Konzert

Drogenband mit Rockproblem: Ein wilder Trip durch die britische Rockgeschichte

Die Fat White Family spielten am Mittwoch Abend in der Kaserne Basel. (zvg / homepage Kaserne Basel)

Die Fat White Family spielten am Mittwoch Abend in der Kaserne Basel. (zvg / homepage Kaserne Basel)

Die Fat White Family sorgte in der Kaserne für eine berauschende Party. Und demontierte damit den eigenen Mythos.

Nach 65 Minuten ist Schluss. Da kann das zahlreich erschienene Publikum im Rossstall der Basler Kaserne noch so toben – die Party der Fat White Family ist vorbei. Und sie war grossartig. «I Believe in Something Better», eine hypnotisierende Hymne mit Chorgesang und Pump-Bässen, heisst der Abschlusssong kurz nach 23 Uhr. Wie dieses «Bessere» denn aussehen könnte, deutet Keyboarder Nathan Saoudi mit seiner wiederholten Aufforderung an, «Ketamin, Hasch, irgendwas» hinter die Bühne zu bringen.

Vielleicht ist das bloss Imagepflege einer Truppe, die sich als «Drogenband mit einem Rockproblem» anpreist. Wenn man die wechselweise reglosen oder hypernervösen Gestalten auf der Bühne betrachtet, dann braucht man jedoch keinen Blick in die Band-Biografie zu werfen, um zu wissen, dass die Fat White Family zumindest in der Vergangenheit nicht immer einen Bogen um Drogen gemacht hat.

Doch so sehr die sieben hageren Männer am Mittwochabend auch wie der «Train-Spotting»-Cast daherkommen, so verrät ihr dichtes und durchdachtes Zusammenspiel doch, dass die grossen Exzesse der Vergangenheit angehören.

Drogen-Visionen stocknüchtern umgesetzt

Die Singleauskopplung «Feet» etwa droht in der Kaserne mehrfach vom Pop in die Psychedelik abzurutschen, verharrt dann aber punktgenau auf halbem Weg. Ebenso stimmig gerät «Touch The Leather», das klingt, als tobe im Nebenzimmer eine illegale Techno-Party, während man sich mit Serge Gainsbourg über erotische Spielarten zu unterhalten versucht. Auch hier hält sich die Band an ihre drogengeschwängerten Visionen, bringt diese jedoch stocknüchtern auf die Bühne.

Bei vier Harmonie-Instrumenten (je zwei Gitarren und Keyboards) und streckenweise bis zu sieben Gesangsstimmen könnte das Klangbild der Fat White Family jederzeit aus dem Ruder laufen. Doch selbst wenn sich Frontmann Lias Kaci Saoudi im Duell mit dem Saxofon von Alex White in Rage schreit, bleiben die Arrangements greif- und tanzbar. Die Musiker – die Formulierung drängt sich auf – sind Meister der richtigen Dosierung.

Das gilt auch für die geschickt eingestreuten Querverweise auf die britische Musikgeschichte: Manch eingängiger Refrain könnte von den Kinks stammen, die latent aggressive Stimmung kennt man von Public Image Ltd. um Ex-Sex-Pistol John Lydon und das ungenierte Zusammenwürfeln von Clubbing- und Rockkultur von den Stereophonics.

Wie ein guter DJ hat die Band aus dem Londoner Stadtteil Peckham ein Gespür für die grossen Spannungsbögen: So geht der trashige Surf von «Heaven on Earth» nahtlos in das bei Ennio Morricone entlehnte «When I Leave» über.

All das zeugt von Kalkül und Können. Künftig wird die Band also mehr tun müssen, als am Konzertende nach Drogen zu fragen, wenn sie ihren schlechten Ruf bewahren will. Die Fat White Family könnte die Vergangenheit aber auch getrost ruhen lassen und einfach – ganz ohne Drogen-Mythos – eine sehr gute Band sein.

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