Konzert

Der Mann mit der klassischen Gitarre: Steve Hackett über Saiten und die nötige Fantasie

«Es braucht die nötige Fantasie»: Steve Hackett.

«Es braucht die nötige Fantasie»: Steve Hackett.

Steve Hackett, einst Mitglied der englischen Pop-Giganten Genesis, hat seine Liebe zur klassischen Gitarre gefunden. Dabei demonstrierte er sie in Riehen nur kurz.

Hier prallen die Jahrtausende aufeinander: Der kahle Saal im Untergeschoss der Fondation Beyeler ist ausgeleuchtet wie eine Raumstation. Doch die Klänge, die ihn erfüllen, könnten aus dem Mittelalter stammen. Die Zeitachsen laufen in den Händen von Steve Hackett zusammen, der für ein Konzert im kleinen Rahmen angereist ist. Der englische Gitarrist hat in seinen Jahren (1971 bis 1977) bei den Progrock-Giganten Genesis die E-Gitarre revolutioniert. Vielleicht nicht so bühnenwirksam wie Jimi Hendrix, doch innovativ genug, um mit Tapping, Sweep Picking und kontrolliertem Feedback drei Spieltechniken voranzutreiben, die das Klangbild der Rockmusik massgeblich prägten.

Am Donnerstagabend ist davon nichts zu hören. Hackett, der in den letzten Jahren mit aufwendigen Genesis-Revival-Programmen weltweit Erfolge feierte, ist ohne seine elektrische Gitarre angereist. Lediglich zwei klassische Instrumente mit Nylonsaiten hat er dabei. Wenngleich auch diese natürlich verstärkt werden müssen, um den mit über 200 Besuchern weit im Vorfeld ausverkauften Raum zu beschallen. Zu Hause würde er praktisch nie zur E-Gitarre greifen, hatte Hackett beim Telefon-Interview wenige Tage zuvor erklärt: Die Klassikgitarre sei seit je seine erste Wahl.

Die Suche nach der simplen Melodie

Und mit dieser fügt er sich in der Fondation Beyeler so nahtlos in das Klanggefüge seiner Mitstreiter Roger King (Keyboards) und Rob Townsend (Saxofon und Flöte) ein, dass man ihn zu Beginn kaum wahrnimmt: Im eröffnenden «Jacuzzi», einer fröhlichen Eigenkomposition von 1980, beschränkt sich Hackett darauf, die Pianoakkorde zu doppeln, hier und da ein wohldosiertes Ornament einzustreuen oder einfach auf Saiten und Korpus den ⅞-Takt zu klopfen. Die Lead-Stimme bleibt bei der Querflöte, die vom Tontechniker im künstlichen Hall ertränkt wird. Dies im Übrigen auf Geheiss des Bandleaders, der an einer Stelle nach «more bathroom», also mehr Schallreflexion, verlangt. Das passt zwar zu den suppigen Streicher-Sounds des Keyboards, doch beisst es sich mit der Idee eines reduzierten Kammerspiels.

Er habe sich mittlerweile davon verabschiedet, mit jedem seiner Soli eine Visitenkarte für sein Können abzugeben, so Hackett beim Gespräch. Die Verlockungen von Geschwindigkeit und Komplexität kenne er nur zu gut, doch: «Am Ende suchen wir doch alle nach dieser simplen, herzzerreissenden Melodie.» Diese hat Hackett für sich spätestens mit der Genesis-Hymne «Firth of Fifth» (1973) gefunden, die am Donnerstag als Fragment in den Zugabesong «Bacchus» eingebaut wird. Auch hier übernimmt Hackett die Rolle des Begleiters – die lange gehaltenen Noten, wie sie das Schlusssolo im Original erfordern, sind auf einer klassischen Gitarre nicht umsetzbar. Dabei hatte Hacket gesagt, dass ihn als Musiker genau solche Herausforderungen stets angezogen hätten: «Verglichen mit der E-Gitarre hat ein akustisches Instrument eine sehr begrenzte Farbpalette.» Dafür seien die «emotionalen Möglichkeiten», um sich auszudrücken, «schier endlos».

Am Donnerstagabend muss man sich bis zur Umsetzung dieses Versprechens gedulden. Erst nach einer Stunde, als Hackett seine Mitmusiker in die Pause schickt, stellt sich jene Magie ein, die der Gitarrist am Telefon seine «Heureka-Momente» genannt hatte. In einer für die Gitarre ungewöhnlichen G-Moll-Stimmung gelingt dem Briten eine grossartige Ad-hoc-Komposition, bei der er wiederkehrende Themen raffiniert und feinfühlig umspielt und damit mit der Musik auf den Moment zu reagieren scheint. Sehr geglückt sind dann auch Hacketts Variationen auf ein Stück des italienischen Gitarrenvirtuosen Mauro Giuliani (1781–1829), von dem aus er mit einem kleinen Umweg über Mason Williams’ Fingerübung «Classical Gas» schliesslich zum obligaten «Horizons» gelangt.

Immer vom Publikum abhängig

Das Kleinod, für das sich Hackett auf dem Genesis-Album «Foxtrot» (1972) zwei Minuten Solo-Spielzeit ausbedingen konnte, ist ein Exempel für die Klangvielfalt, die einer klassischen Gitarre innewohnt. Federleicht und perlend geraten die Flageoletts, die an den Klang einer Harfe erinnern, und die absteigende Linie auf den tiefen Saiten könnte von einem Cello stammen.

«Es braucht beim Zuhörer natürlich immer die nötige Fantasie», hatte Hackett gesagt. Und damit, wie so oft in diesem Gespräch, bewiesen, wie bescheiden er trotz seines anhaltenden Erfolges geblieben ist. Als Musiker, «egal wie erfahren und virtuos», sei man stets von seinem Publikum abhängig: «Gerade bei einem akustischen Konzert reicht ein einzelner Störenfried, um die Stimmung zunichtezumachen.»
In Riehen ist Steve Hacketts Sorge diesbezüglich unbegründet: Die Zuschauer beklatschen ihn lange über die Zugabe hinaus. Und als das Saallicht das Ende des Konzertes verkündet, geht ein enttäuschtes Raunen durch das Publikum. Vielleicht liegts aber auch an der kühlen Lichtfarbe der futuristischen Leuchtmittel.

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