Feminismus
«Feministischer Salon» in der Kaserne: Was heisst es, als schwarze Frau in der Schweiz zu leben

Die Kaserne Basel ist mit dem «Feministischen Salon» in die Saison gestartet - als Streaming. Ein Lehrstück darüber, was es heisst, als schwarze Schweizerin in der Schweiz zu leben.

Mathias Balzer
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Erster Feministischer Salon in der Kaserne Basel

Erster Feministischer Salon in der Kaserne Basel

bz Basel

Integration heisst das Zauberwort, wenn es darum geht, wie Einwanderung in der Schweiz funktionieren soll. Ob sie eine Aufgabe des Staates ist oder in der Selbstverantwortung der Einwandernden liegt, diese ­Frage ist ein politischer Dauer­brenner.

Links der Mitte ist man sich einig, dass Integration ohne staatliche Hilfestellung schlecht funktioniert. Im rechten Spektrum setzt man auf Eigenverantwortung und warnt vor einer Integrations­industrie. Aber wie erleben die Betroffenen selbst ihre Integration?

Die Kaserne Basel bietet trotz Kulturlockdown Online-­Veranstaltungen an. Diese ­Woche startete als Streaming die neue Reihe «Feministischer Salon». Von Katha Baur, Caro­line Faust, Franca Schaad und Franziska Schutzbach initiiert soll der Salon monatlich «intellektuelle, provokative, politische, lustige, und nachdenkliche Abende zu queer-feminis­tischen Themen bieten».

Ein Stück «Black History»

Eröffnet wurde die Reihe mit der Online-Präsentation des Buches «I will be different every time – Schwarze Frauen in Biel.» Dabei geht es keineswegs nur um die Industriestadt an der Grenze zur Romandie. Das Buch erzählt vielmehr ein Stück «Black History» der Schweiz.

Entstanden ist die 288 Seiten starke Publikation auf Ini­tiative von Fork Burke, Myriam Diarra, Anita Maïmouna Neuhaus, Perpétue Kabengele und Franziska Schutzbach, bis auf Letztere alles schwarze Frauen.

Wie erleben diese Frauen ihre Immigration in die Schweiz, in diesem Falle nach Biel? Die Antworten darauf sind vielfältig, oft erschreckend, jedenfalls über das Lokale hinaus gültig. Eine schwarze Schweizerin zu sein und umstandslos akzeptiert: Diese Art Biografie wird wohl erst in Zukunft geschrieben werden. Unlängst hat «Der Sommer, in dem ich schwarz wurde,» ein Dokumentarfilm über die Fernsehmoderatorin Angélique Beldner, dieses unan­genehme Thema in die wohligen Schweizer Fernsehstuben gebracht.

«Woher kommst Du wirklich?»

17 Frauen erzählen im Buch «I will be different every time» ihre Geschichte. Die Podiumsteilnehmerinnen im Stream lesen ihre eigenen Texte und eine Auswahl anderer. Da ist die Schriftstellerin Forke Burke, die in ihren Gedichten und Essays um ihre Selbstermächtigung als Schwarze ringt.

Oder die Geschichte der Lehrerin aus dem Sudan, die im Krieg ihr Zuhause und mit diesem alle ihre Papiere verloren hat, und in der Schweiz als Reinigungskraft neu anfangen muss. Oder die erste schwarze Bieler Stadträtin, der bewusst ist, dass sie der schwarze Fleck auf Wahlplakaten und im Parlament ist. Sie sagt: «Solange keine farbigen Menschen in der Politik und der Verwaltung sind, wird sich auch nichts ändern.»

Perpétue Kabengele, gebürtige Emmentalerin, erzählt wie es ist, wenn einem die Menschen fragen: «Ja, aus dem Emmental, aber woher kommst Du wirklich?» Die junge Frau berichtet aus ihrem Alltag, in dem sie wiederholt erlebt, was es heisst, als schwarze Schweizerin in der Schweiz zu leben und dauernd als eine Art Ausnahme behandelt zu werden: Weisse Menschen staunen darüber s, dass sie gut im Beruf ist, obwohl sie dunkle Haut hat.

Der Rassismus wird immer aggressiver

Sie spricht von der punktu­ellen Angst bei Bewerbungsgesprächen und von einer anhaltenden Angst, die sich als Grundton in ihr Leben schleicht. Sie nimmt sich trotzdem das Recht heraus, die «angry black woman» zu markieren. Sie wehrt sich, wo es nur geht, und stellt, obwohl dies sehr anstrengend sei, Menschen mit Vorurteilen regelmässig zur Rede.

Kabengele liest auch die Geschichte von Juliette Bucher aus Ghana, gut verdienend, Mutter mehrerer Kinder, integriert, wie man so schön sagt. Aber wenn sie sich diejenigen Schuhe kauft, die ihr gefallen, wird sie immer noch gefragt, ob sie sich diese überhaupt leisten könne.

In einer globalisierten Welt müssen sich alle dauernd integrieren.

(Quelle: Juliette Bucher, Protagonistin im Buch «I will be different every time»)

Sie sagt, der Rassismus sei immer schon da gewesen, nur trete er heute viel offener und aggressiver zutage. Bloss als Sexobjekt gesehen und regelmässig gefragt zu werden «was es koste», gehöre noch zu den harmloseren Varianten des latenten Rassismus hierzulande.

Und die Frau benennt auch, wie sie Integration sieht: «Wenn ich das Wort Integration höre, habe ich immer das Gefühl, wir sind die Einzigen, die diese Arbeit leisten sollen. Aber in einer globalisierten Welt müssen sich alle dauernd integrieren.» Integration könne nicht nur in eine Richtung gehen. Zumal es die viel beschworene Schweizer Kultur als stabile Grösse gar nicht gäbe. Diese Schweizer Kultur werde auch dauernd beeinflusst, gerade von den Einwandernden.

«I will be different every time»: 288 Seiten. Verlag Die Brotsuppe, CHF 35.

«I will be different every time»: 288 Seiten. Verlag Die Brotsuppe, CHF 35.

bz Basel

«Das Wort Integration hat für uns, die dazukommen, nichts zu bieten. Es bedeutet, dass wir nicht davon ausgehen können, dass jemand sich auch auf uns einlässt.» Viel mehr sei es ein Wort das so viel bedeute wie: Du machst Fehler, wir nicht. Und man wisse nie, wann dieses Integrationsding abgeschlossen sei. «Man hält uns damit ständig auf Trab. Das ist erschöpfend.»

Erschöpfend kann dieser Stream der Kaserne das Thema zwar nicht ausloten. Aber die eineinhalb Stunden vermitteln eine Ahnung davon, wie weit der Weg noch ist, bis wir uns alle auf Augenhöhe begegnen werden. Er ist auch im Nachhinein noch auf der Website der Kaserne zu sehen.

«I will be different every time»
https://www.kaserne-basel.ch/de/digital/kaserne-digital/feministischer-salon-basel.

Das Buch: 288 Seiten. Verlag Die Brotsuppe, CHF 35.