Kino

Das Luststreifen-Festival beginnt – aber die «Tabus verschwinden nicht»

Der Historiker und Religionswissenschafter Martin Bürgin ist mit seiner «Skandal»-Filmreihe am Basler Luststreifen Film Festival zu Gast.

Mehr Klicks als «The Wound» hat wohl kein anderer Film am diesjährigen Luststreifen Festival. Gemeint sind die Klicklaute in der Sprache der südafrikanischen Xhosa, die jährlich ein blutiges Initiationsritual durchführen: Jugendliche werden im Busch beschnitten und kehren als Männer in die Stadt zurück.

Für zwei der Helfer, die das Ritual begleiten, ist der Anlass aber mehr als nur eine Gelegenheit, ihre Freundschaft zu pflegen: Die beiden Männer leben im Versteckten ihre homosexuelle Leidenschaft aus. Das Drama schaffte es auf die Shortlist für den fremdsprachigen Oscar, zu Hause kam «The Wound» auf die Schwarze Liste: Kinos wurden zerstört, die Mitglieder der Filmcrew fürchteten um ihr Leben.

Gezeigt wird «The Wound» im Rahmen des Luststreifen Festivals von Martin Bürgin. Der Historiker und Religionswissenschafter veranstaltet seit 2013 die Filmreihe «royalscandalcinema» in Baden: Vorgeführt werden skandalträchtige Filme, zu denen es eine 20-minütige Einleitung gibt. Anschliessend wird weiterdiskutiert – ganz zwanglos an der Bar.

Wie kommt ein «Skandalfilm» ans Luststreifen Film Festival?

Martin Bürgin: Wir wurden angefragt, ob wir gerne einen Block bestreiten würden. Ich finde, dass das Luststreifen eine tolle Arbeit macht: Es werden Filme gezeigt, die sonst nie im Kino zu sehen sind. Das hilft einerseits der LGBTQ-Community, die eigene Identität zu stärken, hat aber auch eine Wirkung nach aussen: Leute kommen in die Vorstellungen und Workshops, um sich mit dem Thema unverkrampft auseinanderzusetzen. Das tut uns sicher allen gut.

Es ist lange her, dass ein Film die Schweiz wirklich aufgewühlt hat. Sind wir so fortschrittlich, dass uns nichts mehr erschüttert?

Das ist eine durchaus interessante Frage. Sind wir wirklich so liberal, oder kommen sowieso nur noch Filme in die Kinos, die den Sehgewohnheiten eines Massenpublikums entsprechen? Ich habe eine lange Liste von ungefähr hundert Filmen, die in unserem Zyklus gezeigt werden. Sie decken einen Zeitraum von 1905 bis zur Gegenwart ab. Auffällig ist: In keinem Jahrzehnt wurden derart viele Filme skandalisiert wie in den Siebzigerjahren. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Gesellschaft damals stärker von sozialen und visuellen Tabus geprägt war.

Gleichzeitig gab es viele junge Filmschaffende, die sich lustvoll an tabuisierte Themen heranwagten und bürgerliche Normen mit filmischen Mitteln zu unterwandern versuchten.

In Südafrika gab es Morddrohungen gegen die Filmemacher von «The Wound», den Sie am Festival zeigen. Wie kam es dazu?

Wenn Queerness verhandelt wird, sorgt das immer für Diskussionen, besonders in Religionskulturen, die Homosexualität als etwas Abartiges betrachten. In Südafrika haben christliche Kirchen und der Congress of Traditional Leaders gegen «The Wound» mobilisiert.

Sie empörten sich darüber, dass Homosexualität in Kinos öffentlich thematisiert wurde, und forderten die Einstufung des Films als Pornografie. Aus den Reihen der Xhosa wurde zudem kritisiert, dass der Film Homosexualität im Zusammenhang mit dem Beschneidungsritual thematisiert. Das Ritual ist ihnen heilig und gilt als geheim. Dass ausgerechnet ein Weisser darüber einen Film drehte, kam nicht gut an.

Homosexualität stösst aber nicht nur in Afrika auf Ablehnung: Unlängst äusserte sich die Baselbieter EVP-Ständeratskandidatin Elisabeth Augstburger dahingehend, dass Schwulsein eine Krankheit und somit heilbar sei.

Vor allem konservative, bibeltreue Kreise vertreten diese Idee. Bei den Xhosa wird Homosexualität bei Jugendlichen durchaus toleriert. Erwachsene sollen aber eine Familie gründen und Kinder produzieren. Aber klar, gerade bei Christen, die die Bibel wortgetreu auslegen, wird Homosexualität äusserst kritisch gesehen – besonders wenn diese in einem Film positiv verankert wird.

