Musik aus Basel

Bettina Schelker, ist das Ihr bestes Album? «Ja.»

Bettina Schelker: «Ich kann besser mit einer klaren Entscheidung umgehen.»

Bettina Schelker: «Ich kann besser mit einer klaren Entscheidung umgehen.»

Die Basler Singer/Songwriterin bringt mit «Anonymous» ein Konzeptalbum über ­Isolation und Reisen ­heraus. Die Tour folgt erst nächsten Herbst.

Wer Bettina Schelker kennt, weiss, dass die Basler Singer/Songwriterin in ihrer 30-jährigen Karriere keine halben ­Sachen gemacht hat. Zu einem Album gabs immer eine Tour, zu einer Tour immer spezielle Showcases, zu den Showcases stets illustre Gäste. Und so war es auch für «Anonymous», Schelkers siebten Longplayer als Solo-Künstlerin, geplant.

Doch dann kam das Virus und machte den Plänen für eine Italientour und die begleitende Single-Auskopplung einen Strich durch die Rechnung. Wenig später bröckelten erste Daten in Deutschland und der Schweiz. Schliesslich musste Schelker die gesamte Europatournee absagen. Am Release wollte die 48-Jährige dennoch festhalten, wie sie sagt: «Dass das Album in diesem Jahr veröffentlicht wird, war für mich schon immer klar.» Heute Samstag wäre Schelker im Atlantis auf der Bühne gestanden – mit einmaligem Line-up.

Neben ihrem langjährigen Schlagzeuger David Dreyer hatte Schelker für dieses Heimspiel und zur Feier des Albums alle Musiker aufgeboten, die an der Entstehung des Albums beteiligt waren. «Das wäre mein erster Gig mit einer siebenköpfigen Band gewesen», sagt die Musikerin. Und unterschlägt dabei, dass mehr noch als die Quantität die Qualität der Auftretenden verblüfft hätte.

Denn auf «Anonymous» hat Schelker namhafte Session-­Musiker vereint, allen voran den Saiten-Zauberer Carl Verheyen. Der Amerikaner fungiert auf «Anonymous» nicht nur als ­vielseitiger Gitarrist (besonders schön ist sein zelebriertes Outro auf dem beatlesquen «Something Wrong»), sondern auch als stilsicherer Produzent. Mehrfach reiste Schelker nach Los Angeles, um dort unter der Ägide Verheyens in den legendären Sunset Sound Studios an ihren Songs zu feilen.

Angesichts dieser Entstehungsgeschichte droht die Musik in den Hintergrund zu rücken. Was schade wäre, denn Schelker legt mit «Anonymous» nicht nur ihr ambitioniertestes, sondern auch ihr bestes Album bis dato vor. Ein Urteil, das sie bereitwillig mit einem knappen «ja und ja» unterschreibt.

45 Minuten auf dem Sofa

Als Fingerpickerin an der akustischen Gitarre war Schelker schon immer ein Talent, als Sängerin hat sie in den vergangenen Jahren noch einmal zugelegt: So wandelbar wie in «Annabelle», so kämpferisch wie in «Mother of Marches» und so zerbrechlich wie in «Out There On Your Own» hat man sie ­selten gehört. Insgesamt ist sie zudem in Punkto englischer Aussprache und rhythmischer Phrasierung noch sicherer geworden.

Beim ersten Hördurchgang mag man auf «Anonymous» den grossen Pop-Hook vermissen, keiner der Songs drängt sich als Radiosingle auf. Doch spricht das nicht gegen die einzelnen Kompositionen, sondern für das Album als Gesamtes. Schelker empfiehlt, dass man sich «Anonymous» ohne Pause zu Gemüte führt: «Am besten funktioniert es, wenn man sich 45 Minuten Zeit nimmt und sich dazu auf das Sofa legt. Das gehört zum Konzept.»

So wie die Lieder ineinander übergehen, finden sich auch in den Texten rote Fäden. Es geht um das Aufbegehren, die Rebellion und um die «Implosion des Bewusstseins», wie Schelker ­erklärt. Man trifft auf den Menschen, der vor seinem Computer vereinsamt, und auf den Flüchtling, der seit Wochen mit niemandem gesprochen hat. Diese Themen seien stark mit den ­Folgen der Pandemie verknüpft, sagt Schelker. Auch wenn die Stücke lange vor Corona entstanden sind, würden diese Thematiken nun in den Vordergrund gespült. «Und die Welle scheint mir immer grösser zu werden.»

Reminiszenz an das ­Tourleben

Und natürlich geht es in manchen der Songs ums Reisen: Das abschliessende «I Can Hardly Keep My Hands On The Wheel» mag mit Akkordeon, Gipsy-­Gitarre und Schunkel-Chor ­etwas plakativer daherkommen als der Rest der stimmigen Platte, doch ist es eine schöne Reminiszenz an das Tourleben. Schelkers Liste mit absolvierten Konzerten ist längst im vierstelligen Bereich angekommen. Und schon jetzt stehen gut zwei Dutzend Konzerte für den Herbst 2021 fest.

Dass sie vorerst nicht auf die Bühne darf, sei nicht so schlimm wie die Ungewissheit der vergangenen Monate, sagt sie. «Ich kann besser mit einer klaren Entscheidung umgehen. Jetzt heisst es für mich einfach, die nötige Geduld aufzubringen. Frust ändert und bringt nichts.» Und natürlich hat Bettina Schelker für die Zwischenzeit bereits neue Pläne geschmiedet: «Wieder etwas mehr Gitarre üben und mich über CD-Bestellungen freuen.»

Bettina Schelker: «Anonymous», Found a Girl.
CD-Taufe, (neu): Parterre One, 23. September 2021.
www.bettinaschelker.com

Meistgesehen

Artboard 1