Haftnotiz. Heftgerät. Hundetoilette. Wörter, die wir im Alltag kaum gebrauchen. Stattdessen reden wir oft von «Post it», «Bostitch» und «Robidog». Genauso wird auch oft von einem «Jeep» gesprochen, wenn eigentlich einfach nur ein Geländewagen gemeint ist. Die amerikanische Offroad-Marke hat es geschafft, ihren Namen zum Sinnbild für geländetaugliche Autos zu machen. Umso wichtiger ist es aber, dass ein echter Jeep auch weiterhin ein echtes Talent abseits befestigter Strassen ist. Insbesondere gilt das für die Ikone der Marke: den Jeep Wrangler, den legitimen Nachfahren des Willys-Jeep von 1942.
Doch in der wachsenden Flut an SUVs mit mehr oder weniger ernst gemeinten Geländeambitionen ist es für Jeep inzwischen von entscheidender Bedeutung, die Fähigkeiten seiner Autos abseits der Strasse unter Beweis zu stellen – und dies den potenziellen Kunden auch bewusst zu machen. So haben die Amerikaner schon 2003 die Bezeichnung «Trail Rated» ins Leben gerufen. Sie soll besagen, dass jedes Modell mit dem entsprechenden Emblem auf der Flanke den legendären Rubicon Trail meistern kann – und gemeistert hat.


Vom Trampelpfad zur Legende

Der Rubicon Trail ist inzwischen eine Legende unter Offroad-Fans und zählt zu den schwierigsten Strecken weltweit. Der rund 35 Kilometer lange Pfad verbindet den Lake Tahoe im Osten Kaliforniens mit der Stadt Georgetown. Der Weg, der bis dahin nur von Einheimischen und Trappern genutzt wurde, wurde 1880 zum öffentlichen Weg ernannt und diente vor allem als Postweg. Bis 1940 wurde auch Vieh von der Sommer- auf die Winterweide getrieben.
Schon in den 1920er-Jahren versuchten erste Abenteurer, den Pfad mit Autos zu bezwingen. Trotz Hilfsmitteln wie Brettern und Seilwinden ein äusserst schwieriges Unterfangen, wovon auch heute noch Autowracks entlang des Pfades zeugen.
Mit dem Aufkommen besserer Zug- und Strassenverbindungen verlor der Rubicon Trail, benannt nach einem kleinen Fluss, der seinen Weg kreuzt, nach und nach an Bedeutung. Seit den 1950ern wird er vor allem von Offroad-Fanatikern genutzt, die vor allem das rund 19 Kilometer lange Teilstück zu Beginn des Trails als Herausforderung annehmen.
Staubige Steigungen, gespickt mit riesigen Felsbrocken, dicken Wurzeln und harten Stufen machen den Pfad beinahe unpassierbar – und machen ihn zu einem Weg der höchsten Schwierigkeitsstufe 10. Genau das Richtige also, um ein Auto auf seine Geländetauglichkeit zu testen.


