Ausstellung
Katja Aufleger löscht im Museum Tinguely das Licht

Die deutsche Künstlerin präsentiert fragile Skulpturen, gefährliche Chemikalien – und explodierende Glühbirnen.

Hannes Nüsseler
Merken
Drucken
Teilen
Explosives Gemisch: «Bang» von Katja Aufleger.

Explosives Gemisch: «Bang» von Katja Aufleger.

Gina Folly

Die bauchigen Glasflaschen sind miteinander verwachsen wie siamesische Zwillinge, doch ihre Innenleben sind getrennt: farblose und bunte Flüssigkeiten, Granulate und Pulver. Hübsch, bis auf die scharfkantigen Flaschenhälse und den vielsagenden Titel, den die in Berlin lebende Katja Aufleger ihrer Werkgruppe gibt: «Bang». Denn dieses «Peng», erklärt Lisa Grenzebach, Kuratorin am Museum Tinguely, ist durchaus ernst zu nehmen.

«Wir fühlen uns von der Farbigkeit und den biomorphen Formen vielleicht angezogen, aber die Substanzen sind im vermischten Zustand explosiv», so Grenzebach. Die harmloseste Kombination sei noch die sogenannte «Hausfrauenbombe» (Essig und Backpulver), die bei unsachgemässer Handhabung aber schon mal ein Loch in die Zimmerdecke sprengen kann, wie die Künstlerin verrät. Also: Finger weg!

Das zerstörerische Potenzial zieht sich wie eine Lunte durch Katja Auflegers Einzelausstellung «Gone» im Museum Tinguely. Allerdings ist die Zerstörungskraft – in den meisten Fällen – nur gedanklich angelegt, die Künstlerin friert den fragilen Moment vor der Katastrophe zeitlich ein. Am augenfälligsten wird dies bei ihrer Installation «Newton’s cradle», die ein überdimensioniertes Kugelstosspendel nachbildet – das nervtötend tickende Gadget aus unzähligen Kinderzimmern.

Ein Kugelstosspendel aus Nitroglycerin

Auflegers Modell ist glücklicherweise aber «zum Stillstand verdammt», wie Grenzebach erklärt, enthalten die Glaskugeln doch die Einzelbestandteile des äusserst stossempfindlichen Sprengstoffes Nitroglycerin. Aber nicht überall will Katja Aufleger Scherben vermeiden, und bei ihrer Videoarbeit «Love affair» wird sogar geschossen – mit dem Luftdruckgewehr auf Glühbirnen und LEDs. «Was zart ­daherkommt, ist es nicht immer», ­erläutert Grenzebach. Die Veränderlichkeit als Konstante beherrscht Naturgesetze wie menschliche Beziehungen.

«The glow»

«The glow»

Katja Aufleger

Nicht immer wird es jedoch so ­düster wie in «Love affair». Ein ­Titel wie «Und dann kippte er ­literweise Schwarz in mein ­Lieblingsblau» kann dem dazugehörigen, regenbogen­farbenen Kreis aus Putzmitteln nichts anhaben. Und in einer Ecke stehen selbst gebastelte Blasinstrumente aus PET-Flaschen, die Schülerinnen und Schüler während eines Künstlerprojektes in Kenia hergestellt haben.

Sie bräuchte eigentlich ein ganzes Museum, um das Œuvre der jungen Künstlerin zu zeigen, sagt die Kuratorin. Ist Platzmangel der Grund, weshalb Aufleger zeitgleich in der Basler Galerie Stampa ausstellt? «Nein, das ist ein Zufall. Aber auch eine schöne Symbiose.»

Auch Auflegers Video­instal­lation «The glow» wirkt wie ein friedliches Miteinander. Köderfische aus Schulungsfilmen führen ein elegantes Unterwasserballett auf. Dazu klickert eine asynchrone Tonspur wie das Echo des verhinderten Kugelstosspendels, doch kommt hier niemand zu Schaden. Die einzigen, die anbeissen, sind die Besucherinnen und Besucher – ohne den Haken zu spüren.

«Katja Aufleger. Gone», ­Museum Tinguely, bis 14. März 2021. www.tinguely.ch
«Because it’s you», Galerie Stampa, bis 30. Januar 2021. www.stampa-galerie.ch