Antiker Klamauk auf Schwizerschwedisch

Diese Odyssee hat mit dem Epos von Homer wenig gemein. Geboten kriegt man dafür eine überwältigend witzige Helden-Dekonstruktion.

Dominique Spirgi
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Ein bezaubernder Abend mit Zaubereien: Paul Schröder (liegend) und Thomas Niehaus.

Ein bezaubernder Abend mit Zaubereien: Paul Schröder (liegend) und Thomas Niehaus.

Bild: Ingo Hoehn

Was war dieser antike Superheld Odysseus denn nun? Wir wissen, dass der griechische Feldherr mit seiner Pferde-List Troja zu Fall brachte, dann aber auf seiner Heimreise eine zehnjährige Irrfahrt erleiden musste. Seine beiden Söhne am Sarg des Vaters sind sich nicht einig. Ein «Wanderer» sei er gewesen, sagt der eine – ein brutaler «Soldat» der andere.

Stopp. Oder besser «Stoppenden». Was das heissen soll, dazu später mehr.

Hatte Odysseus mehrere Söhne? Bekannt ist Telemachos, der als Säugling vor den Pflug des Vaters gelegt wurde, um dessen geheuchelten Wahnsinn als Drückeberger vor dem Aufgebot zum Trojanischen Krieg zu entlarven. Aber der zweite Sohn, Telegonos? Der soll während der Odyssee mit Kirke gezeugt worden sein, wird von Homer aber nicht genannt.

Strub, grotesk, albern – aber vor allem unglaublich witzig

Die beiden Brüder treffen sich also zum ersten Mal am Sarg des Vaters. Der eine ist Musiker (Tuba) und Magier, der andere Rapper. Zwei völlig unterschiedliche Gesellen, auch wenn sie zumindest durch ihre blonden, streng nach hinten gekämmten Haare als Söhne ihres Vaters erkennbar sind. Der wiederum hängt als Porträt der Hollywood-Ikone Kirk Douglas, der Odysseus einst gemimt hatte, an der Wand der Abdankungshalle (Bühne und Kostüme: Jennifer Jenkins und Matthias Koch).

Die beiden Brüder lernen sich also kennen, verstricken sich in ein Spiel von Ver- und Unverständnis, bis am Schluss der unbändige Hass gegen den Vater durchbricht, der sie beide so sehr in Stich gelassen hat.

Falls diese Inhaltsbeschreibung stringent und logisch klingt, ist das irreführend, was den knapp zweistündigen Theaterabend angeht. Dieser ist erst einmal strub, grotesk, verquer, albern und vor allem unglaublich witzig. Eine bitterböse theatrale Clownerie, die man, derart überdreht, noch selten erlebt hat.

Herrliche Kunstsprache: Wenn der Sarg smellt

Das fängt – nun kommen wir zurück zu «Stoppenden» – bei der Sprache an. Aber was heisst schon anfangen, diese Sprache ist ein andauernder Höhepunkt des Abends. Regisseur Antú Romero Nunes sowie die beiden Schauspieler Thomas Niehaus und Paul Schröder haben für die Produktion eine Kunstsprache entwickelt, die wie Schwizerschwedisch klingt. Man trifft sich am «Begraevening of min Papa» und steht vor dem Sarg, der nach «Aventiure smellt».

Das Wunderbare ist, dass man jedes Wort versteht (wenn es nicht im Lachen untergeht). Man kann sich fragen, warum skandinavisch angehauchtes Kauderwelsch an einem Abend, der sich um griechische Mythologie dreht? Die Antwort dürfte sein: Weil es so witzig klingt.

Das Gebotene ist erst einmal Spasstheater pur, grandios mit stupend choreografierten Slapstickeinlagen durchwirkt gespielt. Szenen und Szenerien aus der «Odyssee» kommen vor: etwa das grausame Spiel des Kyklopen Polyphem (mit einem magischen Auge) oder die Irrfahrt auf der stürmischen See (als Badewannen-Ballett im Sarg).

Das Spiel der beiden fulminant agierenden Darsteller bewegt sich durch szenische Sphären des Zirkus’, von Schaubuden und burleskem Varieté, gewürzt mit akrobatischen Einlagen, Zaubertricks und Tuba-Einlagen (Albinonis berühmtes Adagio zieht sich wie ein musikalischer roter Faden durch den Abend). Unter der Oberfläche ist aber ein Brodeln zu spüren. Das Ganze mündet in Kettensägen-Massaker, die Söhne zermanschen ihre Gesichter zu Monsterfratzen. Spätestens da wird das irrwitzige Geschehen gebrochen. Und man beginnt trotz des Vergnügens, das der Abend bereitet, darüber nachzudenken, was mit jun- gen Menschen geschehen kann, wenn sie aus der Spur fallen.

«Odyssee» ist nach «Café Populaire» die zweite Produktion der Best-of-Serie aus der vergangenen Tätigkeit der neuen Schauspielleitung. Nunes’ Inszenierung hat bereits einen erfolgreichen Weg hinter sich. Die Produktion aus dem Hamburger Thalia Theater war 2017 in der Auswahl des Berliner Theatertreffens.

Die Odyssee. Eine Irrfahrt nach Homer

Kleine Bühne, Theater Basel.