Prozess

Doppelmord im Café 56: Staatsanwalt spricht von «unfassbarer Brutalität» und fordert lebenslange Haft

Beim Doppelmord-Prozess in Basel hat der Hauptangeklagte am Montag den Namen eines Cousins nicht verraten wollen, der die tödlichen Schüsse abgegeben habe. Derweil wurde bekannt, dass der behördlich gesuchte Mittäter in den Niederlanden in Haft ist.

Rund ein Dutzend Polizisten standen am Montag beim Basler Strafgericht im Einsatz. Verhandelt wird einer der brutalsten Morde in der jüngeren Kriminalgeschichte Basels. Von «einer Exekution», «kaum fassbarer Brutalität» und «ausserordentlichen Kaltblütigkeit» sprach der Staatsanwalt.

Zwei Männer waren am Abend des 9. März 2017 ins Café 56 an der Erlenstrasse marschiert und exekutierten dort zwei Albaner. Das Überwachungsvideo der Polizei, die den Ort als mutmasslichen Drogenumschlagsplatz beobachtete, zeigt, mit welcher Kaltblütigkeit die Mörder vorgegangen sind.

Gerade mal 15 Sekunden vergehen zwischen dem Zeitpunkt, als die zwei das Café betreten, bis sie wieder zur Tür herausrennen. In dieser kurzen Zeit richteten sie ein Blutbad an: Insgesamt fünf Mal drückte einer der beiden mit einer 9-mm-Pistole ab. Eines der beiden Opfer erlitt einen Bauchdurchschuss und verstarb kurze Zeit nach der Tat. Sein 28-jähriger Kollege wurde mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Ein weiterer Mann überlebte mit einer Kugel im Körper.

Eine Mauer des Schweigens

Die Hintergründe der Bluttat sind bis heute nicht geklärt. Vermutet wird eine Machtdemonstration im Drogenmilieu: «Eine Abrechnung auf einem der tiefsten Stockwerke der Unterwelt», kommentierte der Staatsanwalt. Die Opfer, die im Balkan lebten, waren wegen Drogenhandels, Hehlerei und weiteren Delikten vorbestraft.

Auch das Vorstrafenregister des Angeklagten ist gravierend. Der 42-jährige Albaner verbrachte 14 von den 16 Jahren vor der Tat im Gefängnis. In Deutschland wurde er wegen Kokainhandels und gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Er hatte bei zwei Kontrahenten mit einer Schusswaffe gedroht und abgedrückt. Da zuvor das Magazin aus der Waffe gefallen war, kam es nicht zu einer Schussabgabe. Kaum war er wieder draussen, wurde er in Frankreich wegen Drogenhandels verurteilt.

Im Basler Fall sei er aber unschuldig, erklärte der Mann. Er hatte sich am Tag nach den Morden bei der Polizei gestellt und gestanden, die Schüsse abgegeben zu haben. Als er tags darauf dem Haftrichter vorgeführt wurde, stritt er aber überraschend alles ab.

Er habe die Tat zugegeben, um einen Familienangehörigen zu schützen, der die Morde begangen hatte. Aus kulturellen Gründen sei er verpflichtet gewesen, diesen zu schützen. Pikant: Der Haftrichter wollte den Mann aus der Haft entlassen. Erst das Appellations- und das Bundesgericht gewährten die Untersuchungshaft.

Der zweite Tatverdächtige – ebenfalls ein entferntes Familienmitglied – galt bisher als flüchtig. Vor Gericht wurde jetzt bekannt, dass er mittlerweile in Holland wegen Drogenhandels im Gefängnis sitzt.

Eindeutige Beweise konnte die Staatsanwaltschaft nicht vorlegen. Die Männer auf dem Video sind nur undeutlich zu erkennen. Auch die vier Zeugen – der Angeschossene, ein weiterer Gast und die beiden Angestellten des Cafés – schweigen allesamt. Der Staatsanwalt sprach von einem «Klima der Angst». Die Ermittlungen hätten sich sehr schwierig gestaltet. «Praktisch überall, wo man hinschaut: nur Personen mit fragwürdigen Lebensläufen und eine Mauer des Schweigens.»

Den Tatort ausgekundschaftet

Allerdings wird der Angeklagte durch eine Reihe von Indizien belastet. So hatte er mit dem mutmasslichen Mittäter wenige Stunden vor den Morden das Café besucht. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass dabei der spätere Tatort ausgekundschaftet wurde.

Im Fluchtauto fanden sich Spuren von ihm. Auch konnten auf seinen Schuhen Blutspuren nachgewiesen werden. Allerdings nur in derart geringer Menge, dass keine DNA extrahiert werden konnte.

Gleichzeitig beantwortete der Mann, der weder einen Wohnsitz noch ein Bankkonto haben will, die Fragen der Richter nur einsilbig, ausweichend und oft auch widersprüchlich. Zudem kann auch er keine Zeugen zu seiner Entlastung vorbringen.

Der Staatsanwalt sieht es als erwiesen an, dass der Angeklagte bei den Morden zumindest dabei war und fordert eine lebenslängliche Freiheitsstrafe. Der Mann könnte also frühestens nach 15 Jahren aus der Haft entlassen werden.

Der Verteidiger verlangt einen vollumfänglichen Freispruch und eine Entschädigung für die 21-monatige Haft. «Weshalb sollte sich mein Mandant als Doppelmörder selber bei der Polizei stellen?», fragte er rhetorisch. Es gebe keine Beweise, und das anfängliche Geständnis sei klar falsch. Das Urteil wird am Donnerstag bekannt gegeben.

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