Am Mittwoch sagt der Grosse Rat Ja zum zweiten Roche-Turm. Gegenstimmen wird es kaum geben. Natürlich wird zuerst eine Debatte geführt. Fehlende Grünanlagen werden beklagt, die neue Skyline kritisiert, das Verkehrsaufkommen ins Spiel gebracht, vielleicht sogar gefordert, dass das lokale Gewerbe beim Millionen-Bau berücksichtigt werden soll. Auf der Gegenseite werden die Arbeitsplätze, die Steuern, das Standort-Bekenntnis und die dafür nötigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in die Waagschale geworfen. Und dann wird abgestimmt, viele grüne Lichter leuchten an der elektronischen Anzeigetafel des Grossratssaals für den Bebauungsplan Grenzacherstrasse (Nordareal). Hinter diesem Bericht nämlich steckt der zweite Roche-Turm, der bald der um 30 Meter grössere Bruder des jetzigen Basler Wahrzeichens wird. Die Zahlen : 1700 Büroräumlichkeiten, 550 Millionen Franken Kosten, 2021 Bezugstermin.

«Ein bitterer Nachgeschmack bleibt, denn die Volumina sprengen die bisherigen Dimensionen.» Das sagte Thomas Grossenbacher, Fraktionssprecher der Grünen, als der erste Roche-Turmbau im Parlament hing. Die Grünen waren damals die einzigen, die ihre Bedenken äusserten. Am Schluss blieben von ihrem Widerstand drei Stimmen, alle anderen stimmten zu, «nicht aus ästhetischen, sondern aus ökonomischen und funktionalen Überlegungen», wie es beispielsweise Tobit Schäfer (SP) formulierte.


Die Hauptdiskussion wird sich jetzt einerseits um die Ästhetik, andererseits um Nebenschauplätze drehen. Zu reden geben wird beispielsweise der Rheinuferweg. Schon 2010, als der erste Turm im Parlament bewilligt wurde, war dieser Anlass für Diskussionen. Damals sagte Baudirektor Hans-Peter Wessels: «Der Rheinuferweg ist nicht optimal ausgestaltet. Wir befinden uns diesbezüglich in einem konstruktiven Austausch mit der F. Hoffmann- La Roche AG. Das Unternehmen möchte im Zuge der Bauarbeiten auch die Grenzacherstrasse fussgängerfreundlicher gestalten.» Dies geht aus dem Protokoll der damaligen Verhandlung hervor. Passiert ist seither aber nichts. Im Bericht der Bau- und Raumplanungskommission, der am Mittwoch behandelt wird, ist deshalb wieder die Rede vom Solitude-Weglein. Diesmal verspricht der Pharma-Konzern, noch auf diesen Sommer ein kleines Gebäude abzureissen und so den Streckenabschnitt sicherer zu machen.



Inzwischen ist sich auch Grossenbacher nicht mehr sicher, ob er noch gegen das zweite Begehren des Chemie-Riesen Einspruch erheben soll. «Keine Partei und keine Organisation in Basel ist bereit, Kritik an der Pharma zu üben», sagt er. «Auch ich tue mich schwer mit diesem Entscheid.» Obwohl ihm nicht nur der Bau 2 aufstösst, sondern auch andere Hochhäuser, die damit beschlossen werden, wie etwa ein weiteres Forschungsgebäude, das 132 Meter hoch wird.

Gegner haben aufgegeben

Ein Veto-Recht gegen die Pläne hätte die Stadtbild-Kommission. Doch wie beim ersten Bau wird sie nicht aufbegehren. «Wir äussern uns sehr zurückhaltend, denn hier sind andere Kräfte am Ziehen und Stossen, unser Anspruch ist gering», sagt Mathis Müller vom Fachsekretariat der Kommission. «Wirtschaftliche Interessen stehen bei einem solchen Projekt im Vordergrund.» So werden auch viele Basler denken, auch das Volk würde dem Bau an der Urne wohl seinen Segen geben – doch so weit wird es nicht kommen, niemand ist bereit, für ein mögliches Referendum seine politische Karriere aufs Spiel zu setzen.

Das hat sich abgezeichnet. In der Vergangenheit hat sich das Basler Parlament und auch die Regierung oft als nicht sehr kritisch gegenüber der Pharma gezeigt. Diese wiederum kam der Politik oft mit grosszügigen Angeboten zuvor. So sagte  Wessels in der Debatte von 2010: «Mit Blick auf die unternehmensinternen Massnahmen bezüglich der Parkplatzsituation muss man sagen, dass die F. Hoffmann- La Roche AG in dieser Hinsicht den Kanton links überholt hat.» Die Anwohner entschädigte der Konzern für die Schattenseiten des Baus finanziell und lud sie zudem exklusiv auf das Dach des bereits bestehenden Hochhauses.

Als das Unternehmen 2011 für die Neugestaltung der Grenzacherstrasse anklopfte und auch hier Geld bereitstellte, war sich der Grosse Rat deshalb einig – was selten genug geschieht – und gewährte ebenfalls einen Kredit von 350'000 Franken. Drei Jahre zuvor ging es noch um die Wettsteinallee. 17 Grossräte hatten sich damals noch gegen die Pläne der Roche gewehrt – sie blieben erfolglos.
Nüchtern, hell und mit unbezahlbarer Aussicht: So siehts im Innern des Roche-Turms aus.

Nüchtern, hell und mit unbezahlbarer Aussicht: So siehts im Innern des Roche-Turms aus.