Film und Podium

Die Suche nach dem Regisseur des Lebens

In Kieślowskis Filmen werden die Opfer auch gerne mal zum Täter.

In Kieślowskis Filmen werden die Opfer auch gerne mal zum Täter.

Am Sonntag stellt das Philosophicum in Basel die letzten fünf Episoden des polnischen Filmmeisterwerks Dekalog vor.

Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst dir kein Bildnis der idealen Morallehre machen. Was auf den ersten Blick wie die Botschaft eines religiösen Moralapostels wirken mag, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Dekonstruktion jeglicher starrer Moralvorschriften.

Der polnische Regisseur Krzysztof Kieślowski schuf 1989 mit seiner Serie Dekalog ein Meisterwerk, das sich jenseits von Gut und Böse bewegt. In Kooperation mit «Culturescapes» stellt das Philosophicum am Sonntag die Episoden sechs bis zehn vor. Dazwischen findet ein Podium mit zwei Männern statt, die Kieślowski bestens kannten.

Nüchtern, unbarmherzig und ganz schön heftig

Die zehn Episoden stehen für je eines der zehn Gebote. Sie setzen nicht auf moralische Resümees oder blumige Happy Ends. Ihre Storys sind nüchtern, unbarmherzig und ganz schön heftig. Man nehme den ersten Teil: Der Junge Pawel wächst zwischen seinem rationalistischen Vater und dessen gläubiger Schwester auf. Er wünscht sich zu Weihnachten nichts sehnlicher als ein Paar Schlittschuhe, um damit auf dem nahegelegenen See fahren zu können. Nachdem er diese erhält, rechnet sein Vater immer und immer wieder durch, ob die Eisfläche des Sees Pawel halten möge. Er gibt grünes Licht und es geschieht entgegen aller Wahrscheinlichkeit und den wissenschaftlichen Berechnungen etwas Grausames: Das Eis unter Pawel bricht, der Junge ertrinkt.

Schicksal? Zufall? Oder doch einfach nur die Bestrafung des Allmächtigen, weil Pawels Vater sich neben dem Herrn auch die Wissenschaft zum Gott nahm? Letzteres würde auf jeden Fall zum ersten Gebot passen, welches der ersten Episode zugeordnet ist: «Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.» Doch so einfach ist es nicht.

Wer die Regie führt, wird am Ende nie ganz klar

Kieślowski liefert uns keine pfannenfertigen Interpretationsmöglichkeiten. Gerade in der heutigen Zeit, während der jeder einen moralischen Leitfaden als Nonplusultra erwartet, führt uns der Dekalog diesen absurden Eindeutigkeitswahn des Menschen wunderbar grausam vor Augen. Es sei schon immer ein Charakteristikum Kieślowskis gewesen, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, sich nicht auf eine Sichtweise festzulegen, so Antoine Jaccoud, Podiumssprecher am Sonntag und langjähriger Freund von Kieślowski.

Vielleicht ist es jene Mannigfaltigkeit, die uns der polnische Regisseur vermitteln will. Vielleicht soll das Werk gerade die Losgelöstheit von absoluten Werten propagieren. Denn wer in seinen Storys die Regie des Lebens führt, wird am Ende nie ganz klar. Sinnbild für diese Beliebigkeit ist der «junge Mann». Er ist die einzige Figur, die in fast jeder Episode auftaucht, und zwar genau in den entscheidenden Schicksalszenen. Aber er urteilt nicht, bewertet nicht – er schaut bloss zu, wie die Handlungsstränge ihren tragischen Lauf nehmen, und akzeptiert die Absurdität der alltäglichen Zufälligkeit.

 

Sonntag, 20. Oktober 2019
Film und Podium zu den Episoden 6-10
ab 11 Uhr, Druckereihalle im Ackermannshof
7 Franken pro Episode/Podium
www.philosophicum.ch

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