An diesem Freitag leitet Theresa May mit ihrem Rücktritt als Vorsitzende der Konservativen Partei Grossbritanniens auch offiziell den Abschied von der Macht ein. Im politischen System der Insel muss Parteichef sein, wer der 62-Jährigen auch im Amt als Premierministerin nachfolgen will. Regierungschef der siebtgrössten Volkswirtschaft der Welt und von einem der fünf permanenten Mitglieder des UNO-Sicherheitsrat zu sein, einer stabilen Demokratie mit globaler Perspektive vorzustehen – das muss ein Traum sein für jedes der 650 Mitglieder des Unterhauses, aus denen sich Mays Nachfolge rekrutiert.

Tatsächlich wollen elf Männer und Frauen den Posten ergattern, allen Nachteilen zum Trotz. Immerhin erbt, wer Mitte Juli in der Downing Street einzieht, nicht nur die Codes für die britischen Atomraketen. Neben dem ultimativen Symbol der Macht fällt der Nachfolgerin auch ein vergiftetes, schier unlösbares Problem in den Schoss: Grossbritanniens unvollendeter Austritt aus der EU.

Am Brexit ist May gescheitert, und die zentrale Fragestellung britischer Politik überschattet unweigerlich auch die Amtszeit der nächsten Tory-Vorsitzenden. Viel unmittelbarer wird es dabei auch um die Frage gehen, ob der nächste Parteichef oder die nächste Parteichefin auch der, beziehungsweise die letzte sein wird. Bei der Kommunalwahl in England Anfang Mai handelten sich die Torys eine gewaltige Ohrfeige der Wähler ein, landeten bei 28 Prozent und verloren mehr als 1300 Stadt- und Gemeinderäte. Drei Wochen später verpassten die Wähler der Regierungspartei einen Knock-out: 9,2 Prozent der Stimmen stellten das niedrigste Ergebnis seit mehr als 150 Jahren dar.

Erste Frau an Regierungsspitze

Man rechnet in diesen Dimensionen bei einer Gruppierung, deren Anfänge auf die Regierungszeit Charles’ II (1660–85) zurückgehen und die sich stolz «älteste Partei der Welt» nennt. Die Tories bescherten der Nation mit Benjamin Disraeli (1874–80) den ersten, wenn auch konvertierten Juden im Amt des Premierministers. Sie stellten in Margaret Thatcher (1979–90) die erste Frau als Regierungschefin. In den 123 Jahren zwischen Disraelis Triumph 1874 und der Abwahl von Thatchers Nachfolger John Major 1997 waren die Tories 84 Jahre an der Macht, entweder allein oder in Koalitionen. Nach einer Durststrecke von 13 Jahren Opposition – so lang wie zuletzt im 18. Jahrhundert – haben seit 2010 erneut Konservative (David Cameron bis 2016, seither May) in der Downing Street residiert.

Im langfristigen Zwei-Parteien-System der Insel verkörperten die Konservativen lange Zeit das schwer definierbare Konzept des Common Sense. Man billigte ihnen einen skeptischen Respekt vor Traditionen zu, gleichzeitig ein instinktives Verständnis der Realität und blitzschnelle Anpassungsfähigkeit. «Über die Tories wurde immer gesagt: Sie stellen die Regierung oder sie stellen gar nichts dar», weiss Geoffrey Wheatcroft. «Regieren war ihre Raison d’être.»

War, wohlgemerkt. Schon 2005 legte der Autor ein Buch mit dem Titel «The strange death of Tory England» vor. Die dort beschriebenen Trends hat Wheatcroft erst kürzlich wieder aufgezählt. Hatten die Konservativen in vier Jahrzehnten bis 1992 bei acht von zwölf Unterhauswahlen die Mehrheit der Mandate geholt, gelang dies seither nur ein einziges Mal in sechs Anläufen. 2017 holte Theresa May zwar den genau gleichen Stimmenanteil (42,4 Prozent) wie die konservative Übermutter Thatcher 1983. Doch während die eiserne Lady einen Erdrutschsieg über eine zerstrittene Opposition feiern konnte, verlor die unglückselige Premierministerin ihre knappe Mandatsmehrheit.

Nur noch eine Zombie-Partei?

Und die vom Brexit überschattete Ausnahmewahl bestätigte langfristige Probleme. Den Tories laufen die Frauen davon. Die Jungwähler orientieren sich an der Labour-Opposition unter Jeremy Corbyn, wählen Liberaldemokraten oder Grüne. 47 Jahre, so hat es der Meinungsforscher YouGov ermittelt, stellte 2017 die Grenze dar: Wer jünger war, wählte mehrheitlich Labour, die Älteren und ganz Alten mit immer grösserem Vorsprung Tory. Sind die Konservativen also eine Zombie-Partei für die demnächst Toten?

Überaltert sind sie und massiv zusammengeschrumpft. In den 1950er-Jahren, hat Wheatcroft ermittelt, zählte die Partei 2,7 Millionen Mitglieder. Zuletzt galt ein Zustrom von rund 40 000 Menschen auf nunmehr 160 000 Mitglieder als Riesenerfolg. Deren Durchschnittsalter beträgt einer Studie der Londoner Queen-Mary-Universität 57 Jahre, sie sind reicher als der Durchschnitt der Bevölkerung und fast ausschliesslich weiss. Vor allem aber: Ihre Gegnerschaft zur EU ist viel radikaler als in der Parlamentsfraktion, geschweige denn in der Bevölkerung. Die neuen Tories dürften den Trend verstärken, jedenfalls berichtete eine Reihe von Abgeordneten übereinstimmend von Masseneintritten durch frühere Mitglieder der EU-feindlichen Uki-Partei.

Dieses Phänomen ebenso wie die Nachwahl von Peterborough am Donnerstag, bei der Nigel Farages Brexit-Party als Favorit galt, verstärkt den Druck auf Mays Nachfolgekandidaten, dem chaotischen Brexit ohne Austrittsvereinbarung («No Deal») das Wort zu reden. Doch was dann? «Über Nacht würden wir unseren in 300 Jahren erworbenen Ruf für wirtschaftliche Kompetenz für immer ruinieren», fürchtet Rory Stewart, der als einziger der Kandidaten für einen Kompromiss-Brexit eintritt. Beim Parteivolk hat er damit keine Chance. Dem Entwicklungshilfeminister bleibt, so scheint es, ein Himmelfahrtskommando erspart.