Im wörtlichen Sinn innert Minuten nachdem der angebliche Selbstmord von Jeffrey Epstein bekannt wurde, explodierte das Internet. Auf Twitter, Facebook, etc. wurden sofort die wildesten Verschwörungstheorien verbreitet. Selbst die These, wonach Epstein gar nicht tot sei, wurde in die Welt gesetzt.

Die Verschwörungstheorien-Explosion ist leicht erklärbar: Sex mit minderjährigen Mädchen, mächtige Männer aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, glamouröser Lebensstil mit Privatjets und Lustinseln in der Karibik. «Als Beispiel einer Story über Korruption ist die Epstein-Sage so tief mit der aktuellen politischen Situation unseres Landes verbandelt, dass sie weit übertrieben scheint», kommentiert die «New York Times».

Die Rechtsradikalen schlagen zu

Die meisten der Verschwörungstheorien stammen aus der ultrarechten Ecke. Unter dem Hashtag #TrumpBodyCount wurde etwa die Meldung in die Welt gesetzt, Bill Clinton stecke hinter dem mysteriösen Tod. Der Ex-Präsident war kurze Zeit mit dem Financier befreundet und war Gast in seinem Privatjet.

Präsident Donald Trump hat diese Meldung retweetet. Doch er wurde umgehend von links darauf aufmerksam gemacht, dass auch er einst zum Freundeskreis von Epstein gehörte. In einem inzwischen aufgetauchten Video ist zu sehen, wie die beiden mit jungen Cheerleaderinnen eines Football-Teams eine ausgelassene Party in seinem Club Mar-a-Lago feiern.

Die Politiker instrumentalisieren Epsteins Tod für ihre Zwecke. Die Bürgerinnen und Bürger versuchen derweil, sich einen Reim auf die Vorfälle zu machen. Vieles ist tatsächlich rätselhaft.

Unerklärlicher Selbstmord

Epstein befand sich in Untersuchungshaft im Metropolitan Correctional Center in New York City, einem der sichersten Gefängnisse der USA. Am 23. Juli soll er bereits einen ersten Selbstmordversuch unternommen haben. Deshalb wurde er unter eine spezielle Selbstmord-Überwachung gestellt. Diese wurde jedoch nach zehn Tagen wieder aufgehoben.

Vor dem Untersuchungsgefängnis ist das Auto des Gerichtsmediziners parkiert.

Vor dem Untersuchungsgefängnis ist das Auto des Gerichtsmediziners parkiert.

Trotzdem hätte Epsteins Zelle alle 30 Minuten von einem Wärter inspiziert werden müssen. Dies war in der fraglichen Nacht von Freitag auf Samstag nicht der Fall. Personalmangel wird als möglicher Grund angeführt. Ebenso war Epstein zu diesem Zeitpunkt allein in seiner Zelle. Zuvor hatte er sie mit einem des Mordes angeklagten ehemaligen Polizisten geteilt.

Dieser wurde kurz zuvor in eine andere Zelle verlegt. Das FBI will nun diese seltsamen Vorgänge unter die Lupe nehmen. Justizminister William Barr hat sich ebenfalls eingeschaltet und will alle drei Stunden über den Stand der Untersuchung informiert werden.

Unerklärlicher Reichtum

Immer wieder ist Epstein als Milliardär bezeichnet worden. Das scheint übertrieben. In seiner bei Gericht eingereichten Verteidigungsschrift spricht er selbst von einem Vermögen in der Höhe von 559 Millionen Dollar, Immobilien und Privatjets eingeschlossen.

Wie er zu diesem Reichtum kam, ist nach wie vor ungeklärt und Gegenstand von Ermittlungen. Eine zentrale Rolle spielt dabei Leslie Wexner. Dieser ist tatsächlich Milliardär und Eigentümer eines Textilimperiums, zu dem auch die Reizwäsche-Kette Victoria’s Secret gehört.

Leslie Wexner und seine Frau. Der Milliardär hat jahrelang Epstein vertraut.

Leslie Wexner und seine Frau. Der Milliardär hat jahrelang Epstein vertraut.

Wexner hat Epstein jahrelang eine uneingeschränkte Vollmacht zur Verwaltung seines Vermögens erteilt. Nachdem die Untersuchungen gegen Epstein in Florida begannen, will er sich von ihm getrennt haben. Heute beklagt Wexner sich, Epstein habe ihn um hunderte von Millionen Dollar betrogen, er hat jedoch nie Klage gegen ihn erhoben.

