Kulturprotest

Die Kulturszene sitzt im Büro statt auf der Bühne

Das Theater, sicherster Ort der Welt?

Das Theater, sicherster Ort der Welt?

Die Klagen über die bundesrätlichen Massnahmen sind laut, trotz grosser Finanzhilfen. Was läuft schief?

Das weisse Banner ist auf den sozialen Netzwerken omnipräsent: «Ohne Kunst & Kultur wird’s still». Kulturschaffende und Kulturfans im ganzen Land geben damit ihrem Unmut Ausdruck. Die ­bundesrätlichen Massnahmen, die Beschränkung öffentlicher Veranstaltungen auf fünfzig Personen, legen weite Teile des kulturellen Lebens still oder schränken dieses massiv ein. Das geht ans Geld, an die Existenz und schlägt auf die Stimmung. Und viele haben den Elefanten im Raum benannt: Wieso muss gerade die Kultur bluten?

In öffentlichen Briefen an den Bundesrat und die Kantonsregierungen, von Hunderten Kulturschaffenden unterschrieben, beklagen Veranstalter aus Klassik, Theater, Pop und Jazz die Massnahmen als unangebracht. Der Tenor: Gerade diejenigen, die mit aufwendigen Hygienekonzepten seit Juni verhindert haben, dass es bei ihren Veranstaltungen grössere Ansteckungen gab, haben nun das Nachsehen. «Gehen Sie in die Oper oder ins Theater. Da ist es sicherer als zu Hause», ist ein viel zitierter Satz. Gerade Kulturstätten könnten als gutes Beispiel herhalten, wie man es richtig macht, das Zusammenkommen in Corona-Zeiten.

Aber, so die Klage, Kultur werde nicht als systemrelevant anerkannt, sondern nur als Dessert in Zeiten gut gedeckter Tische. Benedikt von Peter, Direktor des Theater Basel, stellte im Gespräch mit dieser Zeitung die rhetorische Frage, ob denn die Arbeit aller Theater der Schweiz zusammengenommen nicht mit der Swiss vergleichbar sei. Die Fluggesellschaft wurde bis anhin mit Hilfskrediten in der Höhe von 1.5 Milliarden Franken einigermassen in der Luft gehalten.

Das Auffangnetz ist gespannt, und es ist gross

Bei aller Enttäuschung und Wut über weitere, finanziell magere Monate, über ein weiteres Jahr voller Ungewissheit, geht gerne Wichtiges vergessen: Der Bundesrat hat bei der Verkündung des landesweiten Lockdowns im März dem Kulturbereich als erstem von allen Teilbereichen schnelle Hilfe zugesagt. Entstanden ist daraus ein dichtes Netz von Hilfspaketen: Kurzarbeitsentschädigung, Nothilfe oder Corona-Erwerbsersatzentschädigung für selbstständigerwerbende Kulturschaffende und Personen in arbeitgeberähnlicher Stellung, Ausfallentschädigung für Kulturunternehmen.

Für Letztere hat alleine der Bund 100 Millionen für die Periode März bis Oktober gesprochen. Die Kantone bringen dieselbe Summe nochmals auf. Und der Bundesrat hat kommuniziert, dass die Hilfspakete erneuert werden. Der Staat, so der Gedanke hinter all den Hilfspaketen, steht für seine Massnahmen, die er den Kulturbetrieben aufbürdet, nach Möglichkeit gerade. Alles in Butter also?

Wohl doch nicht. Das Virus ist gnadenlos. Es legt nicht nur bei Gesundheitsbehörden, sondern auch im Kulturbetrieb Schwachstellen offen. Eigentlich war man gewarnt: 2012 hatte der Bund die Lohn- und Gagenzahlungen im Kulturbereich neu geregelt.

Seit damals gilt: Jeder verdiente Franken muss bei den Sozialversicherungen abgerechnet werden, auch Kleinbeträge wie die Gage für den Plakataushang, den Hochzeitspianisten, den Orgelspieler, die Band am Waldfest oder in der Szene-Bar. Der Grund dafür: Viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler drohen im Alter in die Armut abzusacken, da ihre Altersvorsorge mangels Einzahlungen zu schwach ist.

Wer seither sauber und konsequent abgerechnet hat, sich über seinen ­Status als Selbstständig- oder Teilselbständigerwerbender klar ist, kann auch jetzt auf Hilfe zählen. Pedro Lenz hat es im Gespräch mit dieser Zeitung so formuliert: «Ich hatte das Glück, dass ich meine Einnahmen immer seriös abgerechnet und brav die Steuern bezahlt habe. Nun wurde uns freien Künstlern mit einem Durchschnitt der letzten Jahre das verpasste Einkommen berechnet. Entsprechend bekam ich in den Lockdown-Monaten die Ausfallentschädigung. Aber Kollegen von mir, die nicht so pingelig Buchhaltung geführt hatten, kamen weniger gut weg.»

Im Dickicht der Massnahmen verirrt sich so mancher

Bei der derzeitigen Krise im Kulturbereich geht es demnach nicht nur um die Systemrelevanz geistiger Werte, öffentlicher Diskurse und guter Unterhaltung. Es geht eben auch um Buchhaltung, Lohnabrechnung und Steuerformulare. Das stellt viele vor nicht geringe Probleme. Um an die Töpfe zu gelangen, braucht es eine saubere Administration; ein Bereich, der nicht zu den Steckenpferden Kreativer gehört.

Zudem braucht es schon einiges, um sich durch das Dickicht der verschiedenen Massnahmen zu schlagen, aber lesen Sie selbst: Kantonale Ausgleichskassen sind zuständig für Selbstständigerwerbende und Personen in arbeitgeberähnlicher Stellung. Die Nothilfe von Suisseculture können Selbstständigerwerbende und Arbeitnehmende im Anstellungsverhältnis beanspruchen, aber die Eingabe für Erwerbsersatz ist Bedingung, um eingeben zu können, aus formalen Gründen auch für Nicht-Selbstständigerwerbende. Kulturunternehmen können bei den Kantonen Ausfallentschädigungen beantragen, professionelle selbstständigerwerbende Kulturschaffende können dies seit dem 21. September 2020 nicht mehr. Unselbstständigerwerbende konnten ohnehin nie um Ausfallentschädigung ersuchen. Alles klar?

Nein. Das alles liest sich furchtbar kompliziert und ist es teilweise auch. Nur gibt es ein gutes Argument dafür: Auch Bauern müssen für Staatsgelder komplizierte Formulare ausfüllen. Würde der Kulturbetrieb nach weniger detaillierten Richtlinien unterstützt als diese, würde er angreifbar. Und so geht es den Landwirten gleich wie den Künstlern: Anstatt auf dem Feld oder der Bühne sitzen sie im Büro.

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