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An einem Morgen auf dem Plauderbänkli

Unser Autor wird in den kommenden ­Monaten öfter auf einem der Kleinbasler Plauderbänkli anzutreffen sein - und berichten, was er dabei erlebt, gehört oder eben nicht gehört hat.

Andreas W. Schmid
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An drei Standorten im Kleinbasel finden sich zur Unterhaltung einladende Plauderbänke.

An drei Standorten im Kleinbasel finden sich zur Unterhaltung einladende Plauderbänke.

Kenneth Nars

Am Freitagvormittag nahm Elisabeth Platz. Ich hatte mich auf eines der Plauderbänkli gesetzt, die in Kleinbasel vom dortigen Stadtteilsekretariat aufgestellt worden waren, damit man einfacher miteinander ins Gespräch kommt (die bz berichtete im März darüber). Bei den anderen Sitzbänken auf Stadtgebiet mutet es ja fast schon wie eine Grenzüberschreitung an, wenn man sich auf eines setzt, das bereits besetzt ist.

Man weiss nicht, ob die andere Person überhaupt Lust auf Konversation hat, oder ob sie dasitzt, um ein Buch zu lesen, die schöne Aussicht oder einfach nur die Stille zu geniessen. Fängt man trotzdem an zu plaudern, ist man möglicherweise bald so lästig wie die Fliege, die sich abends beim Lüften ins Schlafzimmer verirrt hat und deshalb mit einem Hausschuh und einem zielgenauen Treffer...

Ich aber will leben, und so setzte ich mich wie eingangs erwähnt auf diese «Plauderbank», wo es explizit erwünscht ist, dass man miteinander ins Plaudern kommt. Elisabeth allerdings hatte keine Lust auf irgendwelche Vorgeplänkel und kam gleich zur Sache – bei ihr bedeutete das einen 58-minütigen Monolog ohne Punkt und Pause.

Ich erfuhr alles von ihr, wirklich ALLES. Und als sie am Ende doch mit Reden aufhörte und ich mich anschickte, auch etwas zu dieser Plauderstunde beizutragen, da stand sie auf und verabschiedete sich: «So, ich muss jetzt. Es war nett, sich mit Ihnen zu unterhalten.»

Danach setzte sich Ernst hinzu. Ernst war das pure Gegenteil von Elisabeth: 32-minütiges Schweigen. Die beiden hätten sich wunderbar ergänzt. Wäre die Plauderbank Tinder oder sonst eine Partnerbörse, hätte es zwischen den beiden todsicher «gematcht», also hundertprozentig gepasst. Leider verpassten sie sich, und mit mir passte es gar nicht. Ich blieb trotzdem sitzen.

Auf Ernst folgte Urs, er verwechselte die Plauderbank mit dem Stammtisch («Gopf, jetzt wollen sie auch noch in den Langen Erlen zwei Bäume fällen!»). Dann kam Verena, die sich schnell mit mir vertraut fühlte: «Ich bin die Vreni, darf ich mich e bitzeli zu dir setzen?»

Franziska regte sich darüber auf, dass sie mit dem Ende der Corona-Massnahmen neuerdings beim Aussteigen aus dem Tram wieder den Knopf drücken müsse. Als ich einwarf, das sei ungefähr so wichtig, wie wenn in China ein Sack Reis umfalle, beschimpfte sie mich kraftvoll («Schoofseggel!»).

Jörg wiederum war vor allem lokalpatriotisch-schadenfreudig drauf («Diese Plauderbänkli gibts nur im Kleinbasel – typisch! Hier kommt man halt noch ins Gespräch miteinander»).

Für Gaby war die Sitzgelegenheit so etwas wie ein Mittagstisch. In anderthalb Stunden futterte sie neben mir – wild durcheinander – einen Tofuburger, Süsskartoffeln, Trockenfrüchte, frittierten Spargel, veganes Bananenbrot und einen Himbeer-Cheesecake. Fürs Plaudern blieb da keine Zeit.

Ueli hingegen, kaum hatte er sich gesetzt, raunte mir zu: «Hösch, hesch mir zwei Stutz?» Als ich verneinte, war das Bänkli wieder frei – für Anna. Anna sagte nichts, auch nicht, als ich sie begrüsste. Stattdessen wippte sie leicht vor sich hin. Jetzt erst sah ich es: Anna hatte einen Knopf im Ohr! Als ich ihn herauszog, schaute sie mich ziemlich überrascht an. Ich aber sagte: «Na, keine Lust auf eine kleine Plauderei?»

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