Film

Abschied und Neuanfang fürs Kultkino Basel

Die neue und die ehemalige Kultkino-Geschäftsleiterin: Gini Bermond (links) und Romy Gysin.

Die neue und die ehemalige Kultkino-Geschäftsleiterin: Gini Bermond (links) und Romy Gysin.

Gini Bermond löst Romy Gysin ab: Die langjährige Geschäftsleiterin und ihre Nachfolgerin über Corona, Konkurrenz und Kinoleidenschaft.

Nieselregen, triste Temperaturen: Kinowetter, eigentlich. Die Theaterpassage ist um neun Uhr morgens noch geschlossen, Gini Bermond öffnet, um den Fotografen und den Schreibenden einzulassen. Die neue Co-Geschäftsleiterin des Kultkinos und ihre scheidende Vorgängerin Romy Gysin haben sich eingefunden, um gemeinsam Rückschau zu halten und einen Blick auf die Zukunft des Basler Arthouse-Kinos zu werfen.

Was für ein Zeitpunkt, um als Geschäftsführerin anzufangen respektive aufzuhören! Erzählen Sie doch bitte, wie haben Sie den Lockdown erlebt?

Romy Gysin: Für mich war es eine vorgezogene Pensionierung, das lässt sich nicht anders sagen. Ich gehöre erstens zur Risikogruppe, zweitens war das Kino geschlossen, zukunftsorientierte Aufgaben wurden wichtig. Die Übergabe mit Gini Bermond fand eigentlich gar nicht statt, es handelte sich mehr um ein Ins-Wasser-fallen-und-Schwimmen. Wirklich eine verrückte Zeit!

Gini Bermond: Es war ein Auseinanderreissen. Wir waren ja vorübergehend zu dritt in der Geschäftsleitung und mussten alle ins Homeoffice. In einem Büro lässt sich manchmal besser kommunizieren als von zu Hause aus. Ich bin also direkt in einen Krisenmodus gestartet und nicht so, wie ich das erwartet hatte: Es gab keine Kinoprogrammation mehr, keine Filme, dafür standen Schutzkonzept, Ausfallentschädigungen und Kurzarbeit im Vordergrund. Sehr viel Bürokratie also. Zudem mussten wir ein 50-köpfiges Team bei der Stange halten, weil es da natürlich viele Ängste gab.

Vor Ihrem jetzigen Amt als neue Co-Geschäftsleiterin waren Sie ja schon beim Kultkino…

GB: Richtig, ich arbeite seit fünf Jahren für das Kino, vier davon als Personalbeauftragte. Vorher war ich 15 Jahre als Projektleiterin in der Berufsbildung beim Erziehungsdepartement Basel-Stadt tätig gewesen. Meine Kinoleidenschaft wurde mir quasi in die Wiege gelegt: Von klein auf habe ich zu Weihnachten immer das Kultkino-Abo bekommen. Meine Mutter ist eine Cineastin, sie ist jetzt 86 und besuchte bis zum Ausbruch der Pandemie noch fast monatlich das Kultkino. Ich bin in Sachen Film also geeicht: Als sich die Chance für einen Wechsel zum Kino bot, habe ich deshalb nicht lange gezögert. Auch wenn das Tempo in der Filmbranche rasant ist!

Wie lange sind Sie schon dabei, Frau Gysin?

RG: Am ersten August werden es 30 Jahre sein.

Eine lange Zeit! Wie wird man überhaupt Kino-Geschäftsführerin?

RG: Lernen kann man das nicht, wie praktisch alles in der Filmbranche. Das Wichtigste hat Gini bereits erwähnt, nämlich die Leidenschaft. Ich bin von Haus aus Juristin und habe hauptsächlich im Gebiet Vormundschaftsbehörden, Straf- und Mietrecht gearbeitet. Durch Schicksal habe ich die richtigen Personen kennen gelernt und an einer Ausschreibung teilgenommen. So wurde ich als Film-Nobody gewählt und mit 35 Co-Geschäftsführerin: Die geteilte Leitung ist eine Tradition bei uns.

Die soziale Komponente in Ihren Laufbahnen ist sehr ausgeprägt. Gehört das auch zur Tradition des Kultkinos?

RG: Das ist so, das Soziale war schon immer ein wichtiger Aspekt. Entstanden ist das Kino aus dem Verein Le Bon Film, dem ältesten Filmclub der Schweiz. Er wurde von eher linksgerichteten Intellektuellen gegründet und vor allem von Studentinnen und Studenten besucht. Ich bin schon als Schülerin zum Kino Royal beim Badischen Bahnhof gepilgert. Als das «Royal» Le Bon Film fallen liess, fand er beim heutigen «Camera» eine neue Heimat. Dort kam die Idee auf, das Angebot zu erweitern. Man behalf sich zunächst mit Reprisen, bis neue Filme dazu kamen. Aber das Soziale ist bis heute wichtig und wird es auch bleiben – hoffe ich zumindest.

GB: Es ist ein riesiges Erbe, das ich antrete. Da steckt so viel Geschichte drin, das wollen wir auf jeden Fall bewahren. Das Kultkino bezieht keine Subventionen, wir versuchen die Balance zu wahren zwischen Anspruch und Publikumsinteresse – gerade auch für die kulturell wichtigen Filme. Basel ist eine Kulturstadt, das Publikum ist also da. Und das gilt es zu mobilisieren, mit Streaming allein ist es nicht getan.

