Der Basler Historiker schafft nun mit einem umfassenden Überblickswerk Abhilfe. In «Für alle! Die Basler Volksschule seit ihren Anfängen» veranschaulicht der ehemalige Leiter der Basler Volksschulen, mit welchen Problemen die Schule seit ihrer faktischen Gründung im Jahr 1880 zu kämpfen hatte.

Der Blick, der bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht, zeigt vor allem Eines: «Für alle» war die Volksschule lange Zeit nicht. Bis heute sind es vor allem die integrativen Anforderungen, welche die Schule vor Schwierigkeiten stellen.

«Psychopathen» wurden isoliert

Besonders hart traf es die Kinder mit Behinderung. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie komplett vom Unterricht ausgeschlossen. Mit der Einführung von Spezialklassen 1888 fand zwar eine erste Annäherung statt, von einer Gleichstellung kann aber nicht die Rede sein. Besonders schwer erziehbare Jugendliche wurden ins «Psychopathenheim» Farnsburg geschickt, das 1927 eröffnet wurde. Ziel war es, die Betroffenen ihrem Umfeld zu entziehen, da eine schädigende Wirkung vermutet wurde.

Es ist in erster Linie den privaten Sonderschulen zu verdanken, dass Kinder mit Behinderung nach und nach den Anschluss an die Gesellschaft fanden. Zu den Vorreitern gehörte die 1968 gegründete Christophorus-Schule. Im Verlauf der Jahre verschob sich der Fokus von separierenden hin zu integrierenden Massnahmen, was in der Schaffung von Integrationsklassen kurz vor der Jahrtausendwende gipfelte.

Andere Debatten sind in der Öffentlichkeit weitaus präsenter. Gerade die Integration von ausländischen Schülern war in der Geschichte der Volksschule zentral. Vor dem Ersten Weltkrieg lag der Ausländeranteil in Basel bei einem Höchstwert von 38,4 Prozent. Der Druck, fremdsprachige Kinder bereits früh mit der deutschen Sprache zu konfrontieren, wuchs aber erst im Jahr 2000, als die Schweizer Schüler mit ihren Leseleistungen bei der PISA-Studie überraschend schlecht abschnitten.

Das ewige Religionsdilemma

Seither vermischt sich die Debatte rund um die Sprachkenntnisse der ausländischen Schüler mehr denn je mit jener rund um die Religionszugehörigkeit der Kinder. Die damit verbundene Frage nach der Trennung von Kirche und Staat bildet den wohl grössten Konflikt in der Geschichte der Volksschule.

Bis weit ins 20. Jahrhundert blieb die Verflechtung von Kirche und staatlicher Schule bestehen. 1884 wurde die Katholische Schule geschlossen, nachdem eine Mehrheit der Protestanten den wachsenden katholischen Bevölkerungsanteil mit Misstrauen beobachtete. Trotz des Beschlusses zur Trennung von Kirche und Staat im Jahre 1910 wurde das Schulgebet erst in den Dreissigerjahren verboten.

Andere Probleme sind in der Schulgeschichte schon beinahe Dauerbrenner, wie Felder in seinem Buch eindrücklich demonstriert. So ist etwa der Streit um die obligatorische Teilnahme am Schwimmunterricht nicht erst in den letzten Jahren entstanden. Bereits 1931 wollte ein katholischer Pfarrer Eltern dazu bringen, ihren Kindern den Besuch der geschlechtergemischten Familienbäder Eglisee und Breite zu verbieten. Damals hielt der Grosse Rat aufgrund mehrerer Interpellationen fest, dass der Besuch des Gemeinschaftsbads keine Verletzung der Religionsfreiheit darstelle.

Es sind Anekdoten wie diese, die Felders Buch zu einem reichen Fundus an Basler Stadtbegebenheiten machen. Felder bettet aktuelle Schuldebatten in ihren historischen und gesellschaftlichen Kontext ein. Entstanden ist ein umfassender Beitrag zur Basler Stadtgeschichte, der erkennen lässt, was die hiesige Gesellschaft im Verlauf der Jahrhunderte umtrieb, welche erheblichen Fortschritte dabei bereits erzielt wurden und welche Herausforderungen noch auf diese Stadt und ihr Schulwesen warten.