns der Erzähler die Sprache Racines, das zwölfsilbige Versmass des Alexandriners, und fasst das Stück in drei Worten zusammen: «Sea, Sex and Sun».

Wie Daroles dann alle Figuren des Dramas alleine spielt, unterbrochen von kulturhistorischen Ausflügen über Schiller, Proust oder Victor Hugo, das ist grosse Kunst. Ihm gelingt es, den Klassiker zu dekonstruieren und ihn gleichzeitig neu zusammenzusetzen.

Das Büchlein dient ihm mal als Krone, als Bart oder als Frisur. Dieser nonchalante Umgang mit hehren Theatermitteln wird, je länger das Stück dauert, zu einer eindringlichen Respektbekundung. Auf der aller Illusion beraubten Bühne beginnt die wundervolle Sprache, mit der diese Figuren ihr tragisches Schicksal besingen, erst recht zu leuchten.

Theaterfestival Basel
Bis Sonntag, 6. September. www.theaterfestival.basel.

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