Edith Maryon
Eine Stiftung, die in keine Schublade passt

Die Stiftung Edith Maryon hat kürzlich mit dem Erwerb der Markthalle in Basel Schlagzeilen gemacht. Damit wird jetzt eine langfristige Bewirtschaftung möglich. Die Stiftung ist in Basel und der Region bereits an verschiedenen Orten Liegenschafts- oder Bodenbesitzerin.

Stefan Schuppli
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Jüngster Kauf die Markthalle (ohne den «Turm»).
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Monika Wirth und Ulrich Kriese vor dem «Unternehmen Mitte».
Seit 2003 im Stiftungsportefeuille das Hotel Krafft an der Rheingasse.
Die Goldzack-Fabrik beim Grenzübergang Lysbüchel.
Projekte der Edith Maryon Stiftung

Jüngster Kauf die Markthalle (ohne den «Turm»).

Roland Schmid

Schon der Name – Stiftung Edith Maryon – klingt ungewöhnlich. Und auch etwas geheimnisvoll. «Das sind irgend so ein paar reiche Anthroposophen, die die Volksbank an der Gerbergasse gekauft haben», ist ein bisschen die gängige Meinung. Nur ein Bruchteil davon stimmt.

1990 gründeten Michael Riggenbach, Christoph Langscheid und John Ermel eine Stiftung mit nur gerade 12 000 Franken. Sie kannten sich aus der Rudolf-Steiner-Schule und hatten sich schon als junge Menschen mit dem Wesen des Bodens und des Grundbesitzes befasst. Sie waren sich einig, dass Grund und Boden sozial genutzt werden soll, geschützt vor eigennütziger Verwertung und Spekulation. Der Boden wird in die Stiftung eingebracht und Wohn- und Arbeitsprojekten zugeführt; viele von ihnen mit einem sozialen oder auch anthroposophischem Hintergrund. Das Konzept sprach sich in ihrem Umkreis herum und so kamen die Gründer relativ rasch zu Spenden.

Ein Erfolgsmodell

Die Stiftung wurde zum Erfolgsmodell. Nach 25 Jahren weist sie gemäss Jahresbericht 2015 eine konsolidierte Bilanzsumme von 177 Millionen Franken auf, verfügt über Dutzende von Wohn- und Gewerbehäuser, Ateliers, Bauernhöfe, das Hotel Krafft, das «Unternehmen Mitte» an der Gerbergasse, das Theater in Dornach – und seit wenigen Tagen auch die Markthalle, der bisher grösste «Lupf» der Stiftung. Vielfach ist es so, dass sich ein Projekt anbietet, und dass eine Finanzierung gesucht wird. Beim Erwerb der Markthalle wurde beispielsweise eine Hypothek aufgenommen.

Idealistin, Praktikerin

Das war Edith Maryon

Warum trägt die Stiftung den Namen Edith Maryon? Es war nichts anderes als die Referenz der drei Stiftungsgründer an eine Frau, welche für die Entwicklung der Anthroposophie und des Goetheanums in Dornach von grosser Bedeutung war. Sie war die «Rechte Hand» von Rudolf Steiner und war also weder Urheberin noch Geldgeberin der Stiftung.

Edith Maryon (1875 – 1923) kam in England zur Welt, war Bildhauerin und setzte sich mit der Frage auseinander, wie sich Architektur und plastisches Gestalten auf den Menschen und sein soziales Verhalten auswirken. Früh engagierte sie sich für den sozialen Wohnungsbau. Als das Goetheanum errichtet wurde, kamen Menschen aus allen Herren Ländern, um bei diesem Grossprojekt mitzuhelfen. Diese Arbeiter mussten irgendwo wohnen, und so entstanden in unmittelbarer Nähe des Goetheanums die drei «Engländerhäuser». Maryon war auch sehr praktisch veranlagt und übernahm Steiners Führungsrolle während seinen zahlreichen Auslandaufenthalten.

Es ranken sich auch Gerüchte um die Frau. Sie habe Steiner aufgefangen, als dieser vom Gerüst stürzte. «Frau Maryon war eine bescheidene Person, sie war nicht vermögend und hatte viel gegeben, bis hin zur Selbstaufgabe», sagt Stiftungssprecher Ulrich Kriese. Zeitgenossen hätten ihre Zuverlässigkeit, ihren Idealismus und ihren ausgeprägten Sinn fürs Praktische geschätzt, heisst es in einem Firmenprospekt der Stiftung. Sie starb mit 48 Jahren.

