Kunsthalle Basel

Auge in Auge mit dem Vorurteil

Zu jedem Körper gehört ein Gesicht, und das fordert den Blickkontakt: Ausschnitt aus «Daenare» (2019).

Zu jedem Körper gehört ein Gesicht, und das fordert den Blickkontakt: Ausschnitt aus «Daenare» (2019).

Die beklemmend aktuelle Ausstellung der US-amerikanischen Fotografin Deana Lawson in der Basler Kunsthalle geht unter die Haut.

Wohin schauen? Wer das Obergeschoss der Kunsthalle betritt, hat das Gefühl, in ein Foto­album zu steigen: Bilder überall und von einer Initimität, die nicht für fremde Augen bestimmt scheint. «Vielleicht bin ich paranoid, oder es liegt an meinen Genen», erklärt die ­afroamerikanische Fotografin Deana Lawson wenige Wochen vor der Eröffnung ihrer Basler Ausstellung: «Aber ich glaube, die Bilder müssen nah beieinander sein, um sich gegenseitig zu beschützen.» Zwei Tage später ist George Floyd tot.

Die Planung von «Cen­tropy» dauerte über ein Jahr, Covid-19 verzögerte den Ausstellungsbeginn weiter, der jetzt zeitlich mit den globalen Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt zusammenfällt. «Was für ein Timing», sagt auch Kunsthalle-Leiterin Elena Filipovic und ergänzt bitter: «Aber es sind schon so viele gestorben.» Jetzt sieht sich die Kunsthalle in der Verantwortung, die Auseinandersetzung mit dem systemischen Rassismus durch positive Darstellungen schwarzer Lebens­welten in Gang zu halten: «Es fühlt sich richtig an.»

Aus «Rasse» wird  Klasse

Lebensgross blicken die Modelle von der Wand, die Lawson als «Familie» bezeichnet und deren Vertrauen sie sich hartnäckig erarbeitet hat. Auf ihren Reisen zu den afrikanischen Gemeinschaften in Brasilien, Äthiopien oder ­Jamaika benutzt die 40-Jährige ihre altertümliche Dreibein-­Kamera als Schlüssel zu Lebensumständen, die sonst geflissentlich ignoriert werden: fleckige Wände, zerschlissene Vorhänge, schmuddelige Matratzen. Es ist die gleichförmige Tapeterie eines Prekariats, das durch Flucht und Verfolgung ins Abseits gerät, wie die britische Autorin Zadie Smith bemerkt: Aus «Rasse» wird Klasse.

Doch Lawson geht über diese politische Lesart hinaus. Die schiere Grösse der Bilder – die meisten sind über einen Meter breit – rücken die Details nicht nur in beunruhigende Nähe, sie werden dadurch auch auf magische Weise überhöht. So chaotisch oder beliebig die Einrichtungsgegenstände scheinen, ist die Wirkung jedes einzelnen Bildes doch kalkuliert, und sei es nur durch den sorgfältig gewählten Bildausschnitt. Vor allem aber sind es die Modelle selbst, die sich durch ihr Auftreten behaupten – nicht als Opfer, sondern als Individuen.

So sitzt zum Beispiel in «Chief» ein Mann mit nacktem Oberkörper auf einem ramponierten Sofa, ein Diadem auf dem Kopf, den Blick unverwandt auf den Betrachter gerichtet. Seine Haltung strahlt eine Nobilität aus, die sogar dem König der ­Könige standhält: An der Wand über dem Mann hängen christliche Heiligenbilder, darauf Christus, der weisse Erlöser. Handelt es sich wirklich um einen Adligen? «Lawson gibt nur zurückhaltend Auskunft», erklärt Filipovic. «Zuerst sagte sie, es handle sich um eine angeheiterte Zufallsbekanntschaft» – nur um sogleich einzuwenden, dass es sich in einem spirituellen Sinn eben doch um einen König handelt, der in der Tradition eines panafrikanischen Erbes steht.

Diese Sehnsucht nach einer zeit- und kontinentübergreifenden Verbundenheit wird augenfällig, wenn Lawson die Gold-­Rituale der afrikanischen Aschanti mit dem Bling der Hip-Hop-Kultur filmisch kurzschliesst. «Glorreiche Vergangenheit trifft auf Gegenwart», erklärt Filipovic, «Stammes­tradition auf Gang-Kultur.» Wo die – weisse – Populärkultur mit «Wakanda» ein schwarzes Wunderland imaginiert, in dem übermenschliche Kräften walten, wird Lawson übersinnlich: Die Mitglieder ihrer erweiterten ­Familie haben die Aura von Göttinnen und Heiligen, ihr Abbild wird zum Schrein.

Eine Schwangere mit ­Fussfessel

Im Übersinnlichen steckt bei Lawson aber immer auch die Sinnlichkeit: Nacktheit ist für sie ebenso wenig ein Tabu wie Armut. In einem Künstlergespräch am Art Institute of Chicago erzählt sie davon, wie ihre Mutter einst einen romantischen Pin-up-Kalender für ihren Vater anfertigte, bei dem Lawson schon im Kindesalter assistierte. Diese Ästhetik reproduziert sie nun in ihren eigenen Arbeiten, in denen Frauen selbstbewusst nackt posieren, ohne gängige Schönheitsideale oder unseren Voyeurismus zu bedienen: Zu jedem Körper gehört ein Gesicht, und das fordert den Blickkontakt. Dazu passen die Bilderrahmen aus Spiegelglas, das den ­Besuchern ihre weisse Privilegiertheit bleich zurückwirft.

Das atemberaubende Porträtbild «Daenare» bringt alles zusammen. Da ist das leicht angeranzte Interieur, in dem eine schwangere Frau in der Traditon von Manets Olympia posiert, nur ist sie eben dunkelhäutig und ihr Blick unbestechlich. Kettenartige Ornamente auf Fliessen und Vorhängen setzen sich auf ihrem Körper in Form einer Tätowierung fort. Und als wäre das nicht ominös genug, trägt sie eine schwarze, elektronische Fussfessel, die Filipovic in Anlehnung an Roland Barthes Bildtheorie als «punctum» bezeichnet – das eine Element in einer Fotografie, das sich nicht mehr wegsehen lässt: Verfolgt wird, wer wegen der Hautfarbe unter Generalverdacht steht.

Und noch ein Punkt zieht die Aufmerksamkeit auf sich: eine Fliege, die man vorbehaltlos für einen Teil des Bildes gehalten hat und plötzlich frei in den Raum schwirrt. Wo also hinschauen? Am besten den eigenen Vorurteilen direkt ins Auge.

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