Kultur

Das grösste Instrument von Basel

Das Festival Zeit-Räume ist gestartet. Wir haben den 3D-Soundwalk am Klybeckquai und den Klangturm im Basler Kunstmuseum besucht.

«Sie cha jo mitcho», sagt jemand hinter mir. Ich drehe mich um. Da ist niemand. Über die Kopfhörer, die ich trage, dröhnt der Techno laut in meine Ohren. Ich höre duzende Menschen in Festlaune. Sie tanzen, lachen, öffnen Bierdosen. Doch an diesem sonnigen Sonntagnachmittag stehe ich allein vor der Sommerresidenz am Basler Klybeckquai. Die Bar ist geschlossen, hier findet keine Party statt.

Genau dieses Flanieren entlang der Grenze zwischen Realität und Fiktion macht den 3D-Soundwalk am Hafen einmalig. Das Projekt von Sibylle Hauert im Rahmen des Festivals Zeit-Räume nennt sich «H.E.I.Guide». «Hei», angelehnt an das schwedische Hallo, steht für «Human Engine Interference».

Für den Spaziergang braucht es Kopfhörer, ein Mikrofon, einen sogenannten «Kompass», der Kopfbewegungen miteinrechnet, ein Smartphone mit eingebautem GPS und die von Musikinformatiker Thomas Resch neuentwickelte Software. Die drei bis zehn Meter genaue Geo-Lokalisation ermöglicht einen individuellen Rundgang, bei dem die Geräuschkulisse mit dem Ort übereinstimmt und diesen manchmal gewollt verfehlt.

Aus Sicht der Stadtentwicklung wenig ausgefüllt

Ich gehe der Uferstrasse entlang und höre Lastwagen schnauben und quietschen. In Wirklichkeit sind die Fahrzeuge des Logistikdienstleisters Gondrand sorgfältig eingereiht. Abgesehen von wenigen Sonntagsspaziergängern ist es heute gespenstig ruhig.
Ein paar Schritte weiter und es rollen Koffer über den Boden, Englisch sprechende Touristen verabschieden ihren Busfahrer. Die Touristen und ihre Koffer sind zwar nicht da, aber beim Kreuzfahrtschiff S.S. Antoinette fragt mich ein Reisebegleiter, wieso ich so komische Kopfhörer trage.

Sibylle Hauert, die seit 30 Jahren auf der Klybeckinsel wohnt, interessiert sich für diesen Streifen entlang des Rheins gerade da er aus Sicht der Stadtentwicklung wenig ausgefüllt ist. Sie möchte die Qualität, Wichtigkeit, Schönheit und auch die Kompliziertheit von solchen Orten vermitteln.

Hier prallen verschiedene Welten aufeinander: Reisende der Kreuzfahrtschiffe, Partygänger, Skater, Grillfreunde, Lastwagenfahrer. Dann gibt es noch die Güterbahn und die Kläranlage. Schlussendlich ist es eine Erkundungstour durch eine einzigartige Klanglandschaft. «Ich habe viele ältere Damen unter meinen Besucherinnen, die die Zwischennutzungen noch nie gesehen haben. Mit den Kopfhörern bewaffnet trauen auch sie sich, diese Orte zu erkunden», meint Hauert.

Ein Klangturm und neu entwickelte Instrumente

Um eine Entdeckungstour geht es auch bei «Rohrwerk. Fabrique sonore», ein Projekt, das ebenfalls innerhalb des Festivals Zeit-Räume stattfindet. Im Innenhof des Kunstmuseum Basel wurde ein 45 Meter hoher, temporärer Turm errichtet und am Sonntag erstmals bespielt. Ein Posaunist, eine Klarinettistin und zwei Perkussionistinnen schreiten um die Skulptur und experimentieren mit Instrumenten und Rohren.

«Die Skulptur hat eine sehr spezielle Art den Klang zu verteilen. Die Schallwellen prallen in alle Richtungen ab, da sie rund ist», sagt der Komponist Beat Gysin über seine Faszination und Idee.

Das erklärt auch warum jeder Besucher – je nach Sitzplatz im Innenhof – das Konzert anders hört. Gegenstück dazu ist das Kunstmuseum: ein hüllender Raum, der die Klänge wieder sammelt.

Über ein Jahr wurde geforscht. Es wurden neue Instrumente entwickelt und zum Teil an der Skulptur befestigt. «Das fertige Instrument habe ich letzte Woche erstmals gesehen und gespielt», meint Perkussionistin Jeanne Larrouturou über ein Klangkunstwerk aus Plastikrohren. Vor zwei Wochen begann die Endphase des Arbeitsprozesses, als mit der Skulptur erstmals in der Voltahalle geübt wurde.

«Wenn man ein Streichquartett schreibt, dann kann man auf 200 Jahre Erfahrung zurückgreifen. Bei einer Neuerfindung ist alles offen», meint Gysin. Klänge mussten zuerst erkundet und kategorisiert werden. Erst dann konnte man mit dem Komponieren beginnen.
So viel Neues hat sicher den einen oder anderen Zuhörer irritiert. «In einer Oper hat man Hören und Schauen schon man geübt», sagt Gysin. Hier muss aber Architektur und Musik seinen Platz finden. «Wenn man zu viel Musik macht, wäre der Turm nur noch ein Bühnenbild. Wenn man zu wenig Musik machen würde, könnte man sie komplett weglassen», so Gysin.
Deshalb gehe es darum, die Wichtigkeit der Musik zu unterstreichen und trotzdem genug Raum zu lassen, um die Architektur zu bestaunen. «Es ist eine beschauliche Sache, das soll es sein.»

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