«Ein Stück Land oder ein Haus entfaltet nicht einfach aus sich selbst heraus einen gesellschaftlichen Nutzen. Vielmehr braucht es eine Hand, die vor eigennütziger Verwendung schützt. Und es braucht Menschen mit einer sozialen Idee und viel Herzblut und Engagement», schreiben die Stiftungsräte einer Broschüre der Stiftung.

Auf Wachstum ausgerichtet

«Sie unterscheidet sich in Vielem von anderen Stiftungen. Wir sind nicht nur eine Vergabestiftung, wir sind dank einer grossen Zahl von Unterstützern auch eine wachsende Stiftung», ergänzt Ulrich Kriese, Verantwortlicher für Projektentwicklung und Kommunikation, im Gespräch. Viele Projekte, oftmals ganze Häuser, werden an die Stiftung herangetragen, meist über direkte persönliche Kontakte. Zum Teil handelt es sich um Erbschaften, Schenkungen oder Teilschenkungen, zum Teil sind sie mit Nutzungsauflagen belegt, etwa mit Wohnrechten für noch lebende Familienmitglieder oder für eine bestimmte kulturelle Nutzung. «Wir sorgen dafür, dass die Projekte im Sinne der Donatoren und der Stiftung bewirtschaftet werden.» Die Stiftung verrechnet nicht Markt- sondern Kostenmieten. Weil die Liegenschaften teilweise oder ganz geschenkt wurden oder über Spenden finanziert wurden, sind die Kosten entsprechend tief. Im «Unternehmen Mitte» gibt es keinen Konsumationszwang.

Auch eine Aktiengesellschaft

Viele Projekte kommen aus dem anthroposophischen Umfeld. Die Stiftung ist Genossenschafterin bei der Freien Gemeinschaftsbank und hält das Land der Rudolf-Steiner-Schule, die Bauernhöfe sind biologisch-dynamisch bewirtschaftet. Das Hotel Krafft, das «Unternehmen Mitte» und die Markthalle und einige andere Unternehmen verfolgen keine anthroposophische Ausrichtung.

Die Engländerin Edith Maryon

Die Engländerin Edith Maryon

Zur Verfügung gestellt

Monika Wirth, die kürzlich zur Stiftungleitung gestossen ist, beschreibt das so: «Ich erlebe die Leute hier sehr offen. Ich selbst habe zum Beispiel keinen anthroposophischen Hintergrund.»

Für die kommerziellen, nicht-steuerbefreiten Unternehmen hat die Stiftung vor ein paar Jahren eine Aktiengesellschaft (AG) gegründet. Schaut man die konsolidierte Bilanz (Stiftung und AG) an, fällt auf, dass sie breit abgestützt ist. Der grösste Posten sind mit 90 Millionen Franken langfristige verzinsliche Darlehen (Darlehen, Hypotheken), es gibt Reserven von neun und einen Fonds von 13 Millionen. Das Stiftungskapital beläuft sich auf rund 40 Millionen.

Sachanlagen von 139 Millionen

Auf der Aktivseite sind Sachanlagen (im Wesentlichen Immobilien) von 139 Millionen zu finden, sowie Finanzanlagen in der Höhe von 17 und flüssige Mittel von 15 Millionen. Und die Erfolgsrechnungen der vergangenen Jahre zeigen, dass die Spenden Jahr für Jahr sehr unterschiedlich fliessen: mal sind es ein paar Hunderttausend, mal 12 Millionen. Ein Augenschein am Sitz der Stiftung zeigt, dass dort nicht geklotzt wird. Dort sieht es eher nach WG denn nach Stiftungssitz mit Millionenschatz aus.

Spenden

Kontinuität sichern

Über Spender und Spenderinnen – unter ihnen finden sich auch viele Frauen – und ihre Beweggründe und über die Art der Schenkung war bislang wenig bekannt. Nachfolgend ein paar Beispiele aus einer Publikation der Stiftung Edith Maryon.

Annamarie Graf Müller und Beat Müller suchten eine Nachfolge für ihren nach biodynamischen Grundsätzen geführten Bauernhof südlich Gebensdorf AG. Das Gut wollten sie nicht einfach an den Meistbietenden verkaufen. Durch die Übergabe an die Stiftung Edith Maryon sei gesichert, dass der Hof und das Konzept weiter geführt würde und dass auch soziale Aufgaben wahrgenommen würden.

