Medizin

Engpass bei Kinderimpfungen - nun soll ein Notlager her

«Die Situation ist jetzt schon sehr schwierig für uns», sagt Kinderarzt Jan Cahlik.

«Die Situation ist jetzt schon sehr schwierig für uns», sagt Kinderarzt Jan Cahlik.

Seit Juni ist eine vom BAG empfohlene Kombi-Impfung für Kleinkinder und Säuglinge nicht lieferbar. Ein nationales Pflichtlager für Impfstoffe soll Abhilfe schaffen.

Zwei von drei Kombi-Impfstoffen für die Grundimmunisierung bei Säuglingen sind derzeit nicht erhältlich. Und auch bei der letzten, verbliebenen Alternative, dem Sechsfach-Impfstoff Infanrix Hexa, scheint sich ein Lieferengpass anzubahnen. Dieser wird derzeit nur «in neuseeländischer Aufmachung» vertrieben, wie der Hersteller Glaxo Smith Kline auf seiner Homepage schreibt.

Das Bundesamt für Gesundheit bestätigt die Lieferprobleme bei zwei der drei Impfstoffen. «Da es Alternativen gibt, ist es aber bislang zu keinen gravierenden Problemen gekommen», sagt Sprecherin Mona Neidhart auf Anfrage. Wobei sie mit «Alternativen» den obengenannten Sechsfach-Impfstoff meint.

Wahlfreiheit eingeschränkt

Die Kinderärzte stellt die aktuelle Situation bereits jetzt vor grosse Herausforderungen. «Wir können den Impfplan derzeit zwar einhalten, aber die vorgesehenen Wahlmöglichkeiten sind eingeschränkt. So können Eltern aktuell nicht wählen, ob sie ihren Säuglingen die Mehrfach-Impfung gegen Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Haemophilus influenza B und Keuchhusten mit oder ohne Hepatitis-B-Impfstoff geben wollen», sagt Jan Cahlik, Vorstandsmitglied beim Berufsverband Kinder- und Jugendärzte in der Praxis.

Der Impfstoff-Hersteller Glaxo Smith Kline informiert wöchentlich über die verfügbaren Impfstoffe.

Der Impfstoff-Hersteller Glaxo Smith Kline informiert wöchentlich über die verfügbaren Impfstoffe.

«Die Situation ist jetzt schon sehr schwierig für uns Kinderärzte und mit erheblichem Mehraufwand verbunden, weil wir in den Zeiten der Lieferunterbrüche Wartelisten führen müssen und bei Eltern grosser Erklärungsbedarf besteht.» Nicht zu unterschätzen sei auch der psychologische Effekt, weil sich Eltern bei Lieferengpässen automatisch fragen, ob möglicherweise mit dem Impfstoff etwas nicht in Ordnung sein könnte. Zudem sei die 6-fach-Impfung etwas teurer als die 5-fach-Impfung.

Wie bedrohlich die Situation sei, könne nur schwierig vorhergesagt werden, sagt Cahlik. «Sicher ist, dass nicht viel passieren wird, wenn wir nur einige Wochen nicht impfen können, weil die entsprechenden Krankheiten bei uns dank der hohen Impfrate sehr selten geworden sind.» Die lebensbedrohenden Krankheiten könnten sich aber bei einem längeren Impf-Unterbruch rasch wieder ausbreiten, wie sich beim Zerfall der Sowjetunion gezeigt habe. «Als das Impf-System nicht fortgeführt wurde, haben sich in Russland innert weniger Jahre wieder mehrere Zehntausend Menschen mit Diphtherie angesteckt, rund 1700 von ihnen sind daran gestorben.»

Weltweit gestiegene Nachfrage

Der Grund für die Liefer-Engpässe sind die «für die Chargen-Freigabe erforderlichen, hohen Anforderungen der Qualitätskontrolle», wie das Bundesamt für Gesundheit in einem aktuellen Informations-Bulletin zum Thema schreibt. Eine kleine Abweichung der Kontrollwerte würde ausreichen, dass ganze Chargen von mehreren zehn- oder hunderttausend Dosen abgelehnt werden. Die Produktion und Prüfung von Ersatz dauere mehr als 18 Monate. Zudem übertreffe die rasch ansteigende, weltweite Nachfrage nach Kombinationsimpfstoffen die Produktionskapazitäten.

Hersteller Glaxo Smith Kline (GSK) bestätigt, dass es derzeit schwierig sei, der weltweit gestiegen Nachfrage nach Kombi-Impfstoffen gerecht zu werden. «Besonders beim Antigen gegen Keuchhusten besteht aktuell eine Knappheit», sagt Sprecher Urs Kientsch. Er hält jedoch fest, dass weiterhin sämtliche Kinder geimpft werden können. «Wir beliefern die unterschiedlichen Länder nach einem Allokations-Prinzip, mit dem obersten Ziel, dass jedes Kind – egal in welchem Land – jederzeit geimpft werden kann.»

In Belgien errichte GSK derzeit ein neues Werk, um zusätzliche Kapazitäten für die Produktion von Keuchhusten-Antigenen zu schaffen. «Von der Planung eines Werks bis der erste Impfstoff die Anlage verlässt, dauert es jedoch fünf bis zehn Jahre. Wir rechnen damit, dass in der neuen Anlage 2017 die ersten Impfungen produziert werden können und sich dann die Lage wieder normalisiert», so Kientsch.

Bund plant Pflichtlager

Um zukünftige Risiken aufgrund von Impfstoffknappheiten zu vermindern, fasst das Bundesamt für Gesundheit die Errichtung eines Pflichtlagers ins Auge, das 2018 in Betrieb gehen soll. Zusätzlich hat der Bundesrat im Oktober das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung mit der Schaffung eines Frühwarnsystems für die Erfassung von Versorgungsstörungen beauftragt. Dieses verpflichtet die Pharmaindustrie, ab sofort Engpässe von lebenswichtigen und versorgungskritischen Medikamenten wie Impfstoffen zu melden.

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