Wahlen in Frankreich

Wie Emmanuel Macron zum Hoffnungsträger wurde

Emmanuel Macron ist auf dem besten Weg in den Élysée-Palast.Christophe Ena/AP

Emmanuel Macron ist auf dem besten Weg in den Élysée-Palast.Christophe Ena/AP

Der 39-Jährige macht den Politveteranen vor, wie man das Land im Handstreich nimmt: Mit viel Talent, einer tüchtigen Portion Glück und Intuition.

François Mitterrand, der 14 Jahre lang im Élysée-Palast herrschte, sagte einmal, das Lebensprojekt einer Präsidentschaftskandidatur müsse zwei Jahrzehnte lang in minutiöser Kleinarbeit vorbereitet und aufgebaut werden. Emmanuel Macron brauchte gerade mal drei Jahre: Der 39-jährige Nordfranzose ist auf dem besten Weg, am 7. Mai zum neuen französischen Präsidenten gewählt zu werden, obwohl er 2014 noch nicht einmal einer breiteren Öffentlichkeit bekannt war.

Damals war der Eliteschulabsolvent und Banker durch die Empfehlung des früheren Mitterrand-Beraters Jacques Attali Vize-Generalsekretär im Élysée geworden. In diesem wichtigen, aber nicht sehr exponierten Funktionärsjob fiel Macron seinem Vorgesetzten François Hollande durch seinen brillanten Intellekt auf. Der sozialistische Staatschef beförderte ihn 2014 zum neuen Wirtschaftsminister. Macron erhielt gute Noten, wurde ein Medienstar und meldete immer deutlicher seine präsidialen Ambitionen an.

«En Marche» = Emmanuel Macron

Zuerst belächelt, gründete er im April 2016 eine Bewegung namens «En Marche» (vorwärts), bestehend aus den Initialen seines eigenen Namens. Im August 2016 reichte er seine Demission ein, um seine Präsidentschaftskandidatur zu lancieren. Der Rest ist bekannt: Während die Republikaner und die Sozialisten in mühseligen Primärwahlen ihre Kandidaten bestimmten, preschte Macron durch die Mitte vor. Er erhielt von Überläufern aus allen etablierten Parteien Zulauf. Und vor allem schrieben sich zuerst 100 000, dann 200 000 und bis heute über 250 000 Mitglieder bei «En Marche» ein. Rasch zum Umfragefavoriten geworden, erhielt Macron am Sonntag im ersten Durchgang der Präsidentenwahlen mit 23,9 Prozent das beste Resultat. Und gegen die radikale Nationalistin Marine Le Pen werden dem erst 39-Jährigen die besten Siegchancen im zweiten Wahlgang eingeräumt.

Was nach einem politischen Märchen klingt, hat seine Gründe in der Persönlichkeit Macrons, ist aber auch den Umständen geschuldet. Der Präsidentschaftsfavorit hat unbestreitbar Talent, viel Talent: Er galt schon in der Mittelschule – wo er seine Gattin Brigitte, damals Lehrerin, kennenlernte und später heiratete – als brillanter, unkonventioneller Kopf, dem keine Aufgabe zu klein, kein Hindernis zu hoch ist.

Dabei winkte dem parteilosen Mittepolitiker stets das Glück des Tüchtigen. Fast wundersam fielen auf seinem kurzen, aber steilen Weg alle möglichen Gegenkandidaten aus Abschied und Traktanden. Zuerst erwies sich, dass sein eigener Mentor Hollande politisch so geschwächt war, dass er gar nicht mehr zu einer weiteren Kandidatur antreten konnte. Dann wurde im Lager der Republikaner der gemässigte Alain Juppé – noch Mitte 2016 grosser Umfragefavorit – durch François Fillon vom rechten Parteiflügel eliminiert. Und schliesslich bestimmten die Sozialisten Benoît Hamon vom linken Parteiflügel zu ihrem Kandidaten. Damit fiel Macrons härtester, weil sozialliberaler Widersacher, Ex-Premierminister Manuel Valls weg – und der Weg durch die Mitte war für «EM» so frei wie eine Autobahn um drei Uhr in der Früh.

Frankreichs Präsidentschaftswahlen: Impressionen vom ersten Wahlgang in der Schweiz

Frankreichs Präsidentschaftswahlen: Impressionen vom ersten Wahlgang in der Schweiz

Es wäre allerdings ungerecht, würde man Macron nur Talent und Glück attestieren. Der Shootingstar der französischen Politik, der vor drei Jahren noch ein Nobody ohne jede Partei war, hat auch eine ausgezeichnete Intuition. Er merkte als einer der ersten, dass die beiden politischen Blöcke bei den französischen Wählern in Ungnade gefallen waren. Und er hatte den Mut, sich in der politischen Mitte zu platzieren, in der seit der Gründung der Fünften Republik 1959 noch kein Präsidentschaftskandidat jemals reüssiert hatte. Macron könnte es schaffen. Noch nicht 40-jährig, macht er den Politveteranen vor, wie man Frankreich im Handstreich nimmt. In ersten Umfragen werden ihm für den zweiten Wahlgang 62 Prozent der Stimmen gutgeschrieben, seiner Konkurrentin Marine Le Pen 38 Prozent.

Auch diesmal rufen fast alle unterlegenen Kandidaten – von François Fillon bis Benoît Hamon – zum Schulterschluss gegen Le Pen auf. Nur der Linke Jean-Luc Mélenchon weigert sich, dem «Ultraliberalen» Macron seine Stimme zu geben. Präsident François Hollande gab am Montag bekannt, er werde Macron wählen. Die Basis schwankt stärker: Je ein Drittel der Fillon- und Mélenchon-Wähler könnte laut den Umfrageinstituten zu Le Pen überlaufen. Das würde ihr aber eben nur eine Stimmenzahl von knapp 40 Prozent einbringen.

Macrons Fauxpas

Die Kampagne des zweiten Wahlgangs ist allerdings noch nicht gelaufen. Macron beging am Sonntagabend in seinem Überschwang einen taktischen Fehler: Er gab sich, als wäre die Wahl schon gelaufen, und lud spätabends prominente Vertreter des «Tout Paris» in die bekannte Brasserie «La Rotonde» ein. Das weckte unweigerlich Erinnerungen an die Schickimicki-Wahlfeier von Nicolas Sarkozy vor zehn Jahren im Nobellokal «Fouquet’s», welche die Unpopularität des Präsidenten von Beginn weg begründet hatte. Als sich der Grünenpolitiker David Cormand per Twitter über die «unwürdige» Soiree beklagte, wurde sich Macron des Fehlers bewusst; hastig trat er vor das Lokal, um die herbeiströmenden Presseleute zu beschwichtigen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1