Unerklärlich milde Strafe

2008 wurde Epstein zu einer Gefängnisstrafe von 18 Monaten wegen Umgangs mit Prostituierten – in den USA ein Verbrechen – verurteilt. Er konnte diese Strafe in einem Provinzgefängnis absitzen, durfte tagsüber zuhause arbeiten und wurde nach 13 Monaten frühzeitig entlassen.

Musste zurücktreten: Arbeitsminister Alex Acosta.

Musste zurücktreten: Arbeitsminister Alex Acosta.

Schon damals lagen jede Menge Zeugenaussagen vor, die bewiesen, dass Epstein einen eigentlichen Sex-Sklavinnen-Ring betrieben hat. Warum konnte er also einen für ihn derart vorteilhaften Deal abschliessen? Diese Frage konnte der damalige Staatsanwalt Alex Acosta nicht beantworten. Deshalb musste er kürzlich von seinem Amt als Arbeitsminister – Trump hat ihn in sein Kabinett geholt – zurücktreten.

Freunde an einflussreichen Stellen

Epstein war ein genialer Networker und ein gefragter Partylöwe. Dabei kannte er keine ideologischen Scheuklappen, Politiker aller Couleurs gehörten zu seinem Freundeskreis. Die prominentesten waren dabei Bill Clinton, Donald Trump, der britische Prinz Andrew und der ehemalige Premierminister von Israel, Ehud Barak.

Auch in der Wirtschaft besass Epstein einflussreiche Freunde, nebst Wexner die beiden Financiers Leon Black und Glenn Dubin. Zudem umgab er sich gerne mit prominenten Wissenschaftlern. Dazu gehörten eine Reihe von Harvard-Professoren: Der Psychologe Steven Pinker, der Ökonomieprofessor und ehemalige Finanzminister Larry Summers und der Rechtsprofessor Alan Dershowitz.

Dershowitz hat mitgeholfen, dass Epstein zu seinem vorteilhaften Deal in Florida kam. Er wird beschuldigt, ebenfalls Sex mit den Mädchen gehabt zu haben. Er bestreitet dies vehement.

Die mysteriöse Madame

Nach Epsteins Tod steht seine langjährige Freundin Ghislaine Maxwell im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Die mittlerweile 57-jährige Tochter des ehemaligen britischen Medientycoons Robert Maxwell – er starb unter mysteriösen Umständen und hinterliess rund sieben Milliarden Dollar Schulden – soll den Sex-Sklavinnen-Ring organisiert und detaillierte Kenntnisse darüber haben, wer davon profitiert hat.

Ghislaine Maxwell war lange ebenfalls eine feste Grösse in der New Yorker Partyszene und bestens verbandelt mit der Prominenz des Big Apple. So war sie etwa Gast bei der Hochzeit von Chelsea Clinton und soll Epstein seinerzeit in diese Kreise eingeführt haben.

Mehrere Opfer beschuldigen Maxwell, sie habe den Sex-Sklavinnen-Ring organisiert, und dafür gesorgt, dass Epstein zu seinen drei Orgasmen täglich kam, die er angeblich wie drei regelmässige Mahlzeiten brauchte.

Formell ist Maxwell bisher nicht angeklagt. Trotzdem ist sie von der Bildfläche verschwunden. Die britische Staatsbürgerin dürfte sich hüten, in absehbarer Zeit amerikanischen Boden zu betreten. Ihr ehemaliges Haus in Manhattan hat sie verkauft. Wo sie sich derzeit aufhält, ist unbekannt.

Auch nach dem Tod Epsteins werden die Untersuchungen weitergeführt. Seine Opfer verlangen finanzielle Wiedergutmachung, die Öffentlichkeit Klarheit darüber, wer wie von seinen Machenschaften profitiert hat, sexuell oder finanziell. Epstein soll angeblich auch im grossen Stil Geld gewaschen haben.

Die Verschwörungstheoretiker werden derweil die Gunst der Stunde nutzen. Die Epstein-Saga sei für sie eine «Desinformations-Weltmeisterschaft», wie ein Zyniker bemerkte. Die Folgen könnten verheerend sein: Die bereits emotional aufgewühlten amerikanischen Bürgerinnen und Bürger werden weiter verunsichert. Das Misstrauen in Staat und Behörden wird weiter wachsen.