Ausstellung
Frische Zugänge zur Kunst der Moderne in der Fondation Beyeler

Die neue Präsentation der Sammlung Beyeler gewährt originelle Einsichten zu Natur und Abstraktion.

Christoph Dieffenbacher
Drucken
Eine Installation von Gerhard Richter und ein Gemälde von Claude Monet in der aktuellen Sammlungs-Präsentation der Fondation Beyeler.

Eine Installation von Gerhard Richter und ein Gemälde von Claude Monet in der aktuellen Sammlungs-Präsentation der Fondation Beyeler.

Zvg/Mark Niedermann

Claude Monets bekannte See­rosen, in ihrem extremen Breitformat eines der Prunkstücke der Beyeler-Sammlung, erstrecken sich über eine ganze Wand. Doch das monumentale Trip­tychon des französischen Impressionisten, entstanden zwischen 1916 und 1919, erscheint nun hinter einer transparenten, ebenso breiten Skulptur von Gerhard Richter. Zwei Werke auf einen Blick, aber mehr noch: Die Besuchenden, die sich in der Glaswand verschwommen spiegeln, bewegen sich wie Akteure in einem neuen, dritten Kunstwerk.

Die grosszügig insze­nierte Kombination bildet einen Höhepunkt der aktuellen Neupräsentation der Sammlung. Auf ungefähr 400 Werke der Kunst der Moderne und der Gegenwart ist sie inzwischen angewachsen. Noch immer wird die weltweit einzigartige Kollektion im Sinn des Sammlers Ernst Beyeler erweitert, ein Vierteljahrhundert nach der Museumseröffnung.

Jetzt bekommt das Publikum wieder einen grossen Teil der Sammlung zu sehen. Von Paul Cézanne über Wassily Kandinsky bis zu Barnett Newman: Rund 70 ausgewählte Werke aus dem Bestand und einige Leihgaben nehmen die Hälfte des Hauses ein.

Motive wiederholen sich als Farbflächen

Was hat die Kunst vor fast 150 Jahren dazu gebracht, sich von der reinen Abbildung zur eigenständigen Form zu entwickeln? Für die Schau hat Kurator Raphaël Bouvier die Werke eines Künstlers, einer Künstlerin meist jenen von anderen gegenübergestellt. Dieses Zusammenrücken, das die Gemälde und Skulpturen in eine ungewohnte Nachbarschaft stellt, erlaubt neue Vergleiche. Bekanntes erscheint in einem anderen Licht, und formal wie inhaltlich lassen sich teils überraschende Parallelen ziehen.

Mark Rothko, « Blue and Gray»

Mark Rothko, « Blue and Gray»

Robert Bayer / Fondation Beyeler

Die Ausstellung versucht den Übergang vom Gegenständ­lichen zum Abstrakten in den Werken selbst anschaulich zu machen. «Hinter abstrakten Bildelementen stehen oft Motive aus der Natur», sagt Bouvier, «und umgekehrt können auch abstrakte Formen und Strukturen zu gegenständlichen Bildern führen».

Dies wird beim Gang durch die Ausstellung augen­fällig und oft spielerisch nachvollziehbar. So sehen Details auf figürlichen wie auf abstrakten Bildern fast identisch aus – etwa wenn sich ein Kleidungsstück im einen Bild in einer Farbfläche eines anderen wiederholt.

Abstrakte Gemälde wie Landschaften

Empfangen und angezogen wird das Publikum von den Skulpturen von Alberto Giacometti, die dem Gemälde einer belebten Strassenpassage von Balthus gegenüberstehen. Später, beinahe am Ende, erwartet einen eine fragmentarische Skulptur von Auguste Rodin, umgeben von den leidenden Körpern von Francis Bacon.

Noch deutlicher als hier wird die Nähe zur Abstraktion in Darstellungen von Natur und Architektur. «Wer will, kann Mark Rothkos abstrakte Gemälde auch als Landschaften lesen», sagt Bouvier. Manchmal beginnen die Grenzen zwischen gegenständlicher und abstrakter Kunst zu verschwimmen.

Besonderen Wert legt Bouvier auf Verbindungs­linien zwischen auseinander­liegenden, auf den ersten Blick unvereinbaren Positionen. Monets Seerosen haben Jahrzehnte später auf den abstrakten Expressionismus nachgewirkt und etwa Jackson Pollock oder Joan Mitchell zu ihrer Avantgardekunst angeregt. In einen stilleren Dialog treten Landschaften von Ferdinand Hodler mit jenen des jungen brasilianischen Künstlers Lucas Arruda.

Ein Stück Himmel, auf Leinwand gemalt

Der Trend weg von der gegenständlichen Kunst zur reinen Form verlief auf Umwegen, gestaltete sich oft gegenläufig, wie Bouvier erläutert: «Manchmal konnte sich die Bewegung vom natürlichen Abbild in die Abstraktion hinein auch wieder umkehren: Der Übergang war also beiderseits durchlässig.»

Claude Monet, «La cathédrale de Rouen»

Claude Monet, «La cathédrale de Rouen»

Robert Bayer / Fondation Beyeler

Die Ausstellung hat er folgerichtig aus inhaltlichen und formalen Überlegungen angelegt; manche Namen finden sich mehrmals, Künstlerinnen ganz selten.

Schliesslich scheinen sich die Zuordnungen und Begriffe in Luft aufzulösen: Während sich die Kathedrale von Rouen bei Monet im flirrendem Morgenlicht auf abstrakte Einzel­formen zubewegt, malt der ­heute 90-jährige Richter fotografisch getreu ein Stück Himmel mit Wolken auf Leinwand – Jahrzehnte später.

Ganz am Ende der Ausstellung trifft man auf farbig-leichte Bild­kompositionen von Joan Miró, die sich in müheloser und doch spannungsvoller Balance halten – wie zur Versöhnung der Gegensätze von Natur und Ab­straktion.

Passagen – Landschaft, Figur und Abstraktion. Fondation Beyeler, Riehen.
Bis 14. August. www.fondationbeyeler.ch