Lesung

Eine Gruselspinne trifft auf eine Superspreaderin

Mit der Dunkelheit kommen auch die Krabbeltiere: Die Theatercompany «Texte und Töne» bei der Generalprobe der szenischen Lesung von «Die schwarze Spinne»

Mit der Dunkelheit kommen auch die Krabbeltiere: Die Theatercompany «Texte und Töne» bei der Generalprobe der szenischen Lesung von «Die schwarze Spinne»

Die Gruppe «Texte und Töne» kombiniert Gotthelfs «Die schwarze Spinne» mit Jürg Federspiels «Ballade von der Typhoid Mary».

Umrahmt von Reben, Wald und Wiesen sitzen die schwarz-weiss gekleideten Schauspielerinnen und Schauspieler am langen Tisch beim Weingut Klus 177 in Aesch. Eine perfekte Landidylle. Einzig das zwischen die Nussbäume gespannte Spinnennetz, das so unregelmässig aussieht, als hätte die Spinne Kaffee oder Dorfwein getrunken, deutet darauf hin, dass diese Harmonie nicht ewig anhalten wird. Doch zuerst wird es ganz formell. Das Ensemble eröffnet den Abend mit einem Ritual, das wir seit Mitte März sehr gut kennen: mit einer Pressekonferenz des BAG zur Information über den Stand der Pandemie.


Bald werden aus den Beamten die Gäste der Taufgemeinschaft aus der Rahmenerzählung zu Gotthelfs «Die schwarze Spinne». Die Lesung beginnt. Dem Publikum soll es nun nicht anders gehen als Generationen von Schülerinnen und Schülern, die «Die schwarze Spinne» im Unterricht zu lesen hatten. Bevor es so richtig spannend wird mit Teufelspakt und Gruselspinnen, tischt Dichterpfarrer Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf noch eine üppige calvinistische Frühstück­szene als Rahmenerzählung auf.

Dank witzigen Akzentuierungen – etwa bei einem Begeisterungschor über den Namen des Täuflings – «ein Hans-Ueli!» – und der starken Präsenz des Ensembles (A. Meier, S. Eglin, P. Zimmermann, G. Neuhaus, A. D. Müller, R. ­Hosennen) kommt allerdings keine Langweile auf. Eine wichtige Rolle fällt dabei der raffinierten musikalischen Untermalung durch die Akkordeonistin (O. Steimel) und der Cellistin (K. Öhman) zu.

Einmal bei der Haupterzählung angekommen, kann man sich ganz auf Gotthelfs Mix aus Psychologie, Horror und Fantasy verlassen. So schwarz-weiss die Kleider des Ensembles, so auch die Weltsicht des Dichterpfarrers. Er weiss, wo Gott hockt. Und wo die Spinne: auf der Wange einer Fremden, einer Frau. Wird seine Frauen- und Fremdenfeindlichkeit überdeutlich, geht die Inszenierung in die Metaebene und spricht die Thematik an. Allgemein setzt Regisseur Kaspar Geiger auf starke Spracharbeit und wenige schauspielerische Akzente.

Teufelspakt und unschuldig schuldige ­Heldin

Die sinnliche Ebene kommt nicht zu kurz. Die Lesung wird durch Gesangseinlagen ergänzt und genau in dem Moment, in dem die Nacht anbricht, bricht im Text die Spinnenplage aus. Die Temperatur wird kälter, die Beleuchtung spielt mit Blautönen, die Grillen zirpen lauter und die Celloklänge vermitteln ein Gefühl von Unbehagen.

Wer an Arachnophobie leidet, ist vermutlich froh, dass die Spinnenstory von Zeit zu Zeit von einer anderen Seuchen­geschichte unterbrochen wird. Schwarz maskiert liest das Ensemble Ausschnitte aus Jürg ­Federspiels «Die Ballade der ­Typhoid Mary». Diese Erzählung beruht auf der wahren ­Geschichte einer an Typhus erkrankten Köchin, die um 1900 unzählige Menschen mit Typhus ansteckte. Heute würde man sie vermutlich als «Superspreaderin» bezeichnen.

Anders als Gotthelfs Christine, die sich bewusst für den ­Teufelspakt entscheidet, ist ­Federspiels Maria eine typische tragische Heldin: Sie wird unschuldig schuldig, da sie selber keine Symptome hat. Beide ­Erzählungen zeigen, wie sehr das Aufkommen von Epidemien immer zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Frage nach Schuld und Moral führt. Bezüge zur Corona-­Situation werden deutlich. «Wenn Sie ­immerhin die Hände waschen würden!», wird Mary gebeten.

So packend Gotthelfs Erzählung auch ist, zu ihrer Frauen- und Fremdenfeindlichkeit kommt noch eine dramaturgische Schwäche hinzu: In der zweiten Binnenerzählung wiederholt sich die erste nochmals. Man würde jeder Inszenierung den Mut wünschen, diese Wiederholung einfach zu streichen. Geiger tut das nicht, löst aber auch dieses Problem auf der Metaebene: Der Erzähler macht auf witzige Weise auf diese Verdoppelung aufmerksam. Und zu den Corona-Anspielungen passt der zweite Ausbruch der Spinnenplage ganz gut: Wer sich nicht anständig benimmt, riskiert eine zweite Welle.

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