«Sehen Sie, ich bin eine Berühmtheit», scherzte Cassandri zu einem Polizisten, als er am Montag von einem Kamerapulk verfolgt den Gerichtshof betrat. Mit seinem Kahlschädel und der schwarzen Buchhalterbrille wirkte der 74-Jährige so gar nicht wie der Bankräuber, der er einmal gewesen war. Im Milieu kannte man ihn als «le Tondu» – den Geschorenen. In Wahrheit war er das Hirn. Jacques Cassandri hatte im Juli 1976 in Nizza mit Komplizen den «Bankraub des Jahrhunderts» geplant, koordiniert und ausgeführt.

Die Bande aus Marseille drang an einem Freitagabend durch die Kanalisation und mit Bohrmaschinen in den unterirdischen Tresorraum der Bank Société Générale ein. Zwei Tage lang plünderte sie 317 Bankfächer und transportierte Geld, Schmuckstücke und andere Wertgegenstände für 46 Millionen Francs (8 Mio. Franken) ab. Am Montag danach entdeckten die Bankangestellten nur noch ein Loch in der Wand – und den hingekritzelten Spruch: «Kein Schuss, keine Gewalt, kein Hass.» Die Beute wurde nie gefunden.

All das erzählte Cassandri im Jahr 2010 selbst in einem Buch mit dem anonymen Autorennamen «Amigo». Doch jetzt kam die Polizei schnell drauf, wer dahintersteckte. Im Computer des «Geschorenen» fand sie das Manuskript des Buches. Jetzt war er über seinen Berufsstolz gestolpert. Denn in seinem Buch strich er vor allem seine eigene Rolle heraus.

Haus und Nachtclub gekauft

Bisher hatte die Nachwelt den Raub in erster Linie Albert Spaggiari zugeordnet. Dieser italienischstämmige Gauner war 1976 verhaftet worden, ein Jahr später aber aus dem Gerichtsgebäude entwichen und bis zu seinem Tod 1989 in Italien unauffindbar geblieben. Gleich drei Filme, der letzte 2008 erschienen, feierten Spaggiaris Rolle in dem «Bankraub des Jahrhunderts», wie dieser von französischen Medien bis heute genannt wird. Cassandri ertrug diese Darstellung nicht und stellte sie 2010 in seinem Buch richtig.

Möglicherweise war er im Irrglauben, der Tatbestand sei verjährt. Doch die Justiz wirft ihm nun anhaltende «Geldwäsche» vor, da Cassandri nach Meinung der Justiz immer noch von dem einstigen Beutezug profitiert. Der gebürtige Korse kaufte damit unter anderem ein Haus in Savoyen, einen Nachtclub in Marseille, Land in Korsika und jede Menge Pelzmäntel.

Sein Verteidiger stellte sich am Montag auf den Standpunkt, eine Buchveröffentlichung sei kein Beweismittel. Auch sei keineswegs erwiesen, dass sein Klient die Immobilien mit Geld aus «Nizza» bezahlt habe. In der Tat hatte Cassandri noch andere Einkünfte, obwohl er nie einer regulären Arbeit nachgegangen war. Wegen Drogenhandels und Zuhälterei hatte er wie seine Ehefrau dafür vier Jahre aufgebrummt erhalten.

Ob Cassandri die Gitterstäbe erneut einige Zeit von innen betrachten darf, wird das Gericht erst in einigen Wochen entscheiden. Bis dahin kann Cassandri schon einmal darüber sinnieren, ob sein Bekennerbuch die schlauste Tat seines Lebens war.