Graffiti
Eine Strasse für den Sprayer von Basel

Der Basler Sigi von Koeding alias Dare prägte wie kaum ein anderer Schweizer die Graffiti-Bewegung. Zehn Jahre nach seinem Tod soll er geehrt werden – dafür haben über 200 Leute eine Petition unterzeichnet.

Ana Vujic
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Grafitti von Sigi von Koeding alias Dare in Basel.
5 Bilder
Vor zehn Jahren ist von Koeding gestorben.
Nun soll der Künstler für sein Schaffen geehrt werden.
Der Fotograf und ehemalige Sprayer Tommy Tombola setzt sich nun dafür ein, dass von Koeding geehrt wird.
Eine entsprechende Online-Petition wurde mit 200 Unterschriften eingereicht.

Grafitti von Sigi von Koeding alias Dare in Basel.

Zur Verfügung gestellt

Die Basler Bahnhofseinfahrt, in der Szene «line» genannt, ist mit ihren farbigen Graffiti-­Schriftzügen längst zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. Einige Bilder sind erst vor kurzem entstanden, andere wiederum sind verblichen und erinnern an die Anfänge der Basler Graffiti-­Bewegung.

Ein Pionier, der sich nicht nur in der Schweiz, sondern ­weltweit einen Namen gemacht hat, ist der Basler Sigi von Koe­ding. Unter dem Pseudonym Dare realisierte er an der «line» die ersten Schriftzüge. Den ­Namen hatte er sich bereits 1986 zugelegt, abgeleitet vom Englischen «to dare» für «etwas wagen» oder «sich getrauen».

Die Namensgebung passte durchaus zu seiner Lebens­philosophie. Für die einen blieb das Sprayen bloss ein Teil ihrer jugendlichen Rebellion, Sigi von Koeding verfolgte hingegen die Leidenschaft für Graffiti bis zu seinem Lebensende.

Ein Anruf und Auftrag von Gunter Sachs

Nach seiner Lehre als Schriftenmaler liess er sich als einer der ersten Sprayer in der Schweiz für die Gestaltung legaler Wand­bilder in Form von Auftragsarbeiten engagieren und schuf somit einen neuen Ansatz. Ein Meilenstein in seiner Künstlerkarriere war sicherlich der Moment, als der Industrieerbe und Fotograf Gunter Sachs ihn anrief und ihm sowie dem Künstler «Toast» die Gestaltung eines überdimensionalen Wandbildes in seinem Schloss am Wörthersee in Auftrag gab.

Eine gesellschaftliche Akzeptanz für Graffiti als Kunstform, wie wir sie heute in Form von zahlreichen Urban-Art-­Ausstellungen erleben, war nicht von Anfang an vorstellbar. Gewisse Sprayer empfanden die Graffiti-Entwicklung in Richtung Auftragsarbeit als einen Verrat an der subkulturellen ­Szene. Für andere war es die Chance, Graffiti als eine Kunstform zu etablieren, um davon auch leben zu können.
Von Koeding konnte in seinen Leinwandarbeiten an der Schriftumsetzung und Bildkomposition in Ruhe und ohne den Zeitdruck der Strasse weiter feilen. Dare ist bekannt für seine auffälligen Schriftzüge. Sein Schriftbild ist sofort erkennbar, sein Stil prägt auch die jüngere Generation. Während Kunst im öffentlichen Raum übermalt und entfernt wird, bewahren Bilder auf Leinwänden auch in Galerien und Museen ihren Glanz.

Bei der Gruppenausstellung in der Schweizer Botschaft im Jahre 2001 in London lernte Dare den in der Zwischenzeit zu einer Street-Art-Ikone ernannten Banksy kennen. Im darauffolgenden Jahr stellten sie gemeinsam mit weiteren namhaften Pionieren aus der Szene an der «Urban Discipline» in Hamburg aus. Während sich manche Sprayer in ihrer Entwicklung von der Schrift wieder bewusst entfernten, faszinierte Dare stets die Typografie. Die Buchstaben dienen in seinen Werken nicht nur zur Kommunikation des ­Inhaltes. Die Handschrift des Künstlers ist gleichzeitig auch Ausdruck seiner Persönlichkeit, eine Art geschriebenes Selbstporträt.

Sigi von Koeding ist 2010 mit 41 Jahren an den Folgen eines Hirntumors verstorben. Der Fotograf und ehemalige Sprayer Tommy Tombola fing kurz darauf an, sein Graffiti-Onlinearchiv «Wandschmuck» (www.wandschmuck2.com) zu betreiben, weil die Dare-­Schriftzüge im urbanen Raum immer mehr zu verschwinden drohten. Nun setzt er sich gemeinsam mit anderen Baslern und Baslerinnen für die Ehrung des Künstlers ein: «In erster Linie möchte ich mit der Petition für eine Sigi-­von-Koeding-Strasse nicht nur an seinen zehnten Todestag erinnern, sondern auch an seine Bedeutung für die gesamte Graffiti-­Szene», sagt er. Dare sei mit sehr vielen so genannten Writern aus der ganzen Welt vernetzt gewesen und habe Basel neben Städten wie Berlin oder Paris «auf die Karte gebracht».

Ein erster Anlauf vor vier Jahren wurde abgelehnt

Die Online-Petition wurde innerhalb von 24 Stunden von mehr als 200 Personen unterschrieben und am 9. April eingereicht. Bereits 2016 hatte Tombola den Versuch gestartet, die Galgenhügel-Promenade im Gellert nach Sigi von Koeding zu benennen, weil dort noch immer alte Dare-Bilder zu sehen waren. Dieser Vorschlag wurde von der Nomenklaturkommission jedoch abgelehnt, da der Ort eine zu geschichtsträchtige Vergangenheit habe und somit keine Umbenennung möglich sei.

Noch ist unklar, ob es mit der öffentlichen Ehrung im zweiten Anlauf klappt. Geklärt werden muss auch, welche Strasse dafür in Frage käme. Die Antwort der Behörden ist noch offen. Doch wenn man sich eine Sigi-von-­Koeding-Strasse wünscht, dann konsequenterweise in der Nähe der Bahngeleise.