Camerata Basilea
Junges Streichorchester zeichnet Konzertprogramm auf: «Hauptsache, wir können spielen!»

Treibende Kraft hinter dem jungen Streichorchester Camerata Basilea sind zwei Frauen aus Lettland, die Dirigentin Maija Gschwind und die Cellistin Gunta Abele.

Reinmar Wagner
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Die Camerata Baslilea vor der Martinskirche.

Die Camerata Baslilea vor der Martinskirche.

Bild: zvg/A.Sileikaite

Die ganze letzte Woche haben sie geprobt, die jungen Musikerinnen und Musiker der Camerata Basilea. Und dann, weil sie zwar proben dürfen, aber nicht vor Publikum spielen können, haben sie Mikrofone und Kameras aufgestellt und ihr Konzertprogramm aufgezeichnet. Es hätte schon im Mai stattfinden sollen, wurde dann in der Hoffnung, dass die Pandemie dann vielleicht abgeklungen wäre, auf diesen Januar verschoben.

Aber es kam anders, und so ist dieses Konzert vor den leeren Rängen der Basler Martinskirche nun ab dem 7. Februar ausschliesslich im Internet zu sehen und zu hören. Fast eine CD-Aufnahme also? Die Dirigentin Maija Gschwind winkt ab:

«Wir haben versucht, die Konzertsituation so realistisch wie möglich nachzubilden und die Stücke in einem Take aufzunehmen. Wir wollten die Spannung und Energie eines echten Auftritts bewahren.»

Das Orchester ist jung, hat aber eine lange Entstehungsgeschichte: Maija Gschwind und Gunta Abele kannten sich schon als Kinder als sie beide in derselben Musikschule in Riga Cello lernten. Beide haben dann auch Cello studiert, sich aber aus den Augen verloren. «Als ich in die Schweiz kam, wusste ich zwar, dass Gunta hier lebt. Aber wir haben uns lange nicht getroffen.» Als es dann doch klappte entstand die Idee eines Orchesters mit Musikern aus dem Umfeld der Basler Musikhochschule, wo Abele Cello studierte und Gschwind Chorleitung.

Lettisches Team, Schweizer Komponisten

Zwei weitere lettische Frauen, Anna Granta als Präsidentin und Liene Poriete als Kassierin, des neu gegründeten Vereins wirken im Hintergrund. «Presence» hiess 2018 das erste Programm dieses jungen Streichorchesters. Im Zentrum stand das Cellokonzert des lettischen Komponisten Peteris Vasks, umrahmt von einem Gebet eines weiteren Letten, Juris Karlsons, und zwei eher vergnüglichen modernen Stücken der beiden Schweizer Komponisten Urs Joseph Flury und Fabian Müller.

Von links: Anna Granta, Liene Poriet, Gunta Abele und Maija Gschwind.

Von links: Anna Granta, Liene Poriet, Gunta Abele und Maija Gschwind.

Bild: zvg/A. Sileikaite

Das aktuelle, reizvoll kombinierte Programm geht zeitlich ein halbes Jahrhundert zurück in der Musikgeschichte und setzt einen starken Fokus auf die Schweiz. Am Anfang dieser Idee stand die zweite Sinfonie des fast ausschliesslich in Frankreich lebenden Arthur Honegger, der aber Schweizer Eltern hatte und kurz in Zürich studierte. Ein Wunsch-Stück von Maija Gschwind:

«Ich liebe diese Sinfonie, auch wenn sie sehr anspruchsvoll und ernst ist. Aber wir haben uns getraut, dieses Wagnis einzugehen, und ich bin sehr zufrieden. Ich hoffe, dass man das auch im Video spüren kann.»

Honegger hat mit dieser Musik für Streichorchester und eine Solotrompete auf den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs reagiert. Als er an seinem Werk komponierte, marschierten die Nazis gerade in seiner damaligen Wahlheimat Paris ein. Entsprechend düster und verzweifelt ist die Atmosphäre, erst am Ende keimt Hoffnung auf. Die Sinfonie ist Paul Sacher gewidmet, der sie 1942 mit seinem Collegium Musicum uraufführte.

Verbindungen zu Paul Sacher

Paul Sachers Wirken treffen wir noch einmal an in diesem Programm: In drei der munteren «Etudes rythmiques» von Bohuslav Martinu, die zwar schon in den 30er-Jahren für Violine und Klavier komponiert worden waren, aber 1958 von Rudolf Baumgartner für Streichorchester arrangiert wurden. Martinu, der zu dieser Zeit als Gast von Sacher in dessen Landhaus bei Pratteln lebte, hat diese Bearbeitung ausdrücklich anerkannt.

Dazu gibt es sehr viel Streichergesang: In seinem Cellokonzert von 1948 fand der Schweizer Komponist Othmar Schoeck nach Phasen dissonanter Musik zu einer tonalen und harmonisch einfacheren Sprache, die sehr stark vom Gesang geprägt ist. Viel Gelegenheit also für die Solistin Gunta Abele, ihren intensiv-warmen Celloklang auszuspielen. Und singen dürfen alle Streicher-Register in der zauberhaften Märchenwelt, die Frank Martin, ein weiterer grosser Schweizer Komponist des 20. Jahrhunderts, in seiner «Pavane Couleur du Temps» erschaffen hat.

Dirigentin Maja Gschwind und Cellistin Gunta Abele.

Dirigentin Maja Gschwind und Cellistin Gunta Abele.

Bild: zvg/A.Sileikaite

Ein sehr farbiges, abwechslungsreiches Programm, obwohl die vier Stücke innerhalb nur dreier Jahrzehnte entstanden sind. «Es ist erstaunlich und spannend, wie verschiedenartig diese Komponisten in fast der gleichen Zeit geschrieben haben», findet auch Maija Gschwind.

Mit diesem Konzert ist aber leider auch schon Saisonschluss für die Camerata Basilea. Das Projektorchester wird erst im Jahr 2022 wieder zusammen kommen. Zu unsicher sind die Zeiten, sagt Gschwind. Der Aufwand für die Organisation und Finanzierung eines solchen Projekts sei sehr hoch und brauche Zeit. «Wir sind sehr froh und dankbar, dass alle unsere Unterstützer diese Form des Projekts mitgetragen haben. Und für uns Musiker war es eine riesige Freude: Zwar mit Maske und ohne Publikum, aber Hauptsache, wir können spielen!»

Das Konzert der Camerata Basilea wird am 7. Februar ab 17 Uhr frei geschaltet und ist ab dann auf Youtube abrufbar. Den Link dazu finden Sie auch auf der Website des Orchesters: www.cameratabasilea.ch