Wochenkommentar
Der Beginn eines neuen Erdzeitalters

Diese Woche viele Menschen auf den Winter zurückgeschaut und festgestellt: Es war kalt und es hat übermässig oft geschneit. Doch nun ist Frühling. Was bringt er?

Matthias Zehnder
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Flamingos brauchen im Frühling mehr Mineralien. zvg

Flamingos brauchen im Frühling mehr Mineralien. zvg

bz Basel

Seit gestern ist Frühling – wenigstens meteorologisch gesehen. Astronomisch beginnt der Frühling erst am 20. März, und zwar zwei Minuten nach zwölf Uhr. Nichtsdestotrotz haben diese Woche viele Menschen auf den Winter zurückgeschaut und festgestellt: Es war kalt und es hat übermässig oft geschneit. In Basel schien die Sonne im Februar nur etwa halb so oft wie im langjährigen Mittel. Besonders hartnäckig war der Hochnebel, entsprechend frostig waren die Temperaturen darunter. Kurz: eine kalte Sache, dieser Winter.

Dabei haben wir ja gedacht, es werde ständig wärmer auf der Erde: Die Klimaerwärmung sollte doch dazu führen, dass die Temperaturen auf der ganzen Welt steigen. Entsprechend sehen sich Skeptiker der Klimaerwärmung bestätigt.

Doch Fachleute sagen genau das Gegenteil: Wetterforscher führen den kalten Winter gerade auf die Klimaerwärmung zurück. Der Zusammenhang ist ebenso kompliziert wie paradox. Ursache der Misere ist das Abschmelzen des Eises in der Arktis. Weil auf der Nordhalbkugel das Eis schmilzt, kommt ein Phänomen aus dem Tritt das Wetterfachleute als «nordatlantische Schwingung» bezeichnen. Das ist eine Art Luftdruckschaukel zwischen Azorenhoch im Süden und Islandtief im Norden. Wenn beide ausgeprägt sind, kommt es im Winter zu einer starken Westdrift. Das Resultat ist feuchte und eher milde Luft in Europa, also ein milder Winter. Genau das war in den 90er-Jahren der Fall. Wenn Azorenhoch und Islandtief schwach ausgeprägt sind, kommt es häufiger zu Kaltlufteinbrüchen aus Nordosten, anders gesagt zu Biswindlagen. Das Resultat ist ein kalter Winter in Mitteleuropa und feuchtes Wetter in Südeuropa. Genau das war diesen Winter der Fall. Wetterforscher vermuten nun, dass das Abschmelzen der arktischen Gletscher ein schwaches Islandtief zur Folge hat und damit für die Biswindlage in unseren Breitengraden sorgt. Es ist also gerade die Klimaerwärmung, welche die Winter bei uns kalt macht. Der Einfluss des Menschen auf das Klima, ja auf die ganze Erde, ist also gestiegen. Er ist mittlerweile so gross, dass Geologen vom Anbruch eines neuen Erdzeitalters sprechen. Wie Klimatologen denken Geologen nicht in Wochen und Monaten, sondern in Jahrhunderten und Jahrtausenden. Der Zeitabschnitt seit dem Temperaturanstieg nach dem Ende der letzten Eiszeit heisst in der Geologie Holozän. Es ist das Erdzeitalter, in dem der Mensch auftritt. Die ersten paar tausend Jahre hat die Erde von ihren neuen Bewohnern nicht viel gemerkt. Vor etwa 200 Jahren hat sich das radikal verändert: Mit Beginn der Industrialisierung ist die Präsenz des Menschen geologisch nachweisbar. Der Mensch hinterlässt also nicht mehr nur Spuren auf der Erde, er formt die Erde durch seine Präsenz.

Britische Geologen schlagen deshalb vor, das Holozän im Jahr 1800 enden zu lassen. Der Einfluss des Menschen auf die Erde rechtfertigt es, von einem neuen Erdzeitalter zu sprechen. Die Geologen nennen es Anthropozän. Auf Deutsch: das Mensch gemachte Neue. Wir Menschen sind also nicht mehr nur Bewohner der Erde, sondern auch ihre Gestalter. Bloss sind sich das viele Menschen noch nicht bewusst. Es ist ein wenig wie in der Pubertät: Die Kraft ist schon gross, aber das Verantwortungsgefühl ist noch nicht entwickelt. Unsere Aufgabe ist es deshalb, nicht nur Einfluss auf die Erde zu nehmen, sondern auch Verantwortung für sie zu übernehmen. Verantwortung für das Mensch gemachte Neue.