Jubiläum

100 Jahre Basler Kunstschaffen: «Kunst ist nicht nur einfach schön»

«Manchmal muss etwas leider ganz verschwinden» – Katrin Grögel und Simon Koenig im Schaudepot des Kunstkredits.

Seit 100 Jahren unterstützt der Kunstkredit Basel-Stadt lokale Künstlerinnen und Künstler – da kommt viel zusammen.

Dicht an dicht: Im Untergeschoss eines unscheinbaren Bürogebäudes, exakt auf der ehemaligen Stadtmauer, lagern 100 Jahre Basler Kunstschaffen. Nach einem Rundgang erzählen Katrin Grögel, Co-Leiterin Abteilung Kultur, und Kunstkredit-Leiter Simon Koenig über das anstehende Jubiläum der Förderinstitution. Das Gespräch findet in einer ausgedienten Cafeteria statt, die anders als das Depot leer steht: Nur ein paar Fotodrucke von belanglosen Bergbächen hängen an der Wand. «Nicht von uns», schmunzelt Koenig.

Gibt es in Ihren Büros auch Bilder aus dem Kunstkredit-Depot?

Katrin Grögel: Bei mir hängen zwei Werke, einmal ein Niklaus Stoecklin an dem ich grosse Freude habe. Das andere Werk stammt von Matthias Huber, einem jüngeren zeitgenössischen Künstler. Stöcklin ist sehr bildhaft, bei ihm ist ein Schuhspanner zu sehen, der Schuhe in Form hält. Hubers Werk ist abstrakt.

Simon Koenig: Bei mir hängt nichts im Büro, aber ich habe eine Türfalle von Erik Steinbrecher. Sie ist aus Aluminium und wie ein Stück Holz gestaltet. Ich habe mich mit meiner Arbeitskollegin dafür entschieden, weil es unsere Scharnierfunktion gut zum Ausdruck bringt: Eine offene Tür ist wichtig.

Für wen stehen die Türen des Kunstkredit-Lagers denn offen?

Koenig: Für alle Leute, die bei der kantonalen Verwaltung arbeiten. Sie melden sich für einen Termin an und gehen durchs Schaudepot, um etwas Passendes zu finden. Der persönliche Geschmack entscheidet, aber wir bieten auch Beratungen an.

Grögel: In den letzten Jahren gab es zwei Fälle, in denen das Team Kunstkredit ein Gesamtkonzept für Verwaltungsgebäude erstellte. Das umfasst alle öffentlichen Räume und richtet sich nicht nach dem persönlichen Geschmack einzelner. In den Büros ist das anders, dort werden individuelle Wünsche berücksichtigt.

Können auch Herr und Frau Meier bei Ihnen anklopfen?

Grögel: Nein, das hat mit versicherungsrechtlichen Fragen zu tun. Es gibt Ausleihen an Kunstinstitutionen und Ausstellungen, aber nicht an Privatpersonen. Und man darf Bilder auch nicht mit nach Hause nehmen bei der Pensionierung, so leid uns das tut! (lacht)

Dann muss die Stadtbevölkerung also vor Gericht oder ins Spital, um Kunstkredit-Werke zu sehen?

Koenig: Nein, es gibt sie natürlich auch als Kunst am Bau im öffentlichen Raum. Wettbewerbsausschreibungen im Zusammenhang mit dem Baudepartement sind omnipräsent in Basel. Werke wie «Lieu dit» an der Heuwaage neben dem Pub zum Beispiel prägen unsere Zeitgenossenschaft und sind identitätsstiftend.

Grögel: Diese Kunst wird gewöhnlich aus dem Baukredit der jeweiligen Vorhaben finanziert. Dabei handelt es sich entweder um Neubauten oder grosse Sanierungsprojekte, die einen öffentlichen Charakter haben: Schulen sind immer wieder ein Thema, oder auch die St. Jakobshalle. Gebäude also, die nach aussen gerichtet sind und von der Bevölkerung rege besucht werden.

Koenig: Das ist ein zentraler Punkt des Kunstkredits, der eben zeitgenössische Kunst vermitteln soll. Die St. Jakobshalle mit der Steinskulptur von Eric Hattan ist ein super Beispiel: An diesem gut besuchten Ort geniesst sie die Aufmerksamkeit breiter Bevölkerungskreise.

Solche künstlerischen Interventionen haben mitunter aber auch für Ärger gesorgt, wie etwa die von Ihnen erwähnte Skulptur «Lieu dit». Ein Jahr nach ihrer Einweihung 1975 wurde sie mit schwarzer Farbe beschmiert. Hat Kunst im öffentlichen Raum heute noch dieselbe Kraft, Gemüter zu bewegen?

