Vor gut einem Monat machte die bz den Strafbefehl von Priester Stefan Küng publik, der im Kanton Thurgau wegen einer sexuellen Handlung mit einem Jugendlichen verurteilt wurde. Der Fall machte schweizweit Schlagzeilen. Bischof Felix Gmür, der vom Strafbefehl Kenntnis hatte, geriet in die Kritik.

An einer Pressekonferenz erklärte er sein Vorgehen und wiederholte mehrfach, dass er Stefan Küng aufgefordert hatte, selber den Strafbefehl öffentlich zu machen und so der Öffentlichkeit und so allen Pfarreimitgliedern die ganze Wahrheit offenzulegen. Dass Küng der Forderung nicht nachkam, belastete auch Bischof Gmür Kritik. Er habe zu zögerlich agiert und die Tragweite des Falls unterschätzt, hiess es von verschiedenster Seite.

Der Fall sei bistumsintern aufgearbeitet worden, erklärt Sprecher Hansruedi Huber. Die Koordination der Anstellungsprozesse zwischen Bistum und staatskirchenrechtlichen Körperschaften wie Kirchgemeinden und Landeskirchen würden überprüft. Zudem habe die Bischofskonferenz einheitlich geregelt, wer zu welchem Zeitpunkt vor und während einer Tätigkeit in der Kirche einen Strafregisterauszug oder einen Sonderprivatauszug vorweisen muss.

Übermorgen Donnerstag reist Felix Gmür als Präsident der Schweizer Bischofskonferenz zur internationalen Bischofskonferenz nach Rom und wird dort mit dem Papst und Bischöfen aus der ganzen Welt über das Thema «Schutz von Minderjährigen» diskutieren. Mit dabei sind auch Missbrauchsopfer selber. Gmür reist mit deutlichen Forderungen der Katholischen Synode des Kantons Thurgau nach Rom. In ihrer Resolution fordert das Kirchenparlament eine umfassende und unabhängige Aufklärung aller Missbrauchsfälle sowie eine umfassende Unterstützung der Opfer. Zudem fordern sie Reformen betreffend des Pflichtzölibats und der Rolle der Frauen in der Kirche. Im Interview äussert sich Bischof Felix Gmür zur Resolution und nochmals zum Fall Riehen.

 

Kennen Sie die Resolution der Thurgauer Synode?

Felix Gmür: Ich habe dieses Schreiben entgegengenommen. Dazu kam es, weil die Verfasser aufgrund verschiedener Berichte von Übergriffsfällen eine Unruhe und ein Unwohlsein wahrnehmen. Die Synodalen, die ja für die Kirche tätig sind, drücken darin ihre Sorgen aus. Und sie äussern den Wunsch, dass die Kirche auf allen Ebenen – auch der Bischof – alles unternimmt, damit sie glaubwürdiger wird.

Können Sie die Anliegen nachvollziehen?

Ich kann diese Anliegen nachvollziehen. Die meisten – oder gar alle – kenne ich schon. Sie sind jetzt zusammengefasst auf einem Papier. Nicht jedes Anliegen steht in einem direkten Zusammenhang mit Übergriffsfällen oder mit der Sorge, dass diese nicht aufgearbeitet werden. Vieles kommt daraus, wie die Kirche wahrgenommen wird, auch von Katholiken und Katholikinnen.

Aus diesen Wahrnehmungen ist die Forderung nach einem radikalen Kurswechsel formuliert worden.

Was heisst Kurswechsel? Kurswechsel würde bedeuten, dass die Kirche in erster Linie eine Organisation ist, deren Hauptzweck ihre Organisationsstrukturen und Organisationsformen sind. Wenn man das ändern würde, wäre das ein Kurswechsel. Das Wichtigste der Kirche ist aber die Botschaft des Kreuzes und die Auferstehung von Jesus. Das ist das Zentrum der Kirche. Dieser Kurs wird nicht gewechselt. Man könnte jedoch sagen: Schauen wir, dass wir wieder besser und glaubwürdiger auf diesen Kurs von Jesus kommen.

Welche der Forderungen können Sie an der Bischofskonferenz in Rom einbringen, damit die katholische Kirche wieder besser und glaubwürdiger auf den Kurs von Jesus kommt?

Es wäre unverantwortlich, etwas zu versprechen, wovon man nicht weiss, ob man es halten kann. Was ich genau einbringen kann, weiss ich jetzt nicht, da noch nicht bekannt ist, wie die Konferenz ablaufen wird. Ich weiss, dass der Papst möchte, dass man über das Thema Missbräuche diskutiert. Das dürfte in Gruppen von zehn bis zwanzig Personen geschehen. Man kann ja nicht mit allen der wohl etwa 200 Teilnehmer gleichzeitig diskutieren. Dabei werde ich zumindest einzelne Themen dieser Resolution eingeben. Das Thema der Konferenz heisst aber nicht, «wie können wir die Glaubwürdigkeit der Kirche zurückgewinnen». Das Thema lautet: «Opferschutz».

Da besteht doch ein Zusammenhang.

Ja, aber ich finde es sehr wichtig und eine gute Entwicklung, dass im Zentrum das Opfer oder das mutmassliche Opfer stehen muss. Wir machen das, um dem Opfer gerecht zu werden, mit den Möglichkeiten, die wir haben. Und diese sind von Land zu Land verschieden.

Will die Kirche damit wieder glaubwürdig werden?