Sexualität im Kino scheint insgesamt schwierig: Dass Sharon Stone einst in «Basic Instinct» ohne Slip die Beine übereinanderschlug, sorgt bis heute für Gesprächsstoff. Warum ist das so?

Man muss da von verschiedenen Zyklen sprechen. Das Beispiel von «Basic Instinkt» zeigt klar, wie die Gesellschaft in den Neunzigerjahren rigider wurde. Die Filme der Siebzigerjahre haben Nacktheit und Sexualität um einiges expliziter dargestellt. Sexualität ist aber nur ein Skandalisierungsfaktor unter vielen, auch der Glaube gehört dazu, abweichende politische Meinungen oder die Darstellung von Gewalt. Es geht dabei immer um Sehgewohnheiten und unterschiedliche soziale Gruppierungen, deren Weltanschauungen aufeinanderprallen.

Sie sagen, dass Filme nicht per se skandalös sind, sondern erst im Rahmen einer Debatte skandalisiert werden. Ein Film wie «Pink Flamingos», in dem echter Hundekot gegessen wird, legt es aber schon auf Ärger an, oder?

Es gibt sicher Werke, bei denen die Filmemacher auf eine Skandalisierung hoffen. Dann kommt es darauf an, was mit dem Kalkül beabsichtigt wird. Wenn «Pink Flamingos» sich mit schockierenden Bildern über bürgerliche Moralvorstellungen lustig macht, unterscheidet sich das von Filmen, die in aufklärerischer Absicht eine mediale Diskussion vorantreiben. Das ist bei «The Wound» der Fall: Die Filmemacher nahmen harsche Reaktionen in Kauf, um das überzogene Selbstverständnis einer heteronormativen Gesellschaft zu unterwandern. Der Drehbuchautor von «The Wound» sagte explizit, dass er den Reden afrikanischer Politiker, die Homosexualität als «unafrikanisch» diffamieren, etwas entgegensetzen wollte.

Nun gibt es solche Filme schon lange. Haben sie auch einen messbaren gesellschaftlichen Effekt im Sinne einer Liberalisierung?

Ich glaube nicht, dass ein Tabu, das einmal gebrochen wurde, für immer verschwunden ist. Soziale Normen müssen ständig neu verhandelt werden. Die Skandalisierung des von Ihnen angesprochenen Films «Basic Instinct» zeigt das sehr schön: Zuvor war Nacktheit im Kino zuhauf zu sehen, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. In den Neunzigerjahren steht die Debatte darüber, ob man in einer kurzen Sequenz eine Vulva sieht, plötzlich symbolhaft für einen Filmskandal. Wir haben es hier mit historischen Konjunkturen zu tun. Aus der Perspektive des Historikers lässt sich die Geschichte der Kinoskandale also kaum als fortschreitende gesellschaftliche Liberalisierung lesen. Anders verhält es sich mit der Innensicht: Ein Film wie «The Wound» kann helfen, die Identität der Schwulen als soziale Gruppe zu festigen – und kann Teil des sozialen oder kulturellen Gedächtnisses werden.

Wann gab es in der Schweiz zum letzten Mal einen richtigen Filmskandal?

«Baise-moi» von Virginie Despentes sorgte im Jahr 2000 für Diskussionen um Geschlechternormen. Auch Gaspar Noés Film «Irreversible» wurde wegen seiner zehnminütigen Vergewaltigungssequenz heftig diskutiert. Der Film aber, der wohl für den grössten Skandal gesorgt hat, kam aus der Schweiz. In «Züri brännt» ging es um die Jugendunruhen der Achtzigerjahre, um Politik und wie sie in die Wissenschaftsfreiheit eingreift. Im Rahmen seiner Forschung an der Universität Zürich hat der Ethnologe Heinz Nigg Videomaterial zum sogenannten «Opernhauskrawall» produziert. Als das Material an der Uni gezeigt wurde, kam es zu Niggs Entlassung. Er stellte darauf sein Filmmaterial einer aktivistischen Organisation zur Verfügung. Diese verarbeitete die Aufnahmen zusammen mit anderen Filmen zu «Züri brännt». Das Resultat war politisch derart umstritten, dass es zunächst nur in besetzten Häusern aufgeführt wurde – und in Edi Stöcklis Pornokinos.

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