Lockdown in den Museen
Ein ganzer Monat ohne Kunst

Im Kunsthaus Baselland wäre zu sehen, wie Kunst mit der Krise umgeht. Nun sind die Museen aber geschlossen.

Mathias Balzer
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Foto Gina Folly Céline Manz 15 Künstlerinnen und Künstler stellen im Kunsthuas Baselland aus
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Foto Gina Folly Jacob Ott 15 Künstlerinnen und Künstler stellen im Kunsthuas Baselland aus
Foto Gina Folly_Mathias Liechti 15 Künstlerinnen und Künstler stellen im Kunsthuas Baselland aus
Foto Pati Grabowicz_Céline Manz 15 Künstlerinnen und Künstler stellen im Kunsthuas Baselland aus

Foto Gina Folly Céline Manz 15 Künstlerinnen und Künstler stellen im Kunsthuas Baselland aus

bz Basel

Das Kunsthaus Baselland wäre gerade jetzt ein guter Ort der Erholung. Die nahenden Weihnachtstage im Coronajahr, die Ungewissheit, welche Massnahmen kommen, welche die richtigen sind, und welche sich im politischen Ränkespiel in Bern durchzusetzen vermögen – all das zehrt an den Nerven.

Die alte Shedhalle mit ihren grossen Räumen bietet sich an, um in andere Welten einzutauchen. Nur hat der Bundesrat am Freitag anders beschlossen: Die Museen werden ab Dienstag für einen Monat geschlossen. Die Werke der 15 Künstlerinnen und Künstler, für die Regionale 21 erarbeitet, sind dann nicht mehr besuchbar. Dabei wären gerade sie ein schönes Beispiel dafür, wie Kunst in Zeiten der Krise ihr Potenzial entfaltet.

Kunst bietet Strategien, von denen alle lernen können

Die Kuratorinnen Géraldine Honauer und Ines Tondar haben Projekte ausgewählt, die «dringliche Fragen an aktuelle Gewohnheiten und Zustände stellen», so der Ausstellungstext. Und es stimmt: Die Krise, in welche Kunst und Gesellschaft dieses Jahr geschlittert sind, scheint in vielen der Arbeiten auf.

Eher auf indirekte Weise

, präzisiert Ines Goldbach, Direktorin des Kunsthauses. «Interessant finde ich, dass die Künstlerinnen und Künstler eigentlich die Lockdown-Erfahrung, das Alleine-Arbeiten, schon lange kennen.» Diese Einsamkeit sei geradezu die Basis ihrer Arbeit, so Goldbach. «Die grösste Krise und die grösste Kreativität kommen aus diesem Zustand. Scheitern ist für Künstler ein tägliches Brot.»

Trotzdem, das zeige die aktuelle Ausstellung, begegnen Künstlerinnen und Künstler der Krise mit Humor, mit Melancholie oder auch mit Hoffnung. «Von diesen kreativen Strategien können wir alle lernen. Wir müssen ja nicht alle Künstler sein. Aber hoffentlich bleiben wir alle kreativ.»

Was das bedeutet, zeigt die Ausstellung. Zu sehen wäre beispielsweise Nina Riebens Installation, in der die Künstlerin danach fragt, ob und wie wir Dinge loslassen können und wie wir mit Leerstellen umgehen. Oder Willi Otts Kartoffelbühne, auf welcher unterschiedlichste Knollen von unfertigen Musikstücken beschallt werden.

Flurina Sokoll hat kleine Arrangements aus Gegenständen gebaut, die während der Krise auf die Strasse gestellt wurden. Philipp Hänger illustriert den Stillstand, indem er ausgediente Gummihandläufe von Rolltreppen von der Museumsdecke baumeln lässt.

Raphael Loosli und Arnau Wohlhauser frieren die Gegenwart ein. Sie haben eine Tiefkühltruhe mit Wasser gefüllt und in Betrieb genommen. Truhe und Eisblock stehen nun unter dem Titel «The Magic is still there but the sex is terrible» in einer Ecke des Kunsthauses und warten wohl, bis jemand den Stecker zieht, damit das Eis schmilzt.

