Analyse
Streit über die Gestaltung des neuen Bahnhofs Liestal: Wahl zwischen Resignieren und Scheitern

Andreas Hirsbrunner
Andreas Hirsbrunner
Merken
Drucken
Teilen
Tempi passati: In diesem eleganten Stil kam der Bahnhof (links) einst daher.

Tempi passati: In diesem eleganten Stil kam der Bahnhof (links) einst daher.

Visualisierung: zvg

Liestal steht beim Bahnhof wieder einmal vor dem Dilemma «Vogel, friss oder stirb». Dieses Mal geht es um das von den SBB umgestaltete Projekt neuer Bahnhof samt Annexbauten. Und wer einen grossen Wurf – und das war das Siegerprojekt des Architekturwettbewerbs – umgestaltet, der strauchelt fast zwangsläufig. Diese Regel gilt leider auch für Liestal, obwohl sich natürlich über Ästhetik immer diskutieren lässt. Blenden wir zurück.

In der bz vom 26. April 2016 ist unter dem Titel «Ein Bahnhof, wie es sonst keinen gibt» zu lesen, wie sich die Freudentöne bei der Präsentation des Siegerprojekts fast überschlugen. Jurypräsident Johannes Käferstein sprach von einer überzeugenden, starken horizontalen Gliederung und von einem Backstein-Ensemble mit einem hohen Erkennungswert, der damalige Stadtpräsident Lukas Ott von einem schönen, modernen, ausdrucksvollen, anziehenden und unverwechselbaren Bahnhof mit hohem Identifikationswert für Liestal. Das ist Musik von gestern.

Heute heisst die Losung Beton statt Backstein, Grobgliederung statt Feingliederung, Austauschbarkeit statt Unverwechselbarkeit. Oder, wie es ein Leserbriefschreiber eine Spur deftiger geschrieben hat: Crèmeschnitten-Architektur aus den 1970er-Jahren statt schnittiger Bahnhof. Das ist für die Liestalerinnen und Liestaler umso bedauerlicher, weil ein Bahnhof ein Jahrhundertwerk ist.

Und es ist ein Déjà-vu. Schon bei der Abstimmung über den Quartierplan Bahnhofcorso im Spätherbst 2017, als es um diese Bahnhofsbauten plus das Hochhaus ging, hiess die Wahl «Vogel, friss oder stirb». Das Angebot von SBB und Stadtrat ans Stimmvolk hiess: Ihr erhaltet eben den schönen, unverwechselbaren und so weiter Bahnhof, dafür müsst ihr ein Hochhaus als Blackbox mitbewilligen, zu dem der Architekturwettbewerb erst später folgt. Das «stirb» klang damals und klingt heute subtil mit. Denn die SBB sind mächtig, sie haben es nicht nötig, zum verbalen Zweihänder zu greifen. Damals liess der SBB-Immobilienchef ein halbes Jahr vor der Abstimmung die Bemerkung «alles oder nichts» fallen. Heute kann man auf der SBB-Website lesen, dass der Vierspurausbau «gegebenenfalls» auch ohne Bahnhofneubau realisiert wird.

Die Oppositionsgruppe um den Architekten Raoul Rosenmund entschied sich 2017 fürs «stirb» und bekämpfte den Quartierplan wegen des Hochhauses. Mit diesem Kurs fuhr sie bei der Abstimmung eine krachende Niederlage ein. Die Gruppe wandelt auch jetzt in Richtung «stirb», indem sie die vom Bauinspektorat abgewiesene Einsprache an die nächste Instanz weiterzieht. Inhaltlich geht es dabei um die Änderungen, welche die SBB am Siegerprojekt vorgenommen haben, obwohl dieses im Abstimmungskampf von 2017 eine wichtige Rolle gespielt hatte. Das will die Gruppe nicht goutieren.

«Die Blockierung könnte den SBB gerade recht kommen für einen Übungsabbruch.»

In der Theorie mag dieser Fundamentalkurs Sinn machen, in der Praxis ist er hochriskant. Denn anders als 2017 kann dieses Mal weder das Volk noch sonst jemand Gegensteuer geben. Und das, obwohl selbst Juristen sagen, dass die Einsprache chancenlos sei, weil es bei der Genehmigung eines Quartierplans immer um Volumen und nicht um Fassaden geht. Die Visualisierungen des Siegerprojekts fanden aus diesem Grund 2017 auch nicht Eingang ins Abstimmungsbüchlein.

Hochriskant ist das aber vor allem, weil die rechtliche Blockierung des Bahnhofneubaus den finanziell angeschlagenen SBB nach dem Absprung des vorgesehenen Ankermieters Kantonsspital – dies ebenfalls ein Trauerspiel – gelegen kommen könnte für einen Übungsabbruch. Man kann deshalb der Oppositionsgruppe nur «friss» zurufen. Will heissen: Zieht die Einsprache zurück und findet Euch mit dem aktuellen Projekt ab, so schwer das angesichts der Qualitätsunterschiede von alt zu neu auch fallen mag. Das verbunden mit einem Dank für die Aufklärungsarbeit. Denn erst die Einsprache der Opponenten führte der Öffentlichkeit die Projektänderungen vor Augen. Weder SBB noch Stadt hielten es für nötig, darüber zu informieren.

Bleibt der Trost, dass auch das modifizierte Projekt besser ist als der heutige Bahnhof. Und dieser bliebe, wenn das «stirb» obsiegt.