Nationalrat

Der Eymann und die Löwin: Basel schickt Bern eine zwiespältige Botschaft

Die neuen: Christoph Eymann (LDP) und Sibel Arslan (Basta). KEYSTONE/Georgios Kefalas

Die neuen: Christoph Eymann (LDP) und Sibel Arslan (Basta). KEYSTONE/Georgios Kefalas

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Christoph Eymann, 64-jährig aus bürgerlichem Milieu, mit politischem Gewicht und Sibel Arslan, 35-jährig, mit 11 Jahren aus der Türkei in die Schweiz gekommen, sitzt seit zehn Jahren im kantonalen Parlament.

Basel schickt mit seinen beiden neuen Nationalräten auf den ersten Blick eine ziemlich zwiespältige Botschaft nach Bern: Einen 64-jährigen Mann aus dem bürgerlichen Milieu, verheiratet, drei Kinder und mit jahrzehntelanger politischer Erfahrung. Und eine ledige 35-jährige Frau, die im Alter von 11 Jahren aus der Türkei in die Schweiz kam und die seit zehn Jahren im kantonalen Parlament sitzt. Eine Frau, die immer wieder mit enormem Gegenwind zu kämpfen hatte und die eine Kampagne der «Basler Zeitung» um eine Kaderstelle in der Baselbieter Sicherheitsdirektion brachte.

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Eymann ist nicht ganz der prototypische «Superbebbi», denn er ist nicht Mitglied einer Fasnachtsclique. Dafür ist er in den 3E und zwar als Mitglied der Ehrengesellschaft zum Greifen. Auch beim Wurzengraberkämmerli und bei den Rotariern ist er dabei. Was ihn und Arslan verbindet ist die Liebe zum Kleinbasel, in dem beide gross geworden sind und dem sie sich stark verbunden fühlen. Und auch Eymann wurde immer wieder einmal zur Zielscheibe von Hetzkampagnen.

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Kein klassicher Daigbasler

Eymann stammt nicht aus dem Daig, der Vater war Kaufmann, die Mutter Hausfrau. Sein dichtgewobenes Beziehungsnetz stammt noch eher aus der Zeit, in der er Handball spielte. Erst beim TV Kleinbasel, dann an der Uni zusammen mit dem späteren LDP-Regierungsrat Ueli Vischer. Bei der jüdischen Handballnationalmannschaft der Schweiz amtete Eymann jahrelang als Trainer. Sein Beziehungsnetz ist selbst geknüpft, in langer Arbeit. Er sass bereits einmal - von 1991 bis 2001 – im Nationalrat. Er hat 14 Jahre als Regierungsrat auf dem Buckel und ist Präsident der eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz. Vor allem aber war er 17 Jahre lang Direktor des Gewerbeverbandes. Eymann kennt jeden und jeder kennt ihn.

Kaum den Pass, schon gewählt

Auch Arslan hat sich ihr Beziehungsnetz selbst geschaffen. Nur hatte sie es ungleich schwerer, konnte auf keinerlei familiäre Hilfe zurückgreifen, als sie 2004, kurz nach ihrer Einbürgerung, erstmals – und erfolgreich – für den Grossen Rat kandidierte. Als Eymann 1991 in den Nationalrat einzog, kam Arslan gerade als 11-jähriges Mädchen aus der Türkei nach Basel. Zusammen mit der Mutter, der Vater war schon einige Jahre zuvor hierhin geflohen. Arslans Machtbasis ist eine andere. Es sind die Migranten, vor allem die türkischstämmigen im Kleinbasel. Und mit ihnen ihre Kulturvereine und Sportclubs. Es sind die Secondas, Arslan ist Mitgründerin des Vereins Second@sPlus. Und es sind die Jungen und ganz Linken. Jene, denen sie immer wieder beistand, wie etwa als sie zwischen den Besetzern des alten Kinderspitals und der Polizei vermittelte. In den zehn Jahren im Grossen Rat hat sie sich Feinde gemacht. Lautstarke und gut vernetzte. Aber eben auch viele Freunde. Sie präsidiert die Fraktion des Grünen Bündnisses, wurde für den Bürgerrat vorgeschlagen und kann unter anderem auch den Soziologieprofessor Ueli Mäder zu ihren Unterstützern zählen. All das kommt nicht von ungefähr. Die Juristin gilt als fleissig und engagiert. Sie gehört zu jenen, die begriffen haben, dass die Arbeit im Parlament eben vor allem das ist: Arbeit.

Umwelt als Gemeinsamkeit

Politische Berührungspunkte gibt es am ehesten beim Umweltschutz. Eymann war ein grüner Liberaler, schon Jahrzehnte, bevor jemand auf die Idee kam, die Grünliberale Partei zu gründen. Das hat ihm immer Stimmen bis weit ins linke Lager gebracht. Und wohl einige im bürgerlichen Lager gekostet. Arslan ist eine linke Grüne.

Für Sie dürfte auch das neue Nachrichtendienstgesetz ganz oben auf der Agenda stehen. Sie, die selbst schon wegen angeblich möglicher Verbindungen zur kurdischen PKK fichiert wurde, genauso wie die übrigen kurdisch-stämmigen Basler Grossräte, vertritt in Fragen des Nachrichtendienstes sicher eine kritischere Linie als Eymann.

Basler Anliegen vertreten

Bei den politischen Sachthemen ist ohnehin noch nicht ganz klar, wo sich Eymann speziell einbringen will. Zu breit ist sein Spektrum. In den Fragen der Energiewende wird er wohl mit den Linken und Grünen gegen die bürgerliche Mehrheit antreten. Ebenso bei Fragen der Europapolitik und der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Ob er die Bildungspolitik weiterhin als Priorität behandelt? Man wird es sehen. Bei einigen dieser Themen dürfte er seine neue Kollegin sicher an seiner Seite wiederfinden. Denn so unterschiedlich sind die Positionen der beiden oft gar nicht.

Die Botschaft des Basler Souveräns ist also doch nicht so zwiespältig, wie sie auf den ersten Blick scheinen mag, wenn man sich die beiden neuen Volksvertreter ansieht. Sie reflektiert viel eher, was Basel eigentlich ist: Eine Stadt der Gegensätze. In der sowohl der oft zitierte «Daig» als auch die grosse Migrationsbevölkerung leben. Aber auch eine Stadt, deren Mehrheit sich einig ist. In ihrer Ablehnung des Atomstroms beispielsweise. Die mehrheitlich für eine offene Europapolitik eintritt. Und gegen die Masseneinwanderungsinitiative. Also Positionen, die zu vertreten es in Bern und im neuen Nationalrat nicht einfach werden wird. Ob man nun Eymann heisst oder Löwe. Das bedeutet nämlich «Arslan».

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