Grögel: Ich bin davon überzeugt, dass sie diese Kraft noch hat, auf unterschiedliche Weise. Es gibt eine Kraft im Alltag, die einen Platz, ein Quartier markiert. Das sind stille, aber sehr beliebte Geschichten, wie zum Beispiel der Seelöwe im Schützenmattpark. Und dann gibt es Sachen, die zu einer bestimmten Zeit sehr provokativ waren. Solche Fälle kommen vereinzelt noch vor.

Wird der Kunstkredit deswegen grundsätzlich infrage gestellt, wie das früher oft der Fall war?

Grögel: Nein. Es gab zwar manchmal politische Vorstösse, die eine Abschaffung des Kunstkredits forderten: Die Gelder werden ja von politischen Gremien gesprochen. Aber die Relevanz des Kredits als Förderinstitution für bildende Kunst samt Vermittlungstätigkeit wurde in den letzten Jahren nicht mehr angezweifelt. Darüber sind wir sehr glücklich. Kunstschaffende aus allen Sparten sind für eine lebendige Kulturstadt wichtig.

Macht der Kunstkredit Einschränkungen, was im öffentlichen Raum möglich ist?

Grögel: Wir legen gemeinsam mit dem Baudepartement sehr viel Wert darauf, dass im Vorfeld zum Beispiel die Beständigkeit bestimmter Materialien abgeklärt wird. Es gibt finanzielle Limiten und klar definierte Budgets, Sicherheitsstandards müssen eingehalten werden. Es kommt auch immer wieder vor, dass Kunstwerke wegen baulichen oder stadtplanerischen Massnahmen verschwinden müssen.

Was passiert mit diesen Werken?

Koenig: Das ist von Fall zu Fall verschieden. Eine Stadt verändert sich. Handelt es sich um ein mobiles Kunstwerk, wird es eingelagert. Bei einem Graffiti dagegen braucht es eine Einschätzung der Kuratoren und der Kunstkreditkommission, ob eine neue Platzierung möglich ist. Aber manchmal muss etwas leider ganz verschwinden, weil man sich dagegen entscheidet.

Kunst mit Verfallsdatum also?

Grögel: Kunst am Bau geht emotional fast immer einher mit einem Versprechen auf Permanenz. Allerdings ist diese Dauerhaftigkeit mit dem Wissen um die bauliche Infrastruktur begrenzt. Nach 200 Jahren kommt die Stadt vielleicht an einen Punkt, wo gewisse Sachen nicht mehr möglich sind. Mobile Werke kennen dagegen keine Verfallszeit, ausser die Materialunbeständigkeit. Wobei es durchaus Kunstschaffende gibt, die explizit mit der Vergänglichkeit ihrer Werke arbeiten.

Gibt es eigentlich so etwas wie eine typische Kunstkredit-Kunst?

Grögel: Nein. Klar gibt es Werke, die sich für Arbeitsräume besser eignen, aber das ist bei Ankäufen für die Kunstkreditkommission kein Kriterium. Sie haben im Depot zum Beispiel die Fotoserie von Erik Steinbrecher gesehen, mit Strapsen und so. Sie können sich vorstellen, dass solche Bilder in einer formellen Arbeitssituation unpassend sind. Im Kontext einer Gruppenausstellung in einem Kunsthaus machen solche Werke aber enorm Sinn. Kunst ist ja nicht nur einfach schön, sie ermöglicht auch eine gewisse Reibung mit Alltagserfahrungen.

Basel-Stadt zieht also nicht eigentliche Kunstkredit-Künstler heran?

Koenig: Selbstverständlich sind wir eine wichtige Instanz für Basler Kunstschaffende, aber das ist kein Auftragsverhältnis. Das läuft ganz anders. Für Werkbeiträge erhalten wir pro Jahr zwischen 70 und 90 Eingaben, die von einer Jury auf etwa acht Bewerbungen ausgedünnt werden. Das ist ein harter Prozess, ermöglicht aber auch wunderbare Entdeckungen. Teil der Auszeichnung ist eine Ausstellung in der Kunsthalle, wie sie diesen Sonntag wieder eröffnet wird. Dann gibt es spezifische Projektbeiträge und Ankäufe. Und schliesslich die Wettbewerbe für Kunst im öffentlichen Raum oder Kunst am Bau.

Grögel: Es war noch nie möglich, seinen Lebensunterhalt nur über staatliche Förderung zu bestreiten. Für Kunstschaffende ist das immer eine ökonomische Mischrechnung. Anerkennung ist dagegen ein grosses Thema: Gerade für jüngere Kunstschaffende sind Werkbeiträge oder ein Ankauf wichtig für den Lebenslauf und weitere Bewerbungen. Ältere Künstler erhalten zudem die Möglichkeit, Werke zu erschaffen, die ihnen wichtig, aber nicht so nah am Markt sind.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1