Vom Händler ins Gelände

Je näher man dem Startpunkt des Rubicon Trails am Rand der Kleinstadt
Tahoma kommt, desto öfter sieht man Touristen oder Einheimische, die offensichtlich den steinigen Pfad in Angriff nehmen möchten. Ausnahmslos in Jeeps, meist deutlich modifiziert mit erhöhter Bodenfreiheit, mehr Federweg und riesigen Reifen. Anders die uns zur Verfügung gestellten Autos: Allesamt Jeep Wrangler Rubicon mit langem oder kurzem Radstand und im absoluten Serienzustand. Denn, das betonen die Verantwortlichen mit Stolz, kein anderes Auto könne den Trail ohne Modifikationen durchstehen.
Ob das nur Worthülsen aus der Marketingabteilung sind oder ob es sich tatsächlich bewahrheitet, muss sich auf den nächsten 19 Kilometern zeigen. Für die vergleichsweise kurze Strecke sind fast zwei Tage eingeplant. Ein erstes Indiz dafür, dass der Rubicon Trail wohl kein Vergnügungspark für sensationslustige Touristen, sondern eine echte Herausforderung für Mensch und Maschine ist. Ein weiteres Anzeichen dafür: Mit ein paar wenigen Handgriffen wurden die Seitentüren entfernt. Nicht etwa, um den Insassen das Fotografieren der Landschaft zu erleichtern, sondern für einen besseren Überblick über die Vorderräder. Unabdingbar für präzises Manövrieren über Stock und Stein. Um sich gegen den allgegenwärtigen Staub zu schützen, gibt es eine Staubmaske.
Vom Reifen auf den Rahmen
Nachdem der Trail zunächst harmlos begonnen hat, eine sandige Piste mit einigen kleineren Steinen, wird schon bald klar, warum passionierte Geländefahrer diesen Pfad lieben wie hassen: Grosse Felsbrocken blockieren den Weg. Scheinbar unüberwindbare Hindernisse. Die Hilfe der ortskundigen Jeep-Männer ist schon bald höchst willkommen. Sie raten, das Hinterachsdifferenzial zu sperren und den Allradantrieb samt Geländeuntersetzung über den mechanischen Hebel einzuspannen. Zuletzt wird per Knopfdruck der vordere Kurvenstabilisator ausgehängt. Eine im harten Gelände nützliche Funktion, die nur der Jeep Wrangler bieten kann. Denn der Stabilisator sorgt zwar auf der Strasse für ein ruhigeres Fahrverhalten in Kurven, schränkt dafür aber die Bewegungsfreiheit der Achsen ein. Und von dieser Verschränkungsfähigkeit braucht es auf den Felsbrocken jeden Millimeter.
Vorsichtig tasten wir uns auf den ersten grossen Felsbrocken, gelotst per Handzeichen vom Experten. Es sei im Zweifelsfall immer besser, mit dem Rad auf den Stein zu fahren, als den Stein mittig unter dem Auto zu haben, denn dann sei die Gefahr, das Auto zu beschädigen, viel grösser. Also fahren wir vorsichtig auf den Felsblock – und
hören sogleich ein metallisches Knirschen. Ein Geräusch, bei dem jeder Autofahrer schmerzlich das Gesicht verzerrt. Der weiterhin vorwärtswinkende Instruktor verzieht dabei keine Miene. «Keine Sorge. Unter dem Auto ist ein massiver Stahlrahmen verbaut. Der ist genau dafür gemacht», erklärt er.
Es sollte bei weitem nicht das letzte Mal gewesen sein, dass der Fahrzeugboden einen Felsen küsste. Anders ist der Rubicon Trail nicht zu schaffen. Das Wissen, dass der Jeep Wrangler auf derartige Begegnungen vorbereitet ist, beruhigt das Gewissen genauso wie ein Blick unters Auto. Tatsächlich sieht man nur den massiven Stahlrahmen und die in dicke Stahlgehäuse verpackten Differenziale. Alle empfindlichen Bauteile wie Abgasanlage, Ölwanne oder Getriebe werden durch den Rahmen perfekt geschützt. Hinzu kommen die kurzen Überhänge vorne und hinten sowie die extremen Federwege der Starrachsen. Das macht den Jeep Wrangler Rubicon zu einem extrem talentierten Kraxler auf der felsigen Piste. Er passiert auch Stellen, die man einem Auto niemals zutrauen würde – und an denen Lifestyle-orientierte Mode-SUVs mit beträchtlichem Blechschaden hängenbleiben würden.
Vom Tal auf den Berg
Dichte Tannenwälder, karge Felswände und klare Bergseen. Die Natur im Osten Kaliforniens erinnert erstaunlich oft an die Schweizer Alpen. Nur eben, typisch amerikanisch, eine Nummer grösser. Das offenbart sich vor allem auf den Hochplateaus, wo man eine Pause einlegen sollte, um den fantastischen Ausblick über die unglaubliche Weite der Wald- und Felslandschaft zu geniessen.
Was man bei einer Fahrt über den Rubicon Trail, wie sie übrigens auch einige lokale Anbieter ermöglichen, ebenfalls einplanen muss: eine Übernachtung im Zelt, am besten beim Camp in Rubicon Springs, wo sich ein malerischer Blick auf den Fluss, der dem Trail seinen Namen gab, bietet. Lagerfeuer-Romantik und Grillspeisen gehören hier zum Pflichtprogramm. Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass man sich hier in der freien Natur befindet. Esswaren sollten über Nacht keinesfalls im Zelt oder im Auto aufbewahrt werden, wenn man nicht unliebsame Bekanntschaft mit
einem Bären machen möchte. Zudem sollte man sich auch darauf einstellen, für zwei Tage komplett abgeschieden von der Welt zu sein. Handy-Empfang gibt es hier draussen nicht, was den Rubicon Trail nicht nur zu einer anstrengenden Herausforderung macht, sondern auch zu einer wunderbaren Entschleunigung.
Für Notfälle sollte aber dennoch ein Satellitentelefon mit dabei sein. Zudem wird empfohlen, den Trail niemals alleine in Angriff zu nehmen. Wer hier draussen stecken bleibt, muss oft tagelang warten, bis er einem Helfer begegnen könnte. Der wird dann höchstwahrscheinlich in einem Jeep Wrangler angefahren kommen. Ein anderes Auto ist uns auf dem gesamten Trail nie begegnet. Ob es an der einzigartigen Geländetauglichkeit des rustikalen Offroad-Klassikers liegt, oder daran, dass der Trail vor allem bei Jeep-Fans grosses Ansehen geniesst, bleibt offen. Fest steht, dass der Wrangler Rubicon auf jeden Fall zu den besten und fähigsten Geländewagen zählt.