Bürgerkrieg

Wer gegen wen? Die fünf wichtigsten Schlachtfelder im Pulverfass Syrien

Schon jetzt sieht es in Ost-Ghouta aus wie damals in Aleppo.

Schon jetzt sieht es in Ost-Ghouta aus wie damals in Aleppo.

Nach sieben Jahren Bürgerkrieg ist kein Ende der Feindseligkeiten in Sicht. Im Gegenteil: Die Lage eskaliert. Wir dokumentieren die fünf wichtigsten Schlachtfelder in diesem Vielfrontenkrieg.

Syrien ist gegenwärtig der brutalste und gefährlichste Konfliktort der Welt. Sieben Jahre wird nun schon gekämpft, und kein Ende des Blutbades ist in Sicht. Zwar ist der «Islamische Staat» nach einer dreijährigen Völkerschlacht besiegt, dafür aber gehen seit Beginn des Jahres die Beteiligten der internationalen Anti-IS-Allianz heftiger denn je aufeinander los.

Die Lage im Bürgerkriegsland gerät mehr und mehr ausser Kontrolle – mit unabsehbaren Folgen für seine Bewohner, für die nahöstliche Region und für das Machtgefüge des Globus. Nicht nur der Konflikt zwischen Israel und Iran kocht.

Auch die USA und Russland könnten offen aneinandergeraten, während das Assad-Regime die eigene Bevölkerung in den verbliebenen Enklaven der Aufständischen massakriert. Viele Lunten lodern am Pulverfass Syrien. Wir dokumentieren die fünf wichtigsten Schlachtfelder in diesem Vielfrontenkrieg.

1. Assad-Regime gegen Opposition

Die schrecklichsten Bilder kommen derzeit aus Ost-Ghouta. Seit Tagen und Wochen wird die Rebellen-Enklave östlich von Damaskus rund um die Uhr bombardiert. «Was hier passiert, ist jenseits jeder menschlichen Vorstellungskraft», sagte der UN-Hilfekoordinator für Syrien, Panos Moumtzis. «Dieser Albtraum muss aufhören, und zwar sofort.»

Allein in dieser Woche kamen nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte bereits mehr als 450 Frauen, Männer und Kinder ums Leben, die meisten begraben unter den Trümmern ihrer Häuser. Zehntausende der 400 000 Eingeschlossenen hungern.

Inzwischen zieht Bashar al-Assad rund um Ost-Ghouta die Elitetruppen der Tiger-Division zusammen, die das gesamte Gebiet zurückerobern sollen. Denn der Diktator lässt keine Zweifel daran, dass er alle Gegner für Terroristen hält und «jeden Zentimeter» des syrischen Territoriums wieder unter seine Kontrolle bringen will, nicht nur Ost-Ghouta, auch die Rebellen-Enklave Idlib im Norden. Russland sperrt sich gegen eine UNO-Resolution für eine Waffenruhe von 30 Tagen für Hilfslieferungen und Evakuierungen.

2. USA gegen Russland und Assad

Nach den Siegen in Raqqa und Deir Ezzor tobt der Feldzug gegen die Reste des «Islamischen Kalifates» nun am syrischen Unterlauf des Euphrat. Entlang dem östlichen Ufer rücken die arabisch-kurdischen Einheiten der Syrisch Demokratischen Front (SDF) vor, die von den USA ausgerüstet und aus der Luft unterstützt werden. Parallel dazu operieren am westlichen Ufer syrische Truppen zusammen mit iranisch-irakischen Milizen und russischen Söldnern.

Am 7. Februar kam es zwischen beiden Seiten zu einem bisher beispiellosen Zwischenfall. Nachdem die Assad-Seite die US-geführten SDF-Einheiten mit Panzern und Artillerie angegriffen hatte, wurde sie durch amerikanische Apache-Helikopter und Erdkampf-Jets unter Feuer genommen. Mindestens 200 Soldaten kamen ums Leben, darunter mehrere dutzend russische Söldner der sogenannten Wagner-Gruppe, die als Paramilitärs im Auftrag Moskaus in Syrien operiert.

