Lyrikfestival Basel

«Ein gutes Gedicht geht unter die Haut»: Diese junge Frau gestaltet das Lyrikfestival Basel mit

«Meine Leidenschaft für literarische Texte entwickelte sich früh»: Alisha Stöcklin in der Kunsthalle.

«Meine Leidenschaft für literarische Texte entwickelte sich früh»: Alisha Stöcklin in der Kunsthalle.

Alisha Stöcklin verhilft Basler Schülerinnen und Schülern zu einem Auftritt am 17. Internationalen Lyrikfestival Basel. Sie ist selber Dichterin und ist das jüngste Mitglied der Lyrikgruppe.

In Grüppchen sitzen und liegen die 15 Jugendlichen unter dem gedimmten Oberlicht der Kunsthalle. Nicht umsonst fläzen sie in der poetischen Ausstellung des Parisers Camille Blatrix: Die Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule Theobald Baerwart federn sich hier für ihren Auftritt am 17. Lyrikfestival Basel ein. Die Jugendlichen wollen herausfinden, was sich mit Sprache ausdrücken lässt – «für einmal ohne Notendruck».

Angeleitet werden sie von der 30-jährigen Alisha Stöcklin. Die ausgebildete Lehrerin dissertiert über Gegenwartslyrik, betreut Literatur bei der GGG-Förderstelle für junge Kulturprojekte und gestaltet als jüngstes Mitglied der Lyrikgruppe das Festival-Programm mit.

Wie führen Sie Jugendliche an Lyrik heran?

Alisha Stöcklin: Gedichte sind schwer lesbar, sperrig und undurchsichtig – dieses Vorurteil hält sich und wird nicht selten durch schulische Erfahrungen bestätigt. Natürlich verlangen Gedichte, dass man ihnen Zeit widmet und Arbeit investiert. Aber ich sage dann, dass es beim Interpretieren und Schreiben von poetischen Texten erst einmal kein Richtig und Falsch gibt. Wir sind heute zu Beginn der Schreibwerkstatt mit den Jugendlichen durch die Ausstellung in der Kunsthalle gegangen und haben sie anschliessend gefragt, was Kunst für sie bedeutet. Eine Schülerin sagte etwa: «Kunst ist so vielfältig wie wir.» Wenn die Jugendlichen etwas von sich selbst in den Werken wiedererkennen und durch sie neue Perspektiven gewinnen, dann haben sie verstanden, dass Kunst etwas tief Individuelles so ausdrückt, dass alle auf unterschiedliche Art und Weise andocken können.

Mit was für Erwartungen kommen die Jugendlichen denn in den Kurs?

Ein Schüler hat gesagt, er möchte lernen, anders zu denken, mit diesen Texten und durch sie. Es geht also darum, den Schülerinnen und Schülern Werkzeuge in die Hand zu geben, die es ihnen erlauben, die Pluralität von Sinn zu erfassen und damit einen produktiven Umgang zu finden.

Was ist überhaupt ein Gedicht?

Es gibt eine Minimaldefinition von Gedichten: Rede in Versen, viel Weissraum. Lyrik ist zudem nie frei von Überlieferung. Immer wieder fordert sie tradierte Formen heraus und überschreitet die Grenzen ihres Begriffs. Oft höre ich von Schülerinnen und Schülern: «Das reimt sich ja gar nicht.» Ich lese mit den Jugendlichen deshalb Gedichte aus ganz unterschiedlichen Epochen, auch viel Zeitgenössisches, damit keine Fixierungen auf formale Aspekte entstehen. Ich gebe ihnen mit: Gedichte kennen Merkmale, aber keine Grenzen. Wenn es Regeln gibt, dann nur solche: Nicht jeder Satz endet dort, wo der Vers endet. Gedichte haben ein «Mass»: Ihre Einteilungen in Vers und Strophe sind präzise gesetzte Schnitte, ihre Sprache klingt und verlangt einen Resonanzkörper.

Und was macht ein gutes Gedicht aus?

Ein gutes Gedicht geht unter die Haut. Es trifft und macht betroffen. Das ist bei Kindern oder Jugendlichen nicht anders als bei Erwachsenen.

Welches Gedicht gefällt Ihnen persönlich am besten?

Das ist immer eine falsche Frage! (lacht) Natürlich gibt es Gedichte, die mich begleiten, die bleiben. Ich schreibe meine Dissertation im Kern über das Werk Paul Celans, das mich sehr bewegt. Meine Liebe gilt Texten, die mir etwas gezeigt haben, durch die ich etwas erkannt, in neuem Licht gesehen oder etwas Wesentliches über mich selbst oder die Welt gelernt habe. Solche finde ich überall in der Lyrikgeschichte, obwohl ich sicher eine grosse Nähe zur Gegenwartslyrik habe.

Wie sind Sie zur Lyrik gekommen?

Im Gymnasium wurde mir bald klar, dass ich mit Sprache arbeiten und meine Begeisterung für sie auch teilen will. Meine Leidenschaft für literarische Texte entwickelte sich früh. Als ich später Einblicke erhielt in die hiesige Literatur- und Lyrikszene und ihre Geschichte, wollte ich meinen Teil dazu beitragen, die gemeinsam gelebte Freude am Wort hier in der Region lebendig zu halten. So reaktivierte ich 2012 den Tag der Poesie und 2014 das Basler Poesietelefon. Seit zwei Jahren bin ich zudem Mitglied der Lyrikgruppe, die das Basler Lyrikfestival kuratiert. Hauptsache, die Lyrik kommt unter die Leute!

Ist Basel ein gutes Pflaster für die Dichtkunst?

Ja, das war es stets und ist es noch. Es hat hier viele engagierte Menschen, die sich dafür einsetzen, Zugänge zu schaffen und zu ermöglichen. Und es gibt ein breites, interessiertes Publikum auf der anderen Seite. Es ist wichtig, der Lyrik das Elitäre zu nehmen und das Vorurteil zu entschärfen, sie stünde nur Eingeweihten offen. Poesie wohnt uns allen inne.

Mit Blick auf das heute startende Lyrikfestival: Was ist dieses Jahr besonders?

Die Lyrikgruppe zeichnet erstmals ein Debüt mit dem Basler Lyrikpreis aus: Eva Maria Leuenberger, eine junge Schweizer Lyrikerin, hat mit «Dekarnation» einen beeindruckenden Erstling vorgelegt. Seit dem letzten Jahr haben wir zudem ein neues, experimentelles Format, das Late Night Varieté, bei dem in diesem Jahr Musikerinnen und Musiker spontan auf Lyrikerinnen und Lyriker treffen, um gemeinsam etwas zu erarbeiten, was sie am Abend zeigen. Es ist insgesamt ein reichhaltiges Programm mit vielen tollen Gästen zusammengekommen. Und etwas vom Schönsten ist stets, dass Leute, welche die Faszination für Lyrik verbindet, miteinander in Kontakt kommen.

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