Auswirkungen der Pandemie
«Jugendliche reagieren mit Grenzüberschreitungen»: Jugendkriminalität in Basel steigt an

Der Kanton Basel-Stadt veröffentlicht die neueste Kriminalstatistik. Die Zahlen sind stabil, jedoch wirkt sich die Coronapandemie besonders auf die Jugendkriminalität aus.

Silvana Schreier
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Jugendliche werden wegen Corona vermehrt kriminell.

Jugendliche werden wegen Corona vermehrt kriminell.

Symbolbild: Hanspeter Baertschi

Tätlichkeiten, Raub, Raufhandel, Drohung. Der Vergleich der Jahre 2015 bis 2019 und dem vergangenen Jahr 2020 zeigt: Gewaltstraftaten durch Jugendliche haben um 58 Prozent zugenommen. Diese Zahl stammt aus der Kriminalstatistik 2020 der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt.

Total nahm die Anzahl der angezeigten Delikte – dazu gehören auch Straftaten in den Bereichen Vermögen, Strassenverkehr oder Betäubungsmittel – im Vergleich zum Durchschnitt der letzten fünf Jahre um 30 Prozent zu.

Weil Jugendliche unter Corona leiden

Markus Boner ist Jugendanwalt bei der Jugendstaatsanwaltschaft Basel-Stadt.

Markus Boner ist Jugendanwalt bei der Jugendstaatsanwaltschaft Basel-Stadt.

zvg

Naheliegend ist laut Jugendanwalt Markus Boner, dass die coronabedingten Umstände für die hohen Deliktszahlen sorgen. «Das Bildungswesen läuft nicht wie sonst, die Kontakte sind stark eingeschränkt, oftmals leiden Jugendliche unter den knappen Wohnverhältnissen», zählt Boner auf.

«All diese Faktoren könnten dafür sorgen, dass gewisse Jugendliche mit Grenzüberschreitungen reagieren.»

Dabei gilt es laut Staatsanwaltschaft zwischen normalen und aussergewöhnlichen Schwankungen in der Statistik zu unterscheiden. Im Fünfjahresvergleich seien kleine Abweichungen normal, sagt Boner. Die Kurve zeige nicht steil nach oben.

Angezeigte Delikte bei Jugendlichen

2019
2020
0100200300400500VermögenFreiheitLeib und LebenSexuelle IntegritätBetäubungsmittelWaffengesetzÖffentliche GewaltPersonenbeförderungAusländergesetzStrassenverkehrDelikte

E-Bikes und E-Trottis sorgen für 70 Prozent mehr Anzeigen

Dennoch stelle das Jahr 2020 für die Jugendstaatsanwaltschaft «ein Ausreisser» dar: Im Bereich des Strassenverkehrs ist eine deutliche Zunahme um 70 Prozent sichtbar. Der Grund: «das explosionsartige Aufkommen von Trendfahrzeugen wie E-Bikes, E-Scooter, Hoverboards oder Solowheels», schreibt die Staatsanwaltschaft. Gerade für Jugendliche sei es schwierig, zu durchschauen, welche Gesetze nun für welche Fortbewegungsmittel gelten würden.

Weiter ist auch ein Anstieg der Vermögensdelikte erkennbar. Darunter fallen Raub, Diebstahl, Veruntreuung, Erpressung oder Sachbeschädigung. Waren es 2019 noch 430 eingegangene Anzeigen, verzeichnet der Kanton im vergangenen Coronajahr 545. Das Jahr 2020 hebt sich damit deutlich von den Vorjahren ab. Warum? Boner sagt: «Der Anstieg ist deutlich. Über die Gründe können wir jedoch nur spekulieren.» Man werde diesen Bereich über die kommenden Monate beobachten.

Staatsanwaltschaft schafft Wende mit Prävention

Trotz hoher Zahlen in einzelnen statistischen Abschnitten ist ein genereller Rückgang der Delinquenz bei jugendlichen Asylsuchenden sowie Ausländerinnen und Ausländern mit Wohnsitz im Ausland zu verzeichnen. Schweizer Bürgerinnen und Bürger sowie der ausländische Bevölkerungsteil mit Schweizer Wohnsitz waren im vergangenen Jahr präsenter. Boner:

«Die Kriminalität kommt also nicht von aussen, sondern ist hier gewachsen.»

Zudem sind die Zahlen bei der sexuellen Integrität rückläufig. In diesen Bereich fallen pornografische Videos, die besonders 2019 stark über Smartphones im Umlauf waren. Laut Boner war die Jugendstaatsanwaltschaft damals stark damit beschäftigt und leistete Präventionsarbeit. Diese habe nun gefruchtet, wie die Kriminalstatistik zeige.

Sexuelle Belästigungen werden öfter angezeigt

2020 wurden weniger Strafanzeigen wegen Verstössen gegen das Strafgesetz und das Betäubungsmittelgesetz eingereicht. Der Rückgang beträgt 7 Prozent. Diese Tendenz lässt sich aber nicht bei allen Delikten feststellen. So gab es 2020 10 Prozent mehr Anzeigen wegen Sexualdelikten.

Besonders auffallend ist die Zunahme um 43 Prozent bei Fällen sexueller Belästigung. Hans Ammann, Chef der Basler Kriminalpolizei, erklärt auf Anfrage: «Tatsächlich sind hier höhere Zahlen festzustellen. Dies könnte damit zusammenhängen, dass die Menschen sensibler sind und sexuelle Belästigung eher anzeigen.» Die gesellschaftlichen Entwicklungen könnten sich also auf die Kriminalstatistik auswirken.

Hans Ammann leitet die Basler Kriminalpolizei.

Hans Ammann leitet die Basler Kriminalpolizei.

zvg

Mehr Polizeipräsenz, aber auch mehr Gewalt an Beamten

Weiter zeigt sich in den Zahlen, dass sich eine Befürchtung vieler Expertinnen und Experten nicht bewahrheitet hatte: 2020 ist in Basel-Stadt keine Zunahme bei der häuslichen Gewalt festzustellen. Ammann sagt: «Die Strafanzeigen haben nicht zugenommen, dafür rückte die Polizei häufiger wegen Streitigkeiten im privaten Rahmen aus.»

Die allgemeine Aufklärungsquote von Fällen beträgt laut Kriminalstatistik 42,4 Prozent. Sie nahm im Vergleich zu 2019 um 4 Prozent zu. Das könnte mit einer verstärkten Polizeipräsenz auf den Basler Strassen zusammenhängen. Ammann mahnt aber: «Die Kehrseite davon ist die Zunahme der Gewalt gegen Beamte.» Seit einigen Jahren seien dort steigende Zahlen zu sehen. Tatsächlich: 2020 wurden 12 Prozent mehr Fälle von Gewalt und Drohung gegen Polizistinnen und Polizisten verzeichnet. (sil)

Anzeigen bei Sexualdelikten

2015
2016
2017
2018
2019
2020
020406080100120Sexuelle Handlung mit KindernVergewaltigungSexuelle NötigungSexuelle BelästigungDelikt