1971 migrierte Rafik Schami mit einem Koffer voller Geschichten von Damaskus nach Deutschland. Für seine Erzählkunst ist er weltbekannt. Am Donnerstag ist er mit seiner aktuellen autobiografischen Textsammlung «Ich wollte nur Geschichten erzählen» in Basel zu Gast. Die bz unterhielt sich mit ihm über Heimat, Humor und die Frage, ob Schriftsteller Politiker werden sollten.

Sie gelten als begnadeter Erzähler. Was ist ihr Geheimnis?

Rafik Schami: Respekt vor den Zuhörerinnen und Zuhörern. Ein Autor braucht keinen Respekt vor Lesern zu haben. Es gibt widerliche Autoren, die aber gute Geschichten oder Gedichte schreiben. Aber auf der Bühne zu stehen und das Publikum zu verachten, gelingt niemandem lange.

Benutzen Sie bestimmte Eselsbrücken für die Geschichten?

Ich habe seit meiner Kindheit ein sehr gutes Gedächtnis. Aber das allein reicht nicht. Die mündliche Erzählkunst ist mehr als Rezitation. Jede Erzählung muss im Augenblick ihrer Geburt ein Unikat sein. Daher bereite ich seit über 35 Jahren jeden Auftritt genau vor.

In Ihrem Buch «Ich wollte nur Geschichten erzählen» erläutern Sie die Umstände, die dazu geführt haben, dass Sie ihre Bücher auf Deutsch schreiben. Wann fingen Sie an, Texte direkt auf Deutsch zu konzipieren?

Nach vier Jahren vergeblicher Versuche, auf Arabisch zu veröffentlichen, gab ich diese Illusion auf und begann, auf Deutsch zu schreiben.

In welcher Sprache träumen Sie eigentlich?

In Deutsch, ausser wenn meine Mutter mit mir spricht, dann auf Arabisch oder Aramäisch.

Sie schildern, dass die Weite der Wüste wenig gegenständliche Anregung bietet – etwa für die Malerei, dafür umso mehr Raum für Geschichten. Heisst das umgekehrt, dass eine starke Präsenz des Visuellen in einer Kultur dazu führen kann, dass weniger erzählt wird?

Nein, das nicht. Die genialen Werke der Europäer sind der Beweis. Aber die Wüste schenkte den Arabern die Zauberfarbe der Worte und mit ihr malten sie in der eintönigen Einöde Paradiese, in denen Honig und Milch fliessen. Das Paradies ist ein üppiger Garten, den nur Hungernde sich sehnsüchtig ausmalen.

Im Kapitel über Heimat erläutern Sie die verschiedenen Aspekte von Heimat. Als ihre persönliche Heimat bezeichnen Sie Damaskus. Existiert Heimat nur im Singular oder kann man mehrere davon haben?

Da gibt es keine eindeutige Definition. Manche haben eine Sehnsucht nach mehreren Orten, manche – wie ich – lieben viele Orte, aber nur ein Ort besetzt die Ecke «Heimat» in ihrer Seele.

Ist diese Ecke für Sie nicht vielleicht sogar weniger ein Ort als eine Tätigkeit – das Schreiben an sich?

Und wie! Ich habe das Gefühl, entweder erzähle, erfinde und fantasiere ich, oder meine Seele geht zugrunde. Dann lieber erzählen.

Sie schreiben: «Schriftsteller sollen sich politisch engagieren, den Mund aufmachen und unbestechlich bleiben, aber sie dürfen nie Politiker werden.» Warum nicht?

Die Geschichte hat gezeigt, dass alle Schriftsteller, die eine politische Karriere antraten, völlig gescheitert sind. Václav Havel ist nur ein Beispiel. Auch Satiriker wie der Italiener Beppe Grillo, die alle Parteien scharf kritisieren, werden oft zu Demagogen und korrupten Populisten. Engagieren kann sich jede(r), dafür sind 1001 Wege möglich, ohne selbst Politiker zu werden.

Gilt das auch für Komiker? Der Isländer Jón Gnarr etwa war 4 Jahre als Bürgermeister von Reykjavik tätig.

Gnarr hat klug gehandelt. Nach Beendigung der ersten Amtszeit wollte er nicht noch einmal kandidieren.

Humor ist eine Eigenschaft, die Ihre Art zu kommunizieren auszeichnet. Ist er Ihnen in den acht Jahren des Bürgerkrieges in Syrien vergangen?

Humor ist die letzte Flucht, um eine Katastrophe zu überleben. Das hat mir sehr geholfen in den traurigsten Augenblicken meines Lebens, so auch in den vergangenen acht Jahren, wo eines der schönsten Länder der Erde vor den Augen der Welt zerstört wird und ein Diktator auf den Nasen der westlichen Demokratien herumtanzt und dabei Giftgas auf die eigene Bevölkerung wirft.

Hat der Krieg in Syrien ihr Schreiben verändert?

Als Romancier nicht, aber als Essayist hat der Krieg angesichts der komplex werdenden Entwicklungen mich vorsichtiger gemacht und gezwungen, genauer zu recherchieren, immer ganz genau hinzuschauen. Ich war schon immer als Chemiker so geschult, dass gute Recherche die Voraussetzung ist, dass der Kolben nicht in die Luft fliegt.

In ihrem aktuellen Buch raten Sie jungen Autorinnen und Autoren, sich beim Schreiben nicht in ihre eigenen Figuren zu verlieben. Sprechen Sie aus Erfahrung?

Mein Ratschlag zielt darauf, die Arbeit besser zu machen, und warnt vor den Fallen, die das Gegenteil bewirken. Natürlich kann man die Verliebtheit – auch die in eine Romanfigur – nicht planen, aber wenn man an meinen Ratschlag denkt, macht man eine Pause, trinkt einen Espresso oder Wein und kehrt dann zum Roman zurück. Es ist im Interesse der Figur, dass der Erzähler eine gewisse Distanz halten muss, um sie genauer zu sehen. Bei Verblendung und einer zu engen Umarmung kann man die Figur nicht mehr beschreiben und sie wird womöglich zu einem Engel.

   

Rafik Schami Lesung (ausverkauft): Donnerstag, 28. März, 19.30 Uhr, Volkshaus, Basel.