Auch der Architekt M.G. aus der Region verkaufte seine im goetheanistischen Stil erbaute Liegenschaft an die Stiftung – zu einem sehr günstigen Preis. Damit konnte ein Baudenkmal erhalten werden. M.G. kannte die Stiftungsgründer schon lange. «Wir müssen im Umgang mit Grundbesitz neue, zeitgemässe Formen finden», sagt M.G.

Das Ehepaar M. und H.T. aus dem Baselbiet hatte ein schönes umgebautes Bauernhaus. Aber es stand eine grössere Energiesanierung an, die sie aus Altersgründen nicht mehr selbst in die Hand nehmen wollten. Das Paar, beide um die 80, ist kinderlos. «Wer würde das Haus ähnlich sorgfältig bewirtschaften?» fragten sie sich. Und sie wollten keine «traditionelle» Eigentumslösung. Frau M.T. arbeitete lange in Entwicklungsländern und war fasziniert von der dort teilweise verbreiteten «Gabewirtschaft». So stiessen sie auf die Stiftung Edith Maryon.

Auffällig viele Projekte finden sich in Deutschland, zum Beispiel in Berlin und Leipzig. Das hat sich im Laufe der Jahre aus den Kontakten ergeben, die in Deutschland gepflegt werden. Die Stiftung hat in Deutschland drei eigene Tochtergesellschaften (gemeinnützige Projekte, Liegenschaften und Liegenschaftsverwaltung).

Angelpunkt Architektin Buser

Zentrale Figur in diesem Modell ist ohne Zweifel die Architektin Barbara Buser. Sie war 1998 Mitinitiantin des «Unternehmen Mitte» und leitete den ersten Teil der Umbauten. Sie sass im Verwaltungsrat (VR) des Hotel Krafft und ebnete dort die Übernahme des Hotels durch die Stiftung. Sie initiierte das Projekt Ackermannshof, an dem die Edith Maryon Stiftung ebenfalls beteiligt ist und war bis Baufertigstellung VR-Mitglied. 2012 wurde sie in den Beirat der Stiftung Edith Maryon berufen. Und auch in der Markthalle ist sie Initiantin und VR-Mitglied. Barbara Buser und ihr Geschäftspartner Eric Honegger hatten schon zuvor mit der Entwicklung des Gundeldingerfelds grosse Erfolge gefeiert. Dort hat allerdings nicht die Stiftung Edith Maryon investiert, sondern die Pensionskasse (PK) Abendrot, die PK des Baugewerbes und drei Private. Berührungspunkte zwischen der Stiftung Edith Maryon und «Abendrot» entstanden auf Vermittlung von Buser in Berlin, wo die PK die Erfahrungen der Stiftung nutzen konnte, sagt «Abendrot»-Geschäftsführer Hans-Ulrich Stauffer. «Wir tummeln uns in ähnlichen Bereichen und sind deshalb manchmal auch Konkurrenten.» Auch die PK Abendrot hat sich der Nachhaltigkeit und der langfristigen Anlage verschrieben. Allerdings darf die PK gemäss Gesetz keine Hypotheken aufnehmen und muss für die angeschlossenen Firmen oder Personen eine angemessene Rendite erwirtschaften. Das muss die Stiftung nicht.

Mit dem neu gegründeten «Verein unterdessen» hat die Architektin unter anderem vom Kanton Basel-Stadt den Zuschlag für die dreijährige Zwischennutzung an der Feldbergstrasse (ehemals «Lady Bar»), sowie eine längerfristige Nutzung des leerstehenden Ladenlokals an der Clarastrasse 13 erhalten. «Für Barbara Buser ist das der Ritterschlag», sagt Stauffer. Eine andere «Konkurrentin» hat die Stiftung Edith Maryon mit «Habitat». Diese ist aber anders finanziert – via Beatrice Oeri.

Bürgschaften, Spenden

Die Stiftung hat auch noch andere Tätigkeitsfelder. Sie leistet für Finanzschwache zum Beispiel Bürgschaften für Mietkautionen. Es kommen jedes Jahr rund 500 dazu, rund 4000 sind ausstehend. Nutzer bezahlen eine Kommission von 15 Prozent und eine Bearbeitungsgebühr von 200 Franken.

Die Kommission finanziert die Ausfälle, die Gebühr finanziert die Arbeitsstelle der Stiftung. Dieser Geschäftszweig ist mehr oder weniger selbsttragend. Ein weiterer Bereich ist die Kulturförderung.

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