Es ist natürlich reiner Zufall: Draussen vor dem Museum Tinguely haben die Industriellen Werke Basel wegen Leitungssanierungen die Bagger auffahren lassen. Und in der grossen Halle des Museums stehen zehn Baggerschaufeln Spalier. Es sind zum Teil monströse Exemplare, die da in zwei Reihen exakt ausgerichtet aufgereiht sind.

Bei allen sind die Gebrauchsspuren deutlich sichtbar, auch wenn sie sauber geputzt und konserviert worden sind. Als deutlicher Kontrast zum massiven Metall sind an den Befestigungsösen Stangen aus edlem und zerbrechlichem Onyx und Kalzit angebracht.

Baggerschaufeln im Museum? Das soll jetzt Kunst sein?

Diese Frage stellt sich nicht, wenn man diese Readymade-Installation umkreist und sie durchschreitet. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich Fossilien von Urwesen gegenüber zu sehen, die einander mit riesig aufgerissenen Mündern gegenüberstehen, als wären sie kurz vor einem unerbittlichen Kampf erstarrt.

Der 1980 in Paris geborene Künstler Cyprien Gaillard behandelt die Baggerschaufeln denn auch wie Lebewesen, indem er ihnen Namen oder Artbezeichnungen verleiht wie «Captain Blood’s Moorhen». Die Installation wird so quasi zur Szenerie einer paläontologischen Ausstellung in einer fernen Zukunft, welche diese Riesen aus Metall als Fossilien missdeutet.

Gaillards Kunst funktioniert nach dem Prinzip einer Archäologie der Gegenwart. Das zeigt sich auch in seinen beiden ebenso kontemplativen wie anregenden Videoarbeiten im zweiten Teil der Ausstellung. Wie als erklärender Prolog stellt er diesen Arbeiten einen aufgeschnittenen, versteinerten Ammoniten vor, der sich mithilfe eines Einwegspiegels bis ins Unendliche vervielfältigt.

Geheimnisvolles und kontemplatives 3 D-Video

Bei seinen zwei grossformatigen Videoarbeiten schlüpft Gaillard in die Rolle eines kulturanthropologischen Forschers. In «KOE» – als Abkürzung für die berühmte Luxuseinkaufsstrasse Königsallee in Düsseldorf – folgt er dem Flug eines Schwarms von grell-grünen Halsbandsittichen durch ebendiesen Boulevard. Die exotischen Nachfahren entflohener Käfigtiere, die sich invasiv in deutschen Städten ausbreiten, werden so zu lebendigen Symbolen für die invasive Ausbreitung internationaler Luxusladenketten in den europäischen Fussgängerzonen.

Die eindrücklichste Arbeit Gaillards ist das geheimnisvolle und kontemplative 3 D-Video «Nightlife». In packenden Sequenzen fängt der Künstler Nachtbilder aus den scheinbar menschenleeren Städten Berlin, Cleveland und Los Angeles ein – akustisch begleitet durch die Endlosschleife zweier übereinandergelegten Songs des Rocksteady-Musikers Alton Ellis, aus denen der Refrain «I was born a loser» heraussticht.

Die geheimnisvollen und auf unheimliche Art bewegenden Videosequenzen wirken im ersten Moment zusammenhangslos. Mit der Zeit fügen sie sich aber zu einer Geschichte zusammen: Vom Drohnenflug durch ein Feuerwerk über dem Berliner Olympiastadion gehts weiter zur Monumentalversion von Rodins «Denker» vor dem Cleveland Museum of Art und bis zur Eiche in derselben Stadt, die der legendäre schwarze Olympiasieger Jesse Owens nach seinen Siegen 1936 in Berlin von den Nationalsozialisten erhalten hatte.

Hypnotischer Tanz der Wachholderbäume

Dazwischen ist der ekstatische Tanz von Wachholderbäumen zu sehen, die, sich im Wind taumelnd, eine Art furiosen Kommentar zu diesem ironischen geschichtlichen Spannungsbogen abzugeben scheinen. Es sind eindrückliche Bilder, die faszinieren, auch wenn man die hier beschriebenen inhaltlichen Eckpunkte nicht kennt.

Die Ausstellung «Cyprien Gaillard – Roots Canal» bietet den Museumsbesuchern mit ihren tiefschürfenden Hintergründen gewiss keinen leichten Zugang. Die Werke sind aber nicht akademisch abgehoben und haben genügend sinnliche Ausdruckskraft, dass man sich letztlich gerne in ihren Bann ziehen lässt.

Cyprien Gaillard – Roots Canal Museum Tinguely, Basel. Bis 5. Mai 2019.