Lörrach

Grosse Stimme am «Stimmen» – trotzdem springt der Funke nicht über

Der britische Senkrechtstarter George Ezra überzeugt beim Stimmen-Festival in Lörrach als Sänger und Entertainer.

«Was für eine Stimme, das ist ja der Wahnsinn», sagt ein älterer Mann zu seiner weiblichen Begleitung, während er an seinem Bier nippt. Diese Wahnsinns-Stimme, die am Donnerstagabend den Marktplatz in Lörrach erfüllt, gehört dem Singer-Songwriter George Ezra.

Seit der Engländer vor fünf Jahren mit seinem Song «Budapest» einen Hit landete, geht es für ihn steil bergauf. Sowohl sein Debütalbum «Wanted On Voyage» als auch das Nachfolgewerk schafften es in seinem Heimatland an die Spitze der Charts und auch in der Schweiz ist er mit seinen Songs ein gern gesehener Gast in den Top 10.

In diesem Jahr wurde er bereits mit einem Brit Award und einer Goldenen Kamera ausgezeichnet. Eines ist klar: Dieser junge Mann aus dem beschaulichen Hertford räumt momentan so richtig ab. Das merkt man auch an den vielen Menschen, die für sein Konzert ans Stimmen-Festival gereist sind.

Ein Wohnzimmer und Pflanzen für die Band

Nachdem die britische Indie-Band Kawala die Festival-Besucher in Stimmung gebracht hat, blicken diese gespannt in Richtung Bühne, wo immer mehr Zimmerpflanzen aufgestellt werden. Der Hintergrund ist einer altmodischen Tapete nachempfunden, vorne steht ein Grammophon.

In dieser heimeligen Wohnzimmer-Atmosphäre begrüsst George Ezra darauf sein Publikum. Kurz nach 21 Uhr betritt er mit seiner «lovely band», wie er sie vorstellt, die Bühne. Ganz in schwarz gekleidet geben sie den Hit «Don’t Matter Now», die erste Single-Auskopplung des zweiten Studioalbums, «Staying at Tamara’s», zum Besten.

Neunzig Minuten lang spielt sich George Ezra gemeinsam mit seinen Musikern quer durch seine beiden Alben, die nur so vor Radio-Songs strotzen – denn dieser junge Mann weiss, wie man Hits schreibt. Nacheinander haut er einen Ohrwurm nach dem anderen raus. Die Melodien seiner Lieder sind eingängig, der Sound ist irgendwie bluesig, poppig und gleichzeitig auch Folk-inspiriert.

Doch nicht nur die eingängigen Songs, sondern auch die einzigartige Stimme ist es, die den Sänger so erfolgreich machen. Bei Ezra geht nämlich jeder Ton runter wie Öl. Samtig, weich und angenehm tief klingt seine Stimme, die so überhaupt nicht zum äusseren Erscheinungsbild des erst 26-jährigen Briten mit dem exakt gezogenen Scheitel und dem Babyface passen will.
Mit dieser Stimme und Songs wie «Listen to the Man», «Pretty Shining People» oder «Paradise» bringt er das Publikum in Lörrach zum Wippen. Da wird ein bisschen geschnippt, geklatscht und ab und zu auch mitgesungen.

Seine bekannten «Feelgood-Songs», aber auch ruhigere Töne wie die Ballade «Hold my Girl», kommen beim Publikum gut an. Wegen all dieser Hits sind die meisten Fans wohl auch nach Lörrach gereist. Doch trotz guter Popsongs und der tollen Stimme des Sängers will der Funke irgendwie nie ganz überspringen. So richtig mitreissen, kann er die Leute dann doch nicht.
Ob es an der Wohnzimmer-Atmosphäre liegt? Oder einfach daran, dass der bodenständige Ezra eben keine Rampensau, kein extravaganter Performer ist, der das Publikum zum Ausrasten bringt? «Very british» ist er auf jeden Fall und sehr sympathisch.

Tiefenentspannt und ganz schön lässig performt er seine Lieder und erzählt dazwischen immer wieder kleine Geschichten darüber, wie seine Songs entstanden sind.

Das Publikum lernt dabei, dass Ezra die Inspiration für seine Lieder vor allem auf Reisen findet. Sein erstes Album sei entstanden, als er unter anderem Barcelona besuchte. Die spanische Stadt gibt nicht nur einem seiner grössten Hits den Namen, sondern ist sie auch Inspirationsquelle für sein zweites Album «Staying at Tamara’s».

So reiste er für einen Monat erneut dahin, wo er nicht in einem Hotel, sondern bei Tamara, einer Fremden, die er übers Internet gefunden hatte, wohnte. «Why the fuck have you done this George?», denkt er laut nach und bringt damit das Publikum zum Lachen.

Mit einer Flasche Rum am Eurovision Songcontest

Die wohl witzigste aller Anekdoten, die er an diesem Abend erzählt, dreht sich jedoch um seinen Hit, mit dem er damals vor fünf Jahren den Durchbruch schaffte. «Budapest» ist nämlich keineswegs eine Hommage an die Stadt. Im Gegenteil: In Stockholm überredeten ihn drei Schwedinnen zum Public Viewing des Eurovision Songcontests, der zu diesem Zeitpunkt in der Stadt stattfand. Nüchtern wollte er sich das nicht antun.

«Ich habe dann bei einem Typen im Park eine Flasche Rum gekauft. Am nächsten Tag ging es mir gar nicht gut.» Das sei dann auch der Grund gewesen, warum er es nicht nach Budapest geschafft hätte. Wieder lacht das Publikum. Und als sich Ezra und seine Band dann mit «Cassy O» sowie mit dem Hit «Shotgun» von der Bühne verabschieden, kommt dann doch noch ein kleines Bisschen Partystimmung auf.

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