Überbuchungen

Fliegen Sie mit Easyjet? Dann nehmen Sie sich lieber einen Tag mehr Zeit

Jährlich werden rund 400 Fälle von ‹denied boarding› gemeldet.

Jährlich werden rund 400 Fälle von ‹denied boarding› gemeldet.

Weil Fluggesellschaften mehr Tickets verkaufen als Plätze verfügbar sind, bleiben jährlich rund 400 Passagiere auf der Strecke. Bei Easyjet war letzte Woche ein Flug so stark überbucht, dass sogar frühzeitiges Online-Einchecken nicht mehr möglich war.

Krakau, Polen, Sonntagmorgen. Die Easyjet-App verweigert den Online-Check-in für den Flug am Nachmittag, nur eine nichtssagende Fehlermeldung erscheint. Am Check-in-Schalter im John Paul II International Airport, der nach dem 2005 verstorbenen polnischen Papst benannt wurde, wird klar: Es haben mehr Personen ein Ticket für den Flug nach Basel gekauft als Plätze im Flugzeug zur Verfügung stehen. Und nicht nur das: Es haben auch mehr Personen online oder am Schalter eingecheckt, als Plätze zur Verfügung stehen.

Easyjet bestätigt, dass für den Flug EZS1098 vom 15. März von Krakau nach Basel «drei Personen darüber informiert worden sind, dass sie möglicherweise nicht werden fliegen können», wie Sprecherin Christine Lépine auf Anfrage schreibt. «Die drei Passagiere konnten das Flugzeug aber besteigen, da drei andere Fluggäste nicht erschienen sind.»

Der Flug EZS1098 vom 15. März von Krakau nach Basel war überbucht.

Der Flug EZS1098 vom 15. März von Krakau nach Basel war überbucht.

Easyjet kritisiert die Konkurrenz

Dass der Low-Cost-Carrier seine Flüge derart überbucht, ist erstaunlich. Schliesslich sagte Ray Webster, Vorstandsvorsitzender von Easyjet 2005 bei der Einführung der neuen Fluggastrechte (siehe Box): «Das Gesetz wurde mit dem richtigen Vorsatz begonnen, die Praxis traditioneller Fluggesellschaften, Passagiere durch Überbuchungen auszunehmen, zu beenden.»

Laut Sprecherin Lépine komme es bei Easyjet nur extrem selten vor, dass Passagiere vom Flug ausgeschlossen werden müssen, weil der Flug überbucht worden sei. «Easyjet überbucht durchschnittlich maximal 1 Prozent der Plätze, also 1 bis 2 Passagiere pro Flug.»

Normalerweise würden aber rund 5 Prozent der Käufer von Flugtickets von sich aus nicht am Flughafen erscheinen. Easyjet weise eine der höchsten Flugzeug-Auslastungen in der Branche aus, allerdings «erreichen wir dieses Ziel ohne Überbuchungen in der Art, wie traditionelle Fluggesellschaften es tun», gibt Lépine zu Protokoll.

400 Meldungen pro Jahr

Dass alle Fluggesellschaften das Prinzip der Überbuchung anwenden, bestätigt auch Nicole Räz vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). «Damit reagieren die Fluggesellschaften auf sogenannte Noshows – meist Geschäftsleute, die aus terminlichen Gründen mehrere Flüge buchen, jedoch nur einen davon antreten», so Räz. Beim Bazl gehen jährlich rund 400 Meldungen über Passagiere ein, die ihren Flug trotz gültigem Ticket nicht antreten durften. Eine steigende Tendenz solcher «denied boarding»-Fälle könne nicht festgestellt werden. Welche Fluggesellschaften am häufigsten gemeldet werden, durfte die Sprecherin nicht sagen.

Überbucht ist auch die Swiss

Auch die Swiss verkauft für ihre Flüge mehr Tickets, als Sitzplätze zur Verfügung stehen. «Für jeden Flug werden historische Daten hinterlegt und ein eigenes Profil errechnet», sagt Sprecherin Sonja Ptassek, ohne genaue Zahlen zu nennen. Sei ein Flug effektiv überbucht, würde zunächst nach Passagieren gesucht, die freiwillig vom Flug zurücktreten möchten.

Dies sei gemäss Pressesprecherin auch bei Easyjet der Fall. «Sollten keine Personen freiwillig auf ihren Flug verzichten, können Passagiere ‹mit ihrer Zustimmung› auf die Warteliste gesetzt werden», schreibt die Easyjet-Medienstelle – ein Satz, der erstens keinen Sinn macht, denn wenn ein Passagier zustimmt, gehört er automatisch zu den Freiwilligen – und zweitens zumindest für den Flug von Krakau nach Basel nicht stimmt, wie mehrere Passagiere bestätigen.

«Mir wurde gesagt, dass ich halt erst morgen und über London nach Basel fliegen kann, wenn nicht noch jemand zu spät zum Boarding kommt», sagt ein polnischer Passagier, der in Basel arbeitet und sich bereits Sorgen machte, wie er das seinem Chef beichten solle. «Als ich mein Problem dem Boarding-Personal schilderte, sagten sie nur, ‹so läuft halt das Business›.»

Meistgesehen

Artboard 1