Unsere kleine Stadt
Abreissen wäre ehrlicher

Daniel Wiener
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«Mit einer nagelneuen Renditeliegenschaft an bester Lage könnte die Gemeinde ihre prioritären sozialen und spirituellen Aufgaben finanzieren», meint bz-Kolumnist Daniel Wiener. (Archivbild)

«Mit einer nagelneuen Renditeliegenschaft an bester Lage könnte die Gemeinde ihre prioritären sozialen und spirituellen Aufgaben finanzieren», meint bz-Kolumnist Daniel Wiener. (Archivbild)

Nicole Nars-Zimmer

Frage: Weshalb klagt die Reformierte Kirche über Geldmangel, wenn es um die Renovation der maroden Elisabethenkirche geht? Antwort: Weil die Elisabethenkirche keine Rendite abwirft und auch nicht so beliebt ist wie das Münster, das von einer vielköpfigen Bauhütte jahraus, jahrein im Schuss gehalten wird. Frage: Weshalb ist die Elisabethenkirche nicht so beliebt? Antwort: Obwohl Spezialisten darin ein bedeutendes, neugotisches Baudenkmal sehen, findet kaum jemand wirklich Gefallen am unpraktischen, überdimensionierten Mausoleum, in dessen Gruft das Ehepaar Christoph und Margaretha Merian-Burckhardt begraben liegt.

Frage: Was täte Christoph Merian, der Sponsor der Elisabethenkirche, in dieser Situation? Wir wissen es nicht. Doch Indizien sprechen dafür, dass er sich für einen Abbruch und rentablen Ersatzneubau entscheiden würde. Wäre er noch am Leben, grauste es den frommen Stifter nämlich, wie hier mit Hunden und Katzen gebetet wird, sich Maturafeiern und Ü30-Discos die Klinke in die Hand drücken oder Händler mal hochpreisige Fotokameras, dann wieder glitzernde Hochzeitskleider feilbieten.

Wilde Tänze vermengt mit profanem Kommerz – das würde den Pietisten Merian an den Sündenpfuhl des antiken Jerusalemer Tempels erinnern. Der Mäzen war aber nicht nur gottesfürchtig, sondern bekanntlich auch visionärer Kapitalist und bodenständiger Bauer. Er pflegte, Problemen ins Auge zu blicken. Sonst hätte er kaum sein Vermögen gespendet, um zur «Linderung der Not und des Unglückes» beizutragen. Was die Christoph-Merian-Stiftung (CMS) in seinem Namen weiterhin erfolgreich tut.

Aus alter Dankbarkeit ist die CMS auch bereit, fünf Millionen Franken an die Renovation der Elisabethenkirche beizusteuern. Einen rechten Obolus verspricht auch der Kanton. Die Reformierte Kirche als Eignerin hat hingegen andere Prioritäten. Deshalb möchte sie, dass der Staat möglichst alles bezahlt – oder der Bau droht zu verlottern.

Wie es konsequenter geht, zeigt die Roche im Wettsteinquartier: Mit dem geplanten Abriss des denkmalwürdigen Hochhauses von Roland Rohn segelt der «Life Science»-Gigant auf Tabubruch-Kurs. Wie bei der Elisabethenkirche sind es beim smaragdgrünen Architektur-Juwel an der Grenzacherstrasse pekuniäre Gründe, die einer Renovation im Wege stehen: «Zu teuer», lautet das Verdikt bei Roche wie bei den Reformierten.

Was der finanziell robusten Roche recht ist, wird der klammen Kirche nur billig sein. Anstelle der «Elsbethen» könnte in ähnlicher Dimension ein optisch attraktiver und klimafreundlich begrünter Nullenergie-Turm gen Himmel wachsen. Natürlich mit praktischen Event- und Konferenzräumen sowie einem tollen Kaffeehaus im Parterre (und sogar einem kleinen Parking darunter). Oben drauf Büros, ein Museum und schicke Wohnungen. Unter der Dachterrasse (für Rooftop-Partys mit Blick über die Stadt) vielleicht eine grosszügige Bar, die auch für Gottesdienste und die wertvollen Aktivitäten der heutigen «Offenen Kirche» zur Verfügung stünde. Das helle Glockengeläut liesse sich bestimmt integrieren.
Klingeln würden auch die kirchlichen Kassen. Mit einer nagelneuen Renditeliegenschaft an bester Lage könnte die Gemeinde ihre prioritären sozialen und spirituellen Aufgaben finanzieren. Das wäre die ehrliche Alternative, wenn eine Renovation des Altbaus nicht in Frage kommt. Die Kirche hat die Wahl. Und die Roche umso mehr.

Der in Liestal aufgewachsene und in Basel lebende Autor Daniel Wiener ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.