Härtefallgesuch

18 Jahre illegal in der Schweiz: Basler Sans-Papiers spricht über seine Flucht aus der Illegalität

Rund 4000 Sans-Papiers leben gemäss Schätzungen in Basel-Stadt. Einer davon ist Ardan P. aus Nordmazedonien. Der 47-Jährige reichte nun als einer von neun Personen ein Härtefallgesuch beim Kanton ein – mit Erfolg.

Mit den Händen in den Jackentaschen steht Ardan P.* am Rand der Demonstration. Rund 200 Menschen forderten am vergangenen Donnerstag Bleiberecht für Sans-Papiers. Diesen Anlass wollte er sich nicht entgehen lassen. Denn er ist selbst ein Sans-Papier. Zusammen mit anderen Betroffenen protestierte Ardan gegen die fehlende Regularisierung und gegen die langen Wartezeiten.

An der ersten Kundgebung vor genau einem Jahr war er auch dabei. «Ich hielt eine Rede vor dem Migrationsamt», sagt der 47-Jährige. Darauf ist er stolz. Am selben Tag reichte er sein Härtefallgesuch ein. Dies war der Startschuss für die Warterei. Ardan sagt: «Vorher hatte ich keine Hoffnungen. Ich dachte nicht über meine Zukunft nach.» In der Zeit, als das Gesuch vom Basler Migrationsamt bearbeitet wurde, sei er nervös und ungeduldig gewesen. Seit einer Woche weiss Ardan: Sein Gesuch wurde von den Basler Behörden gutgeheissen und zur letzten Prüfung an das Staatssekretariat für Migration überwiesen.

Ardans Lachen ist ansteckend. Die Demonstration ist bereits in vollem Gange, als er dazustösst. Die Protestierenden begrüssen ihn erfreut. Breit grinsend umarmt er einen Mann mit weisser Maske, ebenfalls ein Sans-Papier.

Für die Demonstration nahm sich Ardan den Nachmittag frei. «Ich habe meinem Chef gesagt, ich hätte einen wichtigen Termin.» Die Wahrheit, dass er für seine Rechte demonstrieren gehen will, kann er ihm nicht sagen. Er darf nicht. Zu gross wäre das Risiko, wenn sein Arbeitgeber wüsste, dass er bis vor kurzem illegal in der Schweiz war.

Lügen gehören zum Alltag von Ardan. Er ist es gewohnt, Ausreden zu finden. Nach 18 Jahren im Status der Illegalität erzählt er schulterzuckend davon. «Ich will niemanden anlügen, aber was soll ich sonst machen?» Einzig seine Familie, Freunde in derselben Situation und die Mitarbeitenden der Basler Anlaufstelle für Sans-Papiers wissen Bescheid.

Klatschend mischt er sich unter die Demonstranten und singt: «Re-Re-Regularisierung.» Ardan, der grosse Mann mit schwieligen Händen, lacht über sich selbst, wie er in der bunten Masse untergeht.

Ardan ist in Nordmazedonien aufgewachsen. Er ging zur Schule, machte eine Lehre als Maurer, fand keine Arbeit. 2001 stürzte ein bewaffneter Konflikt zwischen der albanischen Minderheit und den mazedonischen Sicherheitskräften das Land in die Krise. Mehr als 150 000 Mazedonier verliessen ihre Heimat. So auch Ardan. Mit der Hoffnung auf einen Job im Gepäck reiste er vor 18 Jahren in die Schweiz. Sein Cousin lebte bereits hier. Heute sagt er: «Ich habe mich sofort in Basel verliebt.» Hier wolle er «für immer» bleiben.

Als Mazedonier, sagt Ardan, habe er keine Chance auf Asyl in der Schweiz gehabt. Einen festen Job fand er nicht, da er keine Aufenthaltsbewilligung hatte. Dennoch schaffte er es, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. «Seit 18 Jahren zahle ich meine Wohnungsmiete selbst. Ich überweise das Geld immer pünktlich», sagt Ardan. Er betont dies mehrmals. Es ist ihm wichtig, zu zeigen, dass er sich an die Regeln der Gesellschaft hält.

Schwarzarbeit, Ausreden und Unsicherheit

Ardan lebt in einer eigenen Wohnung, hat eine Krankenversicherung, ein Handy. Er schuftet auf einer Baustelle in der Region. Abends geht er ab und zu in eine Bar, trifft sich mit Freunden, trainiert mit seiner Fussballmannschaft. Oder er sitzt im St.-Jakob-Stadion auf der Tribüne und schaut seinem Lieblingsverein, dem FC Basel, zu. Ein gewöhnliches Leben eines Schweizers, könnte man meinen.

