Schnee in der Kultur
Haiku: Der Winter ist ein Gedicht

Das japanische Haiku braucht für die vier Jahreszeiten nur drei Zeilen.

Hannes Nüsseler
Merken
Drucken
Teilen
schnee0

schnee0

Hannes Nüsseler

Weissraum steigert die Konzentration: Nicht nur in der Typografie ist weniger oft mehr. Das Winterbild zeigt Basel vom Prattler Horn aus gesehen – ohne Basel. In ­Japan wird eine solche Auslassung «Ma» ­genannt, dasselbe Wort beschreibt auch den ­Sicherheitsabstand zwischen zwei Kämpfern. Distanz ist eine Frage des Respekts.

Nirgends fällt mehr Schnee als in Japan. In den Bergen auf der Westseite der Insel Honshu sind es bis zu 40 Meter pro Jahr. Und so wie Japanerinnen und Japaner im Frühling das Kirsch­blütenfest (Hanami) begehen, ist auch das ­Beschauen des ersten Schnees (Yukimi) ein gesellschaftliches Ereignis.

Dabei wird das ästhetische Prinzip des «Wabi-Sabi» gewürdigt: Nicht die im Westen mit der weissen Farbe des Schnees assoziierte Reinheit und Heiligkeit werden gefeiert, sondern die Flüchtigkeit der Flocken.

Um diese einzufangen, braucht es nur wenige Worte: Haikus sind die knappste Gedichtform überhaupt. Die japanischen Dreizeiler handeln zumeist von den Jahreszeiten und einem konkreten, einzigartigen Erlebnis:

In den Wäldern drüben
tief unter der Last des Schnees
ist letzte Nacht ein Pflaumenzweig erblüht.

Die einsamen Worte ­behaupten sich tapfer gegen das Schweigen und bringen dieses zum Klingen. Weiss ist also nicht das «endlose Leichentuch», das Herman Melville in «Moby Dick» beschwört. Die Leere birgt Möglichkeiten, der Weissraum das Versprechen eines Neuanfangs. Frei nach Hannue:

Bärlauch –
mein Kühlschrank riecht
den Frühling.