Ein Sportwagen lebt zwar auch von Beschleunigungswerten, Motorleistung und Höchstgeschwindigkeit. Vor allem geht es aber um das Erlebnis. Geräusche, Gerüche und Eindrücke, die man möglichst ungefiltert geniessen möchte. Gerade in Zeiten, in denen Autos immer sicherer, korrekter angepasster werden, wird dieser Charme oft eingedämmt. Es sei denn, man befreit das Auto von seinem Dach: Ungefilterter und direkter als in einem Cabrio lassen sich Auto und Umwelt kaum erleben. Das ist seit 1982 das Erfolgsrezept des 911 Cabrio – auch wenn sich die Geister an der Freiluft-Variante des 911 scheiden. Für die einen ist es ein Unding, die klassische Linienführung durch das Cabrio-Dach zu unterbrechen, zumal die offene Karosserie in der Regel das Fahrverhalten verschlechtert und das Gewicht des Autos erhöht.
Letzteres lässt sich auch bei der jüngsten Auflage auf Basis der neuesten 911er-Generation nicht wegdiskutieren: Mit einem Leergewicht von 1585 kg ist das Cabrio 70 kg schwerer als das Coupé. Doch der 11er kaschiert dieses Mehrgewicht so gut wie noch nie. Vor allem aber ist es den Ingenieuren gelungen, die offenkundigsten Nachteile eines Cabrios praktisch vollständig zu eliminieren. Üblicherweise verliert das Auto durch das wegfallende Dach an Stabilität, was gerade bei Sportwagen mit straff abgestimmtem Fahrwerk zu spüren ist, wenn die Karosserie auf schlechten Strasse ins Zittern kommt.
Umso mutiger ist es von Porsche, die ersten Testfahrten rund um Athen zu veranstalten, wo die Strassen von zahlreichen Schlaglöchern und Bodenwellen geradezu übersät sind. Doch das neue 911 Cabrio steckt diese Tortur überraschend souverän weg und gerät auch bei groben Unebenheiten nicht aus der Ruhe. Dies verdankt der offene Sportler seiner neu konstruierten Plattform, die zu grossen Teilen aus Aluminium besteht, was für mehr stabilität bei weniger Gewicht sorgt. Auch beim Verdeck, dessen Unterbau grösstenteils aus Magnesium gefertigt ist, konnte Gewicht gespart werden – und auch Zeit. In 12 Sekunden lässt sich das Verdeck während der Fahrt öffnen und schliessen – eine Sekunde schneller als beim Vorgänger. Dass das Cabrio trotz vieler Leichtbaumassnahmen insgesamt schwerer geworden ist als der Vorgänger (+40 kg), liegt an der viel komplexeren Technik. Für geringeren Verbrauch und bessere Fahrleistungen wurde neu ein Getriebe mit Acht Gängen verbaut; zudem musste man Partikelfilter in der Abgasanlage unterbringen, um die aktuellsten Emissionsvorschriften zu erfüllen. «Manchmal staunen wir selbst, wie wir das alles unterbringen», scherzt Projektleiter Andreas Pröbstle.
Natürlich musste der 911 nicht nur sauberer und sparsamer werden, sondern auch stärker und schneller. So leistet die bislang einzige Motorvariante, der Carrera S, 450 PS (+30 PS). Den Sprint auf 100 km/h schafft das Cabrio in 3,7 Sekunden, mit Allradantrieb sogar noch 0,1 Sekunden schneller. Während der reine Hecktriebler noch etwas agiler wirkt, erfreut der Allradantrieb im Carrera 4S mit deutlich höherer Fahrstabilität und sehr feinfühliger Kraftverteilung. Bei regennasser oder schneebedeckter Fahrbahn ist das ein Vorteil, wer das Cabrio nur an Sonnentagen ausfährt, kann auf den Mehrpreis von gut 10 000 Franken für die Allrad-Variante verzichten. Doch auch als Cabrio ist der 911 alles andere als eine Sportwagen-Diva, die nur bei speziellen Gelegenheiten gefahren werden will. Auch bei geöffnetem Dach bleibt es im Innenraum verhältnismässig windstill. Ist das Dach geschlossen, sind kaum Unterschiede zu einem Coupé feststellbar. Sowohl Federung als auch Geräuschdämmung sind absolut langstreckentauglich, sodass man das 911 Cabriolet auch im Alltag stressfrei bewegen kann. Laut Werk sogar mit nur 9,1 l/100 km. Einziger Haken am Multitalent unter den Sportwagen: der Preis. Mit 175 600 Franken ist das Carrera S Cabrio 18 900 Franken teurer als das Coupé. Wer noch die empfehlenswerte Allradlenkung und Allradantrieb mitbestellt, wird kaum unter 200 000 Franken bleiben.