Wie wollen Sie das erreichen?

GB: Zusammen mit dem Verein kult.amici haben wir vor drei Jahren das Projekt sackgeld.kino lanciert und damit eine riesige Kundschaft erreicht. Über 5000 Karten wurden bereits an Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren ausgestellt, mit denen sie für fünf Franken ins Kino können. Ausserdem haben wir für die Altersgruppe zwischen 18 und 25 Jahren, die sich noch in Ausbildung befindet, das brainstream.kino eingeführt, bei dem ein Filmeintritt nur acht Franken kostet. Es hat natürlich einen Moment gedauert, aber die Durchmischung macht sich jetzt deutlich bemerkbar: Das ist wirklich eine sehr glückliche Sache!

RG: Eindeutig. Das war eine gute Entscheidung im richtigen Moment. Er bringt den Kult.Amici-Förderverein, der die Differenz zu den von den Verleihern geforderten Eintrittspreisen begleicht, aber auch an den Anschlag – eben weil das Angebot so erfolgreich ist. Wir sind jetzt auf der Suche nach neuen Geldern.

Will das Kultkino sein Angebot also weiter diversifizieren?

RG: Divers ist das Programm schon seit längerer Zeit, gerade was Kinder und Familien betrifft.

GB: Wir haben ein eigenes Kinderprogramm, das samstags und sonntags läuft, allerdings gibt es eine Einschränkung: Wir machen die Filme ja nicht selber. Und gerade mit Blick auf den Sommer, wenn viele nicht ans Meer fahren werden, muss ich sagen: Es gibt wenig Produktionen für Kinder. Das ist eine Realität, mit der wir umgehen müssen. Im Segment für Jugendliche ist das auch ein Thema, ausser beim Blockbuster. Es gibt gute Jugendfilme im Arthouse-Bereich, nur schaffen sie es nicht immer bis zu uns.

RG: Ich sehe das noch aus einer anderen Optik. Die Mehrheit der Jugendlichen will sich erst einmal die Hörner abstossen, auch bei den Filmgenres. Man muss Hollywood sehen, samt Action und Crime, um zu merken, dass es auch noch anderes gibt.

Sie haben die Konkurrenz erwähnt: Wie nehmen Sie die aktuelle Kinoszene in Basel wahr?

RG: Der Basler Kinoverband, der alle Betriebe umfasst, sistiert: zu wenig gemeinsame Interessen. Aber ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir einen Zusammenhalt brauchen, etwa indem Innenstadtkinos gestärkt werden.

GB: Dass die Innenstadt ausstirbt, ist ein grosses Risiko. Man sieht das an den Sonntagen, wenn die Arbeitstätigen zu Hause bleiben. Das ist ein Problem, das wir in diesem Geviert mit den anderen Kinos haben. Auch wenn es nach wie vor grosse Akteure gibt wie etwa beim Stücki Park, wo zwölf neue Säle entstehen.

RG: Wir kennen diesen Akteur bereits aus Genf. Er operiert in einem kostengünstigen Segment, das junge Menschen mit Auto anziehen soll, die sich nach dem Workout und dem Shopping einen Film anschauen wollen. Auf dieses «Päckli» wird wahrscheinlich spekuliert.

Fühlen Sie sich davon bedroht?

GB: Es fragt sich, ob sich das Projekt lohnt, und was es die anderen Kinos kosten wird. Das Zielpublikum ist ein ganz anderes als beim Kultkino, aber es wäre für uns natürlich nicht gut, wenn die Kinolandschaft in der Steinen verschwinden würde. Die Belebung der Innenstadt liegt uns am Herzen. Wir wollen keine Insel sein, die gezielt avisiert werden muss.

Frau Bermond, Sie haben eben erst angefangen. Halten Sie wie Romy Gysin 30 Jahre durch?

GB: (lacht) Das klappt schon rein rechnerisch nicht: Ich steuere auf die 50 zu. Aber so weit denke ich nicht, ich bin tendenziell im Jetzt und Morgen. Das passiert alles Schritt für Schritt, in letzter Zeit war viel in Bewegung, dazu kam noch die Coronakrise. Wir sind alle gefordert, doch bin ich recht entspannt, was die Zukunft betrifft. Obwohl eine gewisse Unsicherheit bleibt, wann die Normalität zurückkehrt und wie sie aussehen wird. Ich habe das Glück, zusammen mit Tobias Faust eine Firma leiten zu dürfen, die solide aufgestellt ist und gute Jahre hinter sich hat – nicht zuletzt Dank Romy. Das zeigt sich gerade während einer solchen Krise: Schon nur einen Tag schliessen zu müssen, ist eine Challenge, jetzt waren es drei Monate. Das sind unvorstellbare Dimensionen.

Frau Gysin, Sie verlassen jetzt die Normalität Ihres Arbeitsumfeldes. Wie fühlt sich das an?

RG: Dieser Entscheid kommt nicht von heute auf morgen, überraschend waren nur die vergangenen drei Monate: Sonst haben wir ja nur an der Fasnacht geschlossen. Ich habe mir ein paar karitative Sachen für die kommende Zeit vorgenommen, in Richtung Beratung und Hilfe. Aber ich gehe das ruhig an.

Letzte Tipps für Ihre Nachfolgerin?

RG: Schwierig, so auf die Schnelle… (überlegt) Die Leidenschaft behalten, das Herz bewahren für den guten Film und dafür kämpfen – das wünsche ich Dir.

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