Matthias Liechti gestaltet aus dem internationalen Notausgangssignal EXIT ein verblüffendes Ornament. Und Anna Schwehr macht sich über die Herrscher lustig, die vermeintlich alles im Griff haben. In ihrem Video müssen ausgediente Reiterstatuen an einem Pferderennen teilnehmen. Da wären also viel Witz, gedankliche Schärfe und Mut zu Emotionen zu erleben.

Der Moment, in dem alle zusammenhalten müssen

Direktorin Goldbach hat die Schliessung der Museen erwartet, aber sie bedauert diese sehr. Für sie gehören Museen auch nicht unbedingt zu den Freizeit-, sondern zu den Bildungseinrichtungen. Gerade für Menschen, die nicht Ski fahren oder draussen Sport machen, wäre der Museumsbesuch eine gut Alternative. «Es geht ja nicht bloss um die körperliche Gesundheit. Ich mache mir auch Sorgen darüber, wie wir mental wieder aus dieser Krise rauskommen.»

Sie betont jedoch, dass der Lockdown des Kulturlebens vor allem für die Künstler eine Katastrophe sei. «Wir als Institution sind ja in der glücklichen Lage, dass wir seit Beginn der Krise wussten, dass der Kanton, die Stiftungen und Sponsoren voll hinter uns stehen. Das überhaupt gibt uns die Möglichkeit, frei und kreativ zu handeln.»

Das werde auch noch nächstes Jahr noch so sein, sagt Goldbach. Die Direktorin treibt für die weitere Zukunft aber auch die Sorge um, ob Geldgeber und Sponsoren weiterhin Mittel in derselben Höhe zur Verfügung stellen können.

Ich erwarte, dass sich die Ausgangslage für die Geldgeber durch die Krise auch verändert.

Aber Goldbach lässt sich den Schwung durch die nochmalige Schliessung nicht nehmen: «Es ist der Moment, wo wir zusammenhalten müssen. Ich habe trotz der Krise noch nie so gespürt, wie viel wir als Kunsthaus eigentlich geben können.»

Am Kunsthaus Baselland sind während des erstens Lockdown neue Formate der Kunstvermittlung entstanden. Sie werden nun wieder aktiviert. Beispielsweise das Kulturte lefon, wo jeden Donnerstag
ein Gespräch über ein Werk geführt wird. Oder die «Quaran tine-Lockdown-Line», bei welcher das Publikum zehn Tage lang Kunst zugeschickt bekommt.

Durch diese Formate habe sich der Kontakt mit dem Publikum intensiviert, sagt Goldbach. Bei der «Quarantäneline» gab es sogar eine Bestellung aus Texas. Die Idee des Kulturtelefons wurde von Institutionen in Deutschland aufgenommen.

Und das kommende Jahr wird auch nicht einfach

Aber trotz alledem; wie blickt die Direktorin in das ungewisse, kommende Kunstjahr? «Man muss eine extreme Flexibilität und Wendigkeit beweisen. Als kleineres Haus haben wir den Vorteil, dass wir schnell und unkompliziert reagieren können.»

Für das Jahresprogramm habe sich ihr Team vor allem für längere Laufzeiten der Ausstellungen entschieden. «Falls wieder eine Schliessung kommt, gibt es für uns dadurch mehr Spielraum.»

Kompliziert gestalte sich die Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern, von denen viele aus dem Ausland kommen. «Mir ist sehr wichtig, dass die Künstlerinnen ihre Ausstellungen mit uns vor Ort entwickeln», erklärt die Direktorin. «Da müssen wir für kommendes Jahr immer einen Plan B mitdenken. Zur Videoausstellung, die für Ende Januar geplant ist, sind etwa Künstler aus Israel oder Spanien eingeladen. Von Mai bis September drei Frauen aus Brasilien und New York. Die werden wahrscheinlich alle nicht herkommen können.

Und rechnet sie mit der Durchführung der Art Basel? «Ich kann mir schon vorstellen, dass sie in der einen oder anderen Art stattfindet. Aber es ist wahrscheinlich nicht günstig, wenn man sich darauf fokussiert. Für Basel wär es aber enorm wichtig.»