Kommentar

«Wir schaffen das» war gestern: Ein Satz alleine reicht in der Coronakrise nicht mehr

Spürt, dass die Krise mit Verordnungen allein nicht zu bewältigen ist: Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel.

Spürt, dass die Krise mit Verordnungen allein nicht zu bewältigen ist: Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel.

Angela Merkel ist beliebt wie nie - und machtlos wie selten. Die Coronakrise bringt Deutschlands Kanzlerin an Grenzen.

Seit Beginn der Pandemie tritt Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel als Mahnerin in der Coronakrise auf. Im März wandte sich die Regierungschefin in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung – so etwas hat Merkel zuvor in ihrer Amtszeit noch nie getan. Diese Woche dann ihr emotionaler Auftritt im Bundestag. Beinahe flehend richtete sich die Kanzlerin mit der Botschaft an die Menschen, doch bitte Kontakte zu reduzieren, private Feierlichkeiten bleiben zu lassen und auf unnötige Reisen zu verzichten.

Merkels emotionaler Appell macht deutlich, wie sehr die Kanzlerin in der Coronakrise ans Limit ihrer eigenen Macht gestossen ist. Noch nie in ihrer 15-jährigen Amtszeit musste sie die Bevölkerung so von ihrer Haltung überzeugen wie jetzt. Die Coronakrise lässt sich nicht nur mit Verordnungen und Regeln überwinden – es braucht Freiwilligkeit der Bürger, ein Mitziehen der Menschen. Worte verlieren an Gewicht, wenn man sie zu häufig wiederholt.

Merkel spürt, dass die Mahnungen und Warnungen nach neun Monaten der Krise nicht mehr überall verfangen. Jetzt bettelt Merkel um die Vernunft der Menschen, weil sie sieht, dass Corona nicht mit Verordnungen alleine ausgebremst werden kann, weil sich die Menschen vor allem im Privaten infizieren.

Mit Verordnungen lässt sich die Pandemie nicht bezwingen

In der Flüchtlingskrise 2015 reichte Merkel der Satz: «Wir schaffen das.» Der Entscheid, die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen, der zeitweise Kontrollverlust an der deutschen Grenze – die Kanzlerin hat sich damals, im Herbst 2015, zu diesem Schritt entschieden. Sie konsultierte nicht das Parlament, sie beschloss diese humanitäre Geste, weil sie zur Überzeugung gelangt war, dass Deutschland so handeln muss. Die Bewältigung dieser Politik wurde an die Kommunen und die Bürger delegiert.

Corona lässt sich mit Beschlüssen alleine nicht besiegen. Es braucht Überzeugungen. Merkel stösst gerade jetzt in einer Hochphase ihrer Beliebtheit an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Sie braucht die Bevölkerung wie kaum zuvor in ihrer Amtszeit, damit möglichst alle an einem Strang ziehen. Im Coronawinter ist es die Bevölkerung, die ihr antworten müsste: «Wir schaffen das».

Meistgesehen

Artboard 1