Doch: Die Miete muss er sich Monat für Monat zusammenkratzen. Krankenversichert ist er nur dank der Anlaufstelle. Er hat keinen Rappen auf seinem Pensionskassenkonto, keine AHV. Seinen Job muss er sich alle ein bis zwei Monate neu organisieren. Ardan arbeitet solange schwarz auf den Baustellen, wie die Firmen ihn brauchen. Sein Fussballteam weiss nichts von seiner prekären Situation. Verabreden sich die Kollegen zu einem Team-Ausflug nach Deutschland, muss sich Ardan eine Ausrede einfallen lassen.

Seine Finanzen und sein nicht vorhandener Aufenthaltsstatus lassen solche Ausflüge nicht zu. Dazu kommt die ständige Angst vor einer Polizeikontrolle. Auch während der Demonstration blickt sich Ardan oft um. Als ein Passant ihn erkennt und grüsst, senkt er schnell seinen Blick. Er lächelt verlegen: «Das ist jetzt nicht so gut.» In solchen Momenten schlage sein Herz plötzlich schneller, sagt Ardan und pocht mit seiner linken Faust auf sein Herz.

Von den Umständen seiner unsicheren Lebenssituation lässt sich Ardan aber nicht verunsichern. Auch nicht vom Schlaganfall, den er vor zwei Jahren erlitten hatte. Nur wenige Wochen danach begann er wieder zu arbeiten. Er sagt: «Es war eine sehr, sehr schwierige Zeit für mich. Aber ich überlebte.» Mittlerweile sei er wieder gesund.

Er lächelt leicht, blickt aber sogleich zu Boden, wenn er von seinem Leben in Basel erzählt. Im Gespräch wird klar: Ardan hat so viel zu berichten, dass ein Buch damit gefüllt werden könnte.

Während Ardan in Basel Tag für Tag der Polizei aus dem Weg ging und versuchte, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, wuchsen seine beiden Söhne in Nordmazedonien auf. «Einer ist 17, der andere 13», sagt der stolze Vater. Der ältere «Bub», wie Ardan ihn nennt, kam in der Schweiz zur Welt. Die ersten Jahre lebte der Mazedonier mit seiner damaligen Frau hier.

Da Nordmazedonien seit 2005 ein EU-Beitrittskandidat ist und damit das Schengen-Dublin-Abkommen gilt, kann Ardan seine Söhne hin und wieder besuchen. Immer verbunden mit dem Risiko, bei der Rückkehr in die Schweiz kontrolliert, abgewiesen oder festgehalten zu werden.

Vor einer Woche rief Fabrice Mangold von der Anlaufstelle für Sans-Papiers Ardan zu sich ins Büro: Sein Gesuch wurde vom Basler Migrationsamt gutgeheissen. Seine Augen strahlen, er lacht: «Ich kann es noch immer kaum glauben.» In seiner Freude fiel er Mangold um den Hals. Das Grinsen bekam er an diesem Tag nicht mehr aus dem Gesicht.

Noch muss sein Gesuch für eine Aufenthaltsbewilligung vom Bund abgesegnet werden. «Das ist das grösste Geschenk, dass ich in meinem Leben bekommen habe», sagt Ardan und relativiert sofort: «Also ich hoffe sehr, dass es klappt. Noch ist nichts sicher.» Lieber harrt er noch einige Tage in der Ungewissheit aus, als jetzt schon zu feiern.

Jetzt kann er Zukunftspläne schmieden

Was würde er denn nach der guten Nachricht als Erstes tun? «Tief durchatmen», sagt Ardan. Er fasst sich an die Brust, atmet hörbar ein und aus. Dann möchte er endlich «einen richtigen Job mit Arbeitsvertrag». Zwei Angebote hat Ardan bereits.

Er möchte Geld in seine Pensionskasse einzahlen. Er möchte seinen Freunden im Fussballverein erzählen, warum er die Mannschaftsausflüge immer gemieden hatte. Er möchte eine Ausbildung zum Juniorentrainer machen. Er möchte seinen Unterstützern danken. Er möchte ohne Herzklopfen an Polizisten vorbeilaufen. Er möchte endlich nicht mehr lügen.

 

* Name der Redaktion bekannt.

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