Ein solches US-Massaker an Russen könnte leicht in einer direkten Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und Russland münden. Washington ist in Syrien derzeit mit 2000 Soldaten vor Ort.

3. Türkei gegen Kurden

Am 20. Januar gab Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den Marschbefehl. Die türkische Armee überquerte die Grenze zu Syrien und marschierte in die kurdische Enklave Afrin ein. Sie gehört zu dem quasiautonomen Gebiet Rojava auf syrischem Territorium, welches aus den drei kurdischen Kantonen Al-Jazira, Kobane und Afrin besteht.

Der Türkei geht es vor allem darum, die Volksverteidigungseinheiten der YPG aus dem Grenzgebiet zu vertreiben, die sie wegen ihrer engen Verbindungen zur PKK für eine Terrororganisation hält. YPG-Einheiten jedoch bilden auch das Rückgrat der US-geführten Bodentruppen gegen den IS.

Am letzten Dienstag kündigte Erdogan an, seine Armee werde in den kommenden Tagen die Stadt Afrin direkt angreifen und abriegeln. «Auf diese Weise wird die Hilfe von aussen blockiert», erklärte er als Reaktion auf die Ankündigung von Damaskus, den Kurden militärisch beizuspringen.

4. Assad gegen Türkei

Die bedrängten YPG-Kurden von Afrin riefen die syrische Regierung zuhilfe, weil die USA ihnen in diesem Konflikt mit Ankara die Unterstützung verweigert und Russland sich demonstrativ abseits hält. Seit Dienstagmittag rücken Assads Milizen in die Enklave und ihre Hauptstadt Afrin vor, empfangen von türkischen Artilleriesalven. Diese syrischen «Volkseinheiten» sollen die Türken vertreiben und entlang der Grenze Position beziehen, was eine direkte Konfrontation zwischen Damaskus und Ankara praktisch unausweichlich macht.

Für die Kurden hat diese heikle Intervention der ungeliebten syrischen Staatsmacht zudem einen hohen politischen Preis. Denn Assad riskiert diesen Schritt nur deshalb, um die Autonomie-Wünsche seiner kurdischen Minderheit zu beschneiden.

5. Israel gegen Iran und Hisbollah

Zwar tat Irans Aussenminister Mohammad Javad Zarif den Auftritt von Benjamin Netanjahu auf der Münchner Sicherheitskonferenz als Zirkus ab. Doch der Krieg der Worte eskaliert. Wütend hielt Israels Premier ein Metallstück in die Luft, Teil einer iranischen Drohne, die seine Luftwaffe am 10. Februar über den Golanhöhen abgeschossen hatte.

Als Vergeltung flogen israelische F-16 zwei Angriffswellen gegen iranische und syrische Stellungen. Einen der Jets erwischte die syrische Luftabwehr auf dem Heimflug. Nachdem Netanjahu mit US-Präsident Donald Trump und Kreml-Chef Wladimir Putin telefoniert hatte, beruhigte sich die Lage zunächst wieder.

Doch Israels Regierungschef liess in München keinen Zweifel. Sein Land werde es nicht hinnehmen, dass der Iran eine «dauerhafte militärische Präsenz in Syrien» etabliert. Etwa 3000 Revolutionäre Garden hat Teheran derzeit auf syrischem Boden. Hinzu kommen mindestens 10 000 von Teheran rekrutierte und bezahlte Milizionäre, überwiegend Iraker und Afghanen.

Die libanesische Hisbollah ist mit 6000 Kämpfern vor Ort. «Testen Sie nicht unsere Entschlossenheit», wandte sich Netanjahu drohend an die Adresse der iranischen Delegation und fügte hinzu, Israel werde, wenn nötig, nicht nur die Stellvertreter des Iran bekämpfen, sondern auch den Iran selbst angreifen.

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