Im Fluss/Open Air Basel

Ein etwas kühles Festival-Wochenende

Hatten ein zu kurzes Vergnügen als Headliner des «Open Air Basel»: Die englische Band Archive mit den Sängern Pollard Berrier (links) und Dave Pen.

Hatten ein zu kurzes Vergnügen als Headliner des «Open Air Basel»: Die englische Band Archive mit den Sängern Pollard Berrier (links) und Dave Pen.

Bilderbuch, Nits, Archive, Edoardo Bennato und Chinese Man spielten am Wochenende unter freiem Himmel.

Es war nicht der Festivalabschluss, den Sandro Bernasconi, Veranstalter des Open Air Basel, verdient hatte. Die britische Band Archive verabschiedete sich Samstag Mitternacht von der Bühne, die geschätzten 2000 Besucher wollten mehr, erhielten aber statt einer Zugabe eine Ansage: Danke fürs Kommen, habt bitte Verständnis für die Spielzeiten. Es hagelte Pfiffe und Buhrufe. Undankbar, schliesslich hatte Bernasconi drei Abende lang tolle, urbane Musik aufs Kasernenareal gebracht.

Die Zapfenstreichzeit? Blame it on the Behörden. Auch kann der Veranstalter nichts dafür, dass die letzte Band des Festivals erst spät jene Euphorie entfachte, für die sie bekannt ist. Archive spielten neueres Material; nett, aber nicht zwingend, sondern austauschbar. Man vermisste lange die Sogwirkung ihrer psychedelisch unterfütterten Songs. Für einmal ohne weibliche Stimme angereist, fehlten zudem Farbnuancen im Klangbild.

Hätte man vielleicht nicht vermisst, ebenso wenig die Videoeinspielungen, wenn das neue Material nicht geschwächelt hätte. Erst als sich das Septett nach 45 Minuten in den eindringlichen Song «Fuck You» hineinsteigerte, hoben Band und Publikum gemeinsam ab, war die mitreissende Energie da, die einen in höhere Sphären katapultierte. Hätten sie sich doch früher auf ihre epischen Songs der Nuller-Jahre besonnen.

Chinese Man als Höhepunkt

Zuvor hatte flussaufwärts eine andere Liebhaber-Band der Basler ebenfalls ihre durchzogenen Momente: Die holländischen Nits bildeten den Abschluss des «Im Fluss»-Jahrgangs. Das Trio eroberte in den 1980ern die Herzen hiesiger Popfans, mit sehnsüchtigen Liedern und denkwürdigen Auftritten, im Fairytale oder Atlantis.

Die Nits bestechen noch immer mit ihrer Spielfreude und Originalität. Auf einen starken Auftakt (u.a. «JOS Days») folgt eine Phase, in der sich Bandleader Henk Hofstede in Kunstansprüchen zu verlieren drohte, manche poetischen Momente plätscherten am Ufer vorbei oder gingen unter, weil sie in ihrer ausgeprägten Ruhe und Dynamik an einem Open-air-Anlass wie diesem eher ungünstig waren. Für die Aufmerksamkeit, die ihr Konzert verlangte, bedankten sich die Nits mit wunderbaren Klassikern, von «The Dream», «Sketches Of Spain» bis «In The Dutch Mountains».

Tags zuvor, am Freitag, hatte einer zur Zeitreise geladen, der seit 50 Jahren im Musikgeschäft ist: Edoardo Bennato, der nimmermüde Italorocker. Früher füllte er die Joggelihalle, zuletzt trat er im Rhypark auf, nun «Im Fluss». Auch an seinem Konzert war der «Weisch no»-Faktor im Publikum hoch: Viele kannten seine Canzoni seit den 80er-Jahren.

Der einstige Strassenmusiker feuerte zunächst die Hits im Alleingang ab: «Sono solo canzonette» mit Gitarre, Kazoo und Mundharmonika, oder «Il gatto e la volpe». Dann holte er seine junge Band auf die Bühne und baute zunehmend neue Bluesrock-Songs ein.

Dazu projizierte der Napolitaner Bilder von Kriegsschauplätzen und Flüchtlingsbooten auf eine Leinwand. Man merkte es: Keine Altersmilde, der Mann will aufrütteln. Manche Besucher dürften lieb gewonnene Klassiker wie «Viva la mamma», «OK Italia» oder «Sei come un Juke-Box» vermisst haben – und sein unvergessliches Duett mit Gianna Nannini, «Un’ estate italiana». Aber hey, vom «estate», dem Sommer, war am kühlen Freitag eh keine Spur.

Und dies setzte – zurück zum Open Air Basel– selbst der derzeit hippsten österreichischen Band Bilderbuch zu. Nicht nur die tiefen Temperaturen trugen dazu bei, dass der Funke anfänglich nicht sprang, auch die schlechte Tonqualität. Ihre selbstironischen Gaga-Texte, die sie zum Markenzeichen gemacht haben, konnte man lange kaum verstehen.

Erst nach einer halben Stunde erreichte der Sound ein anständiges Niveau. Sänger Maurice Ernst nahm es mit Humor. Er lobte die Vorzüge der Pharmastadt: «Scheiss auf Homöopathie, Scheiss auf Esoterik», rief er ins Publikum. Nur anständige Medikamente nutzten was. Von da an wars für die Wiener ein einziger Steigerungslauf mit den beiden Hits «Maschin» und «Bungalow» als Schlussbouquet.

Den stimmungsmässigen Höhepunkt an diesem Open-Air-Wochenende lieferte das Konzert von Chinese Man. Zu Hause gefeierte Stars, sind sie ausserhalb Frankreichs kaum in Erscheinung getreten. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Die Combo holte mit ihrer originellen Setlist, bei der sich Elektro-, Hip-Hop- und Ragga-Songs abwechselten, das Publikum von der ersten Sekunde ab und lieferte den Beweis: Auch die Basler können feiern. Wenns sein muss, sogar ohne Medikamente.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1