Das schon. Aber die Kirche macht das jetzt trotzdem nicht als Glaubwürdigkeitskampagne. Wir haben den Blick auf den Mitmenschen. Und dieser darf nicht durch Mitarbeiter der Kirche zum Opfer werden. Das ist ein Perspektivenwechsel. Wir wollen zuerst auf den Mitmenschen schauen, nicht auf uns. Für mich kommen wir so auf den Kurs von Jesus zurück, der auch zuerst auf das Wohl der Mitmenschen achtete. Der Kirche wurde ja immer vorgeworfen, dass sie im schönen Licht dastehen will. Sie regelte es «en famille», wie es in Institutionen so ist, um gegen aussen gut dazustehen. Das soll sich ändern. Und in diesem Bereich können wir aus Europa gegenüber anderen Teilen der Erde unsere Erfahrungen teilen.

In die Resolution sind die Sorgen eingeflossen, die vor Ort bestehen. Oft werden sie auch als Argumente für Kirchenaustritte angegeben. Verstehen Sie diese Sorgen?

Das Wichtigste ist, dass ich das als offizielle Stelle wahrnehme. Und ich bin mit ihnen in ihrer Sorge. Sie sehen es nicht nur als Forderung, sondern es ist auch ein Zeichen dafür, dass sie mich unterstützen. Es ist ein Geben und ein Nehmen. Ich sehe mich auch nicht als jemanden, der einfach befiehlt. Die Kirche ist primär für die Menschen da, für das Subjekt.

Muss die Kirche nicht auch schauen, dass das Subjekt nicht abwandert?

Das Subjekt darf abwandern, weil es frei ist. Jede und jeder ist ein freier Mensch.

Die Resolution zeichnet das Bild einer Kirche, die in der Krise ist. der erste Schritt auf dem Weg aus dieser Krise?

Dass sich die Bischofskonferenz bewusst wird, für wen die Kirche da ist, nämlich für die Menschen. Und die zweite Frage muss lauten: Was für Seelsorger und Seelsorgerinnen brauchen diese Menschen?

Dass die Kirchgemeinden vor Ort Massnahmen für mehr Glaubwürdigkeit fordern, können Sie aber schon auch verstehen?

Da stellt sich die Frage, was ist das Huhn und was das Ei? Wir möchten den Mitmenschen gerecht werden. Das ist unser Auftrag. Dieser heisst: Jesus ist gestorben und auferstanden zum Heil der Menschen. Der letzte Kanon im Kirchenrecht heisst, alles das sei zum Heil der Seelen, also für den Mitmenschen, und nicht für unser gutes Image. Die Glaubwürdigkeit ist umso wahrnehmbarer, je mehr man sich um den Mitmenschen kümmert.

Müssen Sie die Urheber dieser Forderungen der Realität zurückholen?

Die sind schon auf dem Boden der Realität. Sie drücken aus, was vor Ort bedrückt. Das sind Anliegen. Eines davon ist: Die Kirche muss ihre Sexualitätsmoral überdenken, weil diese vielleicht einer der Gründe ist, weshalb es zu gewissen Übergriffen kommt. Beispielsweise im Sinne von Amtsmissbrauch. Oder die Machtausübung. Aber diese ist in jedem Land etwas anders.

Gleich ist zumindest, dass die Macht in jedem Land von Männern ausgeübt wird.

Innerkirchlich sind natürlich die Männer an der Macht, das stimmt.

Auch das erachtet die Resolution als eine Ursache des Problems.

Unabhängig von der Frage um die Übergriffe ist es gut, dass wir das behandeln. Man darf aber nicht meinen, durch Erfüllen dieser Forderung sei alles gut. Wir sehen ja, dass es bei anderen Institutionen leider auch zu Missbräuchen kommt, obwohl dort die Forderungen dieser Resolution erfüllt sind. Zum Beispiel wird gefordert, man soll über das Zölibat diskutieren. Oder über die Stellung der Frau soll nachgedacht werden. Wir müssen uns also fragen, was wir verbessern wollen. Aber wir dürfen nicht meinen, ohne Zölibat gäbe es keine Übergriffe mehr.

Gäbe es nicht weniger?

Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Das ist ein Blick in die Glaskugel. Wichtig ist: Wenn es einen Übergriff gibt, muss bekannt sein, wie man vorgehen muss. Und die Prävention muss noch besser funktionieren. Im Bistum Basel haben wir unsere Standards. Ein Resultat der Konferenz in Rom könnte sein, dass wir in unserem Kulturkreis die gleichen Standards haben, damit wir ein einheitliches Vorgehen haben, Missbräuchen zu begegnen und sie zu verhindern.

Ein Standard könnte sein, dass jeder vor der Priesterweihe einen Strafregisterauszug vorlegen muss?

Diesen Standard haben wir im Bistum Basel. Wir müssen aber noch präzisieren: Für wen gilt das? In welchem zeitlichen Abstand? Wer bekommt diesen Strafregisterauszug? Und was passiert dann damit?

Im Fall von Riehen vertrauten Sie darauf, dass der Betroffene von sich aus Inhalte eines Strafbefehls kommuniziert. Das hat er aber nicht getan.

Im Sommer diskutieren wir diese Frage mit den zehn Landeskirchen des Bistums. Der Betroffene hatte tatsächlich diese Auflage und erfüllte sie nicht. Deshalb kann er nun nicht Pfarrer werden.

Würden Sie dieses Vertrauen wieder aussprechen?

Das müssen wir eben diskutieren. Es könnte sein, dass wir sagen: Im Strafregister steht etwas, das muss der Behörde vor Ort vorgelegt werden. Ob das rechtlich durchführbar ist und so weiter, müssen wir abklären. Die Abläufe müssen klarer werden und für alle zehn Landeskirchen im Bistum anwendbar sein. Der Bischof ist übrigens nicht ein CEO, der einfach befehlen kann. Es braucht Abmachungen mit den jeweiligen kantonalkirchlichen Institutionen. Es ist gut, dass in dieser Frage alle involviert